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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Mein Ex kümmert sich nicht um die Kinder und alles bleibt an mir hängen"

Christiane ist stinksauer: Ihr Ex kümmert sich seit der Trennung nur sporadisch um die Kinder. Für sie bedeutet das Dauerbelastung. Wie kann sie dafür sorgen, dass er seinen Pflichten nachkommt?

Aufgabenteilung nach Trennung

Ausgepowert: Der Ex von Christiane wälzt die Arbeit auf sie ab.

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich weiß nicht, wohin mit meiner Wut. Ich bin seit 10 Jahren von dem Vater meiner Tochter getrennt. Die Ehe war schrecklich. Mirko hat mich null unterstützt, sein eigenes Ding gemacht, diskutiert, wenn er mal im Haushalt mithelfen sollte (O-Ton: ich fühle mich entmannt, wenn ich ein Klo putzen soll). Ich habe alles alleine gemacht, und das mit zwei kleinen Kindern. Natürlich habe ich auch mein Geld selbst verdient und nur reduziert gearbeitet, die Kosten für unser Leben haben wir trotzdem mehr oder weniger 50/50 geteilt. Betrogen hat er mich auch einmal offiziell, und wer weiß wie oft noch heimlich. Ich war in der Zeit unglaublich einsam, überfordert mit der Verantwortung, habe mich gedreht und gewendet, damit die Kinder trotz allem eine Familie haben.
Als mein Sohn 9 war und meine Tochter 5, haben wir uns dann getrennt. Ich selbst war seeeehr erleichtert über diese Trennung. Mir fehlte absolut nichts, was Mirko betraf. Dann hatte ich ein Jahr später einen neuen Freund, und jetzt bin ich wieder mit jemandem zusammen, der sehr liebevoll ist und mich wirklich unterstützt.


Doch zurück zu Mirko: Wir hatten abgemacht, dass er die Kinder (mittlerweile 15 und 19) jedes zweite Wochenende nimmt und ansonsten nach Bedarf sich unter der Woche mit den Kindern verabreden kann. Er hat das jahrelang gemacht, mehr schlecht als Recht. Elternabende, Arztbesuche, Kinder von ihren Hobbys abholen blieb bei mir hängen, auch finanziell. Doch in den letzten Jahren wurde es zunehmend zur Katastrophe. Die Kinder haben kein Zimmer und keinen Platz bei ihm, sie schlafen im Klappbett (obwohl er gut verdient). Sie konnten deshalb auch keinen Besuch zu ihm mitbringen, auch einen Schlüssel hat er ihnen nicht gegeben, obwohl sie es wollten. Er wohnt nur 20 Minuten entfernt, aber in einer Gegend, die für die Kinder uninteressant ist. Ihre Freunde sind alle natürlich in unserer Nähe.
Er hat an seinen Wochenenden wenig mit den Kindern unternommen, so dass sie stundenlang am Handy oder Fernseher waren. Mein Sohn schickte mir öfters Filme, wie meine Tochter völlig apathisch am Handy spielte. Mein Sohn hat sich schnell arrangiert und die Papa-Wochenenden bei Freunden verbracht und Mirko nur ab und zu getroffen. Er hat jetzt schon eine eigene Wohnung, das Thema Besuchsregelung ist bei ihm durch.

Das Problem ist, dass meine Tochter immer weniger Lust hatte, zu Mirko zu gehen. Es gab in der Regel schon vor den Papa-Wochenenden schlechte Laune, und sie streunte herum und war die meiste Zeit bei Freunden. Oft stand sie auch überraschend vor meiner Tür und wollte zu Hause sein, das war nicht immer einfach. Denn wenn ich mal – nach 12 Tagen Job und Kind- ein freies Wochenende hatte, fand ich es ehrlich gesagt auch schön, mal mit meinem Freund ganz entspannt im Bett zu liegen, Zweisamkeit zu genießen und sich nicht immer um ein Kind zu drehen. Aber anscheinend ist das zu viel verlangt für eine Mutter. Mittlerweile will meine Tochter überhaupt nicht mehr zum Vater, und für ihn ist das völlig in Ordnung, sie ab und zu mal "auf einen Kaffee" zu treffen.


