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Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe: Wie finde ich nach einer Affäre zu meinem Mann zurück?

Susanne ist verzweifelt: Aus reiner Vernunft hat sie die Affäre zu einem anderen Mann beendet und will nun versuchen, ihre Ehe zu retten. Doch kann das funktionieren? Julia Peirano rät zur Ehrlichkeit.

Susanne zweifelt an der Zukunft ihrer Ehe - ihr Mann weiß von nichts (Symbolbild)

Susanne zweifelt an der Zukunft ihrer Ehe - ihr Mann weiß von nichts (Symbolbild)

Hallo Frau Peirano,
Ich bin 46 Jahre alt, seit 20 Jahren verheiratet, habe drei Kinder (13, 16, 18). Mein Mann war bisher mein erster und einziger Sexualpartner und ich war bis vor neun Monaten sehr glücklich und zufrieden in meiner Ehe und mit meiner Familie. Nun habe ich allerdings einen ebenfalls verheirateten Mann kennengelernt (er hat auch zwei Kinder, 15 und 17 Jahre alt). Wir kamen uns emotional immer näher und dem folgte dann auch die körperliche Nähe. Es waren sehr intensive und wunderschöne neun Monate, in der wir eine Affäre miteinander hatten.

Ich bin diese Affäre zunächst aus reiner Neugierde eingegangen, weil ich einmal wissen wollte, wie es sich mit einem anderen Mann anfühlt. Es war wunderschön, da die "Chemie" zwischen uns so richtig gepasst hat. Wir haben uns im Laufe dieser Zeit allerdings sehr ineinander verliebt. Als das alles zu intensiv wurde, auch von seiner Seite aus, habe ich Angst vor der Dynamik unserer Affäre bekommen und das Ganze beendet - in gegenseitigem Einvernehmen. Wir bringen es beide nicht über uns, unsere geliebten Familien zu zerbrechen. Und weiter lügen können wir beide auch nicht.

Das ist nun sechs Wochen her. Die ersten drei Wochen hatten wir noch losen Kontakt miteinander, weil uns die Trennung unendlich schwer fiel. Bei unserem letzten Telefonat, sagte er mir dann, dass er es weiterhin bei der Kopfentscheidung für seine Familie belassen wolle und keinen Kontakt haben möchte, um sich über seine Gefühle klar zu werden. Ich willigte traurig ein. Drei Tage später hatte ich ihn dann nochmals schriftlich um ein Treffen gebeten, weil ich mit diesem Weg so nicht klar komme, das hatte ich ihm am Telefon auch schon gesagt. Er antwortete dann noch, dass er einverstanden sei und sich wegen einem Termin melden würde. Das hat er dann leider nicht mehr gemacht. Ich habe nichts mehr von ihm gehört.

Ich habe mich seither auch nicht mehr bei ihm gemeldet, da ich sehr verletzt bin deshalb und ich ihm nicht hinterherlaufen möchte. Wie kann ich abschließen mit dieser Sache? Und wie finde ich wieder in meine Ehe zurück? Ich habe für mich rausgefunden, was er mir geben konnte und was mir in meiner Ehe gefehlt hat. Das versuche ich nun, auch in meine Ehe zu bringen. Allerdings weiß ich jetzt, dass ich meinen Ehemann nie so geliebt habe und dass die "Chemie" zwischen uns nicht so stimmt, wie ich es in meiner Affäre kennengelernt habe. Mir geht es momentan sehr, sehr schlecht deshalb. 

Verzweifelte Grüße,
Susanne B.

 

Liebe Susanne B.,

ich kann mir gut vorstellen, dass Sie verzweifelt sind. Als Sie sich in den anderen Mann verliebt haben, ist in Ihnen viel passiert: Sie haben sich wahrscheinlich sehr lebendig gefühlt, haben intensive Gefühle für den anderen Mann entwickelt und nebenbei wurde durch die Verliebtheit Ihr Gehirn komplett "umgebaut". Ein kleiner Exkurs in die körpereigene Chemie:

Wenn man sich verliebt, wird im Gehirn ein berauschender chemischer Cocktail produziert. Dopamin, ein körpereigenes Aufputschmittel, zaubert beste Laune und ein euphorisches Hoch. Der Serotoninspiegel wird auf das Niveau eines Zwangskranken abgesenkt. Zwangskranke beschäftigen sich stundenlang mit der Frage, ob der Herd abgeschaltet ist, Verliebte kreisen gedanklich um jedes noch so kleine Detail des Geliebten. Dazu kommt PEA, ein natürliches Amphetamin, das uns Energie zuschießt, sodass man wenig Schlaf und wenig Nahrung braucht. Man ernährt sich von Luft und Liebe. Und dazu kommt eine erhöhte Testosteron-Ausschüttung, die die sexuelle Lust steigert. Und durch den sexuellen Kontakt wird Oxytocin ausgeschüttet- ein Hormon, das für eine starke Bindung sorgt. Alles in allem ein sehr, sehr starkes Gemisch!

