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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Meine Frau will alles allein erledigen und nimmt keine Hilfe an"

Frank-Arne macht sich Sorgen, denn seine Frau ist offensichtlich überfordert mit ihrem Job, dem Haushalt, den drei Kindern - eigentlich mit allem. Doch Hilfe lehnt sie strikt ab. Und zieht sich in die Opferrolle zurück. Für Julia Peirano kein unbekanntes Schema.

Frau sucht immer die Opferrolle

Frau sucht immer die Opferrolle - wie kann man auf Augenhöhe diskutieren.

Liebe Frau Peirano,

meine Frau und ich driften immer weiter auseinander. Sie ist überfordert von ihrem Beruf (Sozialarbeiterin) und unseren drei Kindern (14,12 und 9; der mittlere Sohn hat Epilepsie). In der Folge ist meine Frau sehr oft schlecht gelaunt und vorwurfsvoll. Ich versuche, sie zu entlasten, wie ich nur kann. Nach der Arbeit frage ich sofort, was ich helfen kann. Sie sagt aber meistens: "Nein, das geht schon", und dann sehe ich, wie sie sich abmüht, aber nicht helfen lässt. Auch die dürfen bei ihr nicht mithelfen. Und kurz darauf sitzt sie mit Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen am Tisch und ist sichtlich angespannt.
Ich verstehe nicht, warum sie sich nicht helfen lässt. Gespräche über unsere Ehe blockt sie ab und sagt, es sei alles in Ordnung, obwohl das offensichtlich nicht der Fall ist.

Was kann ich machen?
Viele Grüße, Frank-Arne B.

Lieber Frank-Arne B.,

ich kann mir vorstellen, dass es hart für Sie ist, untätig zusehen zu, wie Ihre Frau sich selbst überfordert. Das ist frustrierend, denn Sie wissen ja genau, wohin das führt. Einerseits hat Ihre Frau körperliche und seelische Schmerzen, und andererseits wird Ihre Beziehung dadurch erheblich belastet. Außerdem ist das Ablehnen Ihrer Hilfe für Sie entwertend, weil Ihre Frau Ihnen damit zeigt, dass sie Sie als Partner nicht wirklich ernst nimmt. Sie macht stattdessen alles im Alleingang und begibt sich damit in die Rolle der einsamen, überforderten Mutter – obwohl sie ja mit Ihnen einen Partner an der Seite hat, der Ihr helfen möchte.

Bedenklich finde ich auch, dass Ihre Frau nicht bereit ist, mit Ihnen zu sprechen. Sie blockt das Gespräch ab und verleugnet die Tatsache, dass sie sich überfordert fühlt. Doch die Überforderung wird dann wieder eingesetzt, um Ihnen zu signalisieren, wie schlecht es ihr geht.

Es hört sich so an, als wenn Ihrer Frau gar nicht so viel daran gelegen ist, die anfallenden Aufgaben möglichst entspannt zu erledigen. Wäre das der Fall, könnten Sie sich zusammensetzen und überlegen, wer welchen Bereich übernimmt. Die Kinder hätten feste Aufgaben, und sicher bleibt Ihnen bei zwei Gehältern auch noch etwas übrig für eine Putzhilfe, einen Lieferservice oder ähnliche Dienstleistungen im Haushalt.

Ihre Frau bemüht sich aber nicht um eine pragmatische Lösung. Im Gegenteil: Sie weist die Hilfsangebote von sich, um dann überfordert zusammen zu brechen. Weil das Verhalten Ihrer Frau irrational ist, müssten wir uns fragen, warum Sie sich so verhält.

Meine Hypothese: Möglicherweise hat Ihre Frau von ihrer eigenen gelernt, dass eine Frau und Mutter sich ständig für die Familie aufopfern muss. Möglicherweise hat der Vater Ihrer Frau im Haushalt keinen Finger gerührt, sondern tatenlos zugesehen, wie seine Frau alles alleine erledigt hat. Ihre Frau wiederholt nun dieses Muster, obwohl sie einen Mann an der Seite hat, der – wie es heute üblich ist – die Aufgaben fair mit ihr teilen möchte.

Opferrolle und Schuldgefühle

Der Nutzen der selbstaufopfernden Frauen- und Mutterrolle ist, dass die Frau Selbstbestätigung gewinnt, weil sie so leidet. Sie spürt sich und ihre eigene Wichtigkeit nur, wenn sie über ihre eigenen Grenzen gegangen ist und Schmerzen empfindet. Zudem bekommen die Kinder und der Ehemann durch die Schmerzen Schuldgefühle, wodurch die Mutter sich selbst moralisch aufwerten kann. "Schaut mal, ich bin die Einzige, die sich hier immer für die Familie einsetzt. Alle anderen sitzen nur träge herum und lassen mich schuften". Die Rolle des Opfers hat, so merkwürdig es klingt, eben auch gewisse Vorzüge. Man fühlt sich gebraucht und unersetzlich. Die eigenen Leistungen bekommen scheinbar mehr Gewicht, wenn sie hart erkämpft wurden (und nicht locker von der Hand gegangen sind). Es hört sich so an, als wenn Ihre Frau in Ihrem bisherigen Leben nicht gelernt hat, auf sich selbst zu achten und Selbstfürsorge zu betreiben. Dazu würde gehören, Aufgaben auch mal liegen zu lassen, andere um Hilfe zu bitten, mal fünfe gerade sein zu lassen und sich im Haushalt Aufgaben zu suchen, die einem selbst Spaß machen.

Ich empfehle Ihnen, dieses Thema Ihrer Frau gegenüber offen zu benennen. Immer, wenn Sie sehen, dass Ihre Frau sich überanstrengt, könnten Sie ihr sagen: "Ich biete dir an, in den Supermarkt zu fahren oder hier noch einmal zu saugen. Wir können auch grundsätzlich überlegen, wie wir die Aufgaben besser aufteilen können. Was möchtest Du?"
Wenn Ihre Frau dann wieder sagt, dass sie alleine klarkommt, können Sie ihr sagen, wie Sie sich damit fühlen (Sie sind genervt, ärgern sich, fühlen sich hilflos). Sagen Sie Ihr klipp und klar, was in Ihnen vorgeht, wenn Sie sich jetzt ausruhen, während Ihre Frau sich überfordert.

Schließen Sie das Thema dann damit ab, dass Sie sie fragen, welche Gründe sie für Ihr Verhalten hat bzw. welchen Nutzen sie daraus zieht. Vielleicht bringt das Ihre Frau zum Nachdenken.

Außerdem könnten Sie mal überlegen, welche Bereiche im Haushalt bzw. Garten Sie selbst federführend erledigen wollen. Teilen Sie ihr das am besten mit und bitten Sie sich, sich künftig aus diesen Gebieten herauszuhalten. Damit sorgen Sie selbst dafür, dass die Schieflage der Arbeitsteilung in Ihrer Beziehung wieder ins Lot kommt.

Ich hoffe, dass sich mit beharrlicher Wiederholung Ihrer Gefühle und Ihrer Frage, warum sie sich so verhält, etwas Bewegung in das Thema kommt.

Ganz herzliche Grüße, Julia Peirano

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