Ich habe das Jugendamt angerufen, in der Hoffnung, dass sie Gespräche anbieten würden, um ihn in die Verantwortung zu ziehen. Dort hieß es, dass es für das Kindeswohl besser ist, wenn meine Tochter nur noch bei mir lebt, weil sie das selbst so geäußert hat. Ich habe das natürlich dann auch so gemacht. Sie ist jetzt also immer bei uns, jedes einzelne Wochenende. Ich habe nie mehr kinderfrei. Immer können mindestens 6 Teenager unangemeldet bei uns auftauchen, ich sie nachts von einer Party abholen oder mir Zeit für ihren Liebeskummer nehmen, ihre Zickereien ertragen und sie zum Lernen drängen. Den Kühlschrank kann ich ständig nachfüllen und mehr aufräumen. Ich komme kaum zur Ruhe. Und Mirko hat Zeit für sein Liebesleben, wechselnde junge Freundinnen. Und er hatte die Nerven, mir zu sagen, er würde sich nicht mit mir absprechen, wann er unsere Tochter sieht, denn "er muss ja auch planen". Da bin ich geplatzt. Er muss planen, pickt sich die Rosinen heraus, während ich alles alles alles alles rund um die Uhr erledigen kann. Ich weiß nicht, wohin mit meiner Wut. Dazu kommt er noch vorbei, ist bei ihr im Zimmer, hat auch schon mal im Garten gelegen, als ich nicht da war. Ich möchte ihn wirklich nicht mehr sehen. Aber darf ich das? Wie gehe ich mit dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit um?

Herzliche Grüße, Christiane W.

Liebe Christiane W.,

ich kann gut nachfühlen, dass Sie sich ungerecht behandelt fühlen. Die Aufteilung der Verantwortung in der Kindererziehung ist ja auch wirklich ungerecht. Schon während der Ehe blieb alles an Ihnen hängen, dann wurde nach der Trennung eine Regelung vereinbart, an der Sie zumindest jedes zweite Wochenende mal von der Verantwortung für zwei Kinder befreit waren (eine 90 zu 10 Regel). Das war ein kleiner Ausgleich. Doch auch das war Mirko zu viel, und jetzt gibt es eine 100 zu 0 Regel. Sie sind immer in der Mutterrolle, mit allen Schwierigkeiten, die eine pubertierende Tochter mit sich bringt, und Ihr Ex-Mann kann ab und zu mal seine Kinder genießen, wenn es ihm gerade passt. Wenn Sie das aus diesem Blickwinkel sehen, könnten Sie platzen.


Ich glaube, es wäre hilfreich, wenn Sie das Ganze mal aus einer anderen Perspektive sehen. Schauen Sie sich doch einmal an, was Sie haben und was Sie können. Sie sind erwachsen und können Verantwortung übernehmen, das zeichnet Sie aus. Ihre Tochter hat eine feste Bindung zu Ihnen und fühlt sich bei Ihnen wohl, so dass Sie immer bei Ihnen, also in Ihrem Zuhause, sein will. Sie kann selbstverständlich Freunde mitbringen. Sie kriegen die Probleme und "Zickereien" Ihrer Tochter ernst und steigen immer mal wieder mit ihr in den Ring, weil sie Ihnen wichtig ist. Langfristig wird das Ihr Verhältnis mit Ihrer Tochter sehr positiv beeinflussen, und Sie werden ihr nah sein (wenn sie endlich aus der Pubertät raus ist). Ihr Ex-Mann hingegen ist innerlich nicht erwachsen geworden. Er weiß anscheinend wenig mit sich und seiner Zeit anzufangen, hat wenig Interessen, die er mit den Kindern teilt, und ist zu bequem, um Verantwortung zu übernehmen und seine Beziehung mit ihnen zu gestalten. Außerdem hat er keine großzügige und liebevolle Haltung seinen nächsten Menschen gegenüber: Er hat Ihnen kaum etwas gegeben, und er gibt auch den Kindern wenig von seiner Zeit, schafft ihnen keinen Platz. Ich kann vorstellen, dass es sehr schwer für Sie ist, mit anzusehen, wie Miro Ihrer Tochter genau die Vernachlässigung und Lieblosigkeit angedeihen lässt, unter der Sie während der Ehe so gelitten haben. Ihre Tochter spürt, dass sie bei ihrem Vater nicht willkommen ist, dass er sein Leben nicht so eingerichtet hat, dass sie dort einen festen und altersgerechten Platz hat. Irgendwann wird sie vermutlich so starke Enttäuschung und Wut auf ihn empfinden, dass sie kaum oder keinen Kontakt zu ihm haben wird. Was für ein Verlust! Würden Sie das wollen?