Das alles hat in ihrem Gehirn stattgefunden, und diese "Umbauten" werden jetzt durch den "Entzug" des Geliebten wieder rückgängig gemacht. Die Trennung ist noch sehr frisch und war, so wie es klingt, eher eine Vernunftentscheidung als ein Nachlassen der Gefühle. Sie stecken gerade mittendrin: Traurigkeit, Angst, Unruhe, Stress, Verzweiflung.

Zudem haben Sie sich durch die Beziehung zu dem anderen Mann innerlich stark von Ihrem Mann entfernt. Sie haben ihn angelogen und dadurch ist er nicht mehr Ihr Vertrauter. Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich gerade sehr einsam fühlen, denn niemand in Ihrer Familie weiß von Ihrem Verlust. Außerdem haben Sie Ihren Mann entwertet, indem Sie ihn gefühlsmäßig und sexuell mit dem anderen Mann verglichen haben: Dabei hat der andere deutlich besser abgeschnitten.

Kein Wunder, dass es sich derzeit für Sie so anfühlt, als wenn Sie vor einem (oder sogar zwei?) großen Scherbenhaufen stehen.

Was können Sie jetzt tun? Es ist ein wichtiger erster Schritt, die Trennung von Ihrem Freund zu verarbeiten und auch zu betrauern. Schreiben Sie Tagebuch, gehen Sie alleine spazieren, sorgen Sie für Bewegung (schwimmen ist sehr hilfreich!), schütten Sie einer vertrauenswürdigen Freundin Ihr Herz aus.  Dabei ist es sicherlich ein Kraftakt, keinen weiteren Kontakt zu Ihrem Freund zu haben. Das wird sehr hart sein, aber es würde die Wunden eher aufreißen, wenn Sie sich weiterhin mit ihm treffen.

Wenn Sie das Vertrauen zu Ihrem Mann wieder herstellen möchten, sollten Sie intensiv darüber nachdenken, ihm von Ihrer Affäre zu erzählen. Wenn er nichts davon weiß, dann leben Sie beide in völlig verschiedenen Gefühlswelten. Für ihn ist vermutlich alles wie immer, für Sie ist alles auf den Kopf gestellt. Ihr Mann könnte verständlicherweise Ihre Zweifel an der Beziehung, Ihre Sehnsüchte und auch Ihre Versuche, die Beziehung zu verändern, nicht verstehen. Das wäre fatal.

Wenn Sie sich ihm öffnen und von Ihren Erfahrungen erzählen, gerät erst einmal für Sie beide Ihre Beziehung ins Wanken. Aber erst wenn die Karten offen auf dem Tisch liegen, können Sie auch darüber sprechen, was Ihnen an Ihrer Beziehung fehlt, was Sie am anderen lieben und schätzen, was Sie verändern möchten und wie Sie sich eine Zukunft miteinander vorstellen können.

Ich würde Ihnen raten, diese Gespräche bei einer Paartherapeutin oder einem Paartherapeuten zu führen. Es ist sehr hilfreich, wenn eine neutrale und kompetente Person dafür sorgt, dass beide zu Wort kommen. Die Therapeutin kann von außen Rückmeldung darüber geben, wie Sie beide miteinander umgehen. Ein paar Beispiele: Manchmal lässt der eine den anderen nicht zu Wort kommen. Oder: Der eine weint, der andere schaut teilnahmslos aus dem Fenster.

Wenn diese Art von Kommunikation besteht, ist es ganz wichtig, daran zu arbeiten. Und noch ein Rat: Es ist oft sinnvoll, die Paartherapie mit offenem Ausgang zu beginnen. Es kann sein, dass Sie als Paar nach der Krise wieder zusammen finden, es kann aber auch sein, dass Sie im Prozess entscheiden, sich zu trennen.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für die kommende Zeit.
Julia Peirano

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