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Abstinenz-Kampagne: Brasiliens Lösung für Aids und minderjährige Mütter: kein Sex vor der Ehe

Während in Deutschland Kondom-Plakate an jeder zweiten Bushaltestelle an die richtige Verhütung erinnern, setzen Brasiliens Präsident und seine Familienministerin auf einen Ansatz, der selbst 90 Prozent der Katholiken zu verstaubt ist. Sexlosigkeit ist 2020 keine Lösung.

Jair Bolsonaro mit gefaltenen Händen

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Brasilien ist das größte katholische Land der Welt

AFP

Von dem Wort "keusch" kennt in Deutschland wahrscheinlich nur noch ein Bruchteil der Jugend die Bedeutung. Jedenfalls im Norden und Osten des Landes, wo es deutlich weniger katholische Menschen gibt als im Süden. In Brasilien hingegen, dem größten katholischen Land der Welt, sieht das anders aus. Vermutlich ist das auch einer der Beweggründe, die den Präsidenten Jair Bolsonaro und seine Menschenrechts- und Familienministerin, die evangelikale Pastorin Damares Alves veranlasst haben, den Weg der Tugend zu preisen: Sexabstinenz bis zum Traualtar. "Ich entschied mich zu warten", lautet der Claim der neuen Kampagne auf Deutsch übersetzt, die Jugendliche vor ungewollten Schwangerschaften und Aids bewahren soll.

"Unsere jungen Leute haben Sex als Reaktion auf den sozialen Druck", zitiert die "New York Times" Damres Alves aus ihrer Begründung für Abstinenz als Lösung. "Man kann auf eine Party gehen und viel Spaß haben, ohne Sex zu haben." Die "Ich entschied mich zu warten"-Kampagne hatten evangelikale Pastoren ins Leben gerufen und mit großem Social-Media-Marketing und dem Hashtag #20Tippsfür2020 beworben. Ein Teil davon sind die "10 Wahrheiten über dein Liebesleben".

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Gepostet von Eu Escolhi Esperar am Sonntag, 19. Januar 2020
Jair Bolsonaro : Das sind die fragwürdigsten Zitate des neuen brasilianischen Präsidenten

Jura-Professorin: "Enthaltsamkeits-Politik ist ineffektiv"

Kritiker sehen in diesem Ansatz ein Verwaschen der Grenze zwischen Kirche und Staat. Die "New York Times" zitiert die Juristin und Fortpflanzungsrecht-Aktivistin Debora Diniz: "Wir haben 20 Jahre öffentlicher Gesundheitsstudien aus aller Welt, die zeigen, dass Enthaltsamkeits-Politik nicht nur ineffektiv ist, sondern auch schädliche Konsequenzen im Falle von Teenager-Schwangerschaften und sexuell übertragener Krankheiten hat. Wir machen Politik, die auf religiösem Glauben basiert." Der staatliche Nachdruck auf Abstinenz folgt konsequent der Präsidentschaftskampagne 2018, die Sex und Sexualität als Schwerpunktthema hatte. Nach der Wahl des ultrarechten Bolsonaro 2018 schaffte das Bildungsministerium die Diversitätsabteilung ab und an den Schulen wurden Themen wie Sexualität, Feminismus und LGBTQI  aus dem Unterricht genommen.

Laut "New York Times" sind in Brasilien etwa 62 von 1000 Schwangeren minderjährig, etwa ein Drittel mehr als im Rest der Welt, denn weltweit liegt der Durchschnitt bei 44 Minderjährigen pro 1000 Schwangerschaften. Und auch die Aidserkrankungen sind mit 41 Prozent von 2014 bis 2018 sprunghaft angestiegen. Aufklärung über sichere Verhütung könnte den Jugendlichen sicher besser helfen als moralischer Druck. Insbesondere homosexuelle Jugendliche werden im Großen und Ganzen komplett ausgeschlossen.

Quelle: "New York Times" (Plus-Inhalt)

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