Das Jugendamt hat einen guten Grund, das Kindeswohl in den Mittelpunkt zu stellen. Ihre Tochter steht noch nicht auf eigenen Füßen und ist auf die Liebe und Fürsorge von Ihnen und ihrem Vater angewiesen. Da er sich entzieht und sie sich bei ihm unwohl fühlt, hat sie nur noch Sie. Und da ist es einfach undenkbar, dass Sie auf der alten Umgangsregelung bestehen. Sie haben das absolut richtig gemacht, dass Sie Ihrer Tochter, wenn auch insgeheim etwas zähneknirschend, rund um die Uhr die Tür geöffnet haben. Es wäre für sie extrem hart und kränkend, wenn sie spürt, dass keiner sie will. Seien Sie stolz auf sich, dass Sie großzügig, liebevoll und mitfühlend handeln, auch wenn es Ihre eigene Freiheit einschränkt und Ihre Entspannung erschwert.

Jetzt gibt es also zwei Probleme: Erstens ist Ihre persönliche Freiheit, auch mit Ihrem neuen Partner, bedroht. Aber muss das sein? Ihre Tochter ist 15 und kann auch mal ein Wochenende alleine bleiben, und Sie können sich Freiräume außerhalb Ihres Hauses schaffen. Zum Beispiel mal ein Wochenende wegfahren (das hat doch auch seinen Reiz), in der Wohnung Ihres Partners sein (falls Sie getrennt wohnen), ausgehen, sich gemeinsam in einer Sauna entspannen. Vielleicht können Sie mit Ihrem Partner mal Ideen sammeln, wie Sie der Horde von Teenagern immer mal wieder entkommen können? Sie können auch klare Ansagen machen, wann Sie kochen, wann Ihre Tochter sich selbst versorgen soll, wann sie auch mal bei Freunden übernachten soll, so dass Sie Ihre Ruhe haben. Sie können auch mal sagen: Heute kommt kein Besuch von Dir. Schauen Sie sich Ihre eigenen Bedürfnisse gut an und überlegen Sie sie, wie Sie das durchsetzen können. In der Regel verbringen Teenager doch die meiste Zeit in ihrem Zimmer oder mit Freunden und wollen wenig mit ihren Eltern unternehmen- das schafft doch Freiräume.


Zweitens haben Sie von Mirko wirklich die Nase voll, nach all den Jahren. Er hat sie, so wie es klingt, ausgenutzt, im Stich gelassen, gekränkt und war keineswegs ein fairer Partner an Ihrer Seite. Für mich hört es sich so an, als wenn das Tischtuch vollständig zerschnitten ist, seitdem die 90/10 Regelung geplatzt ist. Warum sollten Sie mit ihm über Erziehungsfragen sprechen, ihn integrieren und einbeziehen, ihn als gerne gesehenes Familienmitglied zu Hause empfangen? Jetzt, wo er eine Randfigur im Leben Ihrer Tochter ist, können Sie doch endlich einen klaren Schnitt machen. Wenn Ihnen danach ist, ihm Hausverbot zu erteilen, möglichst ohne dass Ihre Tochter das explizit mitbekommt, können Sie sich in Ihrer Familienumgebung schützen. Beschränken Sie am besten den Kontakt zu ihm auf das allernötigste – und das am Besten per Email, so dass es keine Berührungspunkte gibt. Dann können Sie endlich mit diesem düsteren und leidigen Kapitel abschließen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano 

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