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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich habe Angst, dass der Kindsvater wieder abhaut und meinen Sohn enttäuscht"

Helene war schwanger, als sie vor zwölf Jahren verlassen wurde. Sie zog ihren Sohn alleine groß. Nun haben Vater und Sohn Kontakt und verstehen sich super. Doch Helene hat Angst: Was passiert, wenn der Ex wieder verschwindet und den Sohn enttäuscht?

Wird der Sohn wieder vom Vater verlassen?

Wird der Sohn wieder vom Vater verlassen?

Liebe Frau Peirano,

Vor etwa 11 Jahren war ich mit einem Mann (Michael) sehr glücklich liiert. In unserer Beziehung gab es keine Probleme, aber dennoch haute er einfach ab und war weg und davon. Ein paar Wochen später bemerkte ich, dass ich schwanger war. Ich entschied mich allerdings, ihm nichts davon zu berichten. Vor ca. vier Monaten bat mein Sohn mich, seinen Vater kennenlernen zu dürfen. Da ich seinen Wohnort seit kurzem kannte, erlaubte ich es. Es folgten viele Besuche und obwohl der Kindsvater am Anfang unser Kind eher als Belastung sah, wuchs sowohl eine enge Vater-Kind-Beziehung als auch zwischen mir und ihm ein gutes Verhältnis heran. Natürlich wünsche ich meinem Sohn einen Vater, allerdings habe ich einfach Angst, dass mein Ex wieder verschwindet und unseren Sohn total enttäuscht zurück lässt.
Soll ich den Kontakt abbrechen oder weiter bestehen lassen?
Herzliche Grüße Helene F.

Liebe Helene,

ich habe beim Lesen Ihrer Frage bemerkt, dass es zwei verschiedene Perspektiven gibt. Einerseits Ihre, andererseits die Ihres Sohnes. Es ist wichtig, die beiden Perspektiven klar voneinander zu trennen.


Sie haben Michael geliebt und er hat Sie plötzlich verlassen. Das muss damals ein harter Schlag gewesen sein! Es hört sich so an, als wenn Sie keine Chance hatten, mit ihm zu reden und die Gründe zu verstehen. Insofern kann ich gut nachfühlen, dass Sie kein Vertrauen mehr zu Michael haben, und ich würde auch die Alarmglocken läuten hören, wenn Sie mit ihm eine neue Liebesbeziehung eingehen würden, ohne bis in die allertiefsten Tiefen geklärt zu haben, was damals mit ihm los war. Sicherlich ist es für Sie ganz heilsam, dass Sie jetzt wieder freundschaftlichen Kontakt zu ihm haben und er wieder in Ihrem Leben ist.

Ganz anders sieht das Thema aus Sicht Ihres Sohnes aus. Er ist ohne Vater aufgewachsen. Sie haben damals entschieden, Michael nichts von der Schwangerschaft und Geburt Ihres Sohnes zu sagen. Michael ist Vater geworden, wusste aber nichts davon. Deshalb konnte er sich auch nicht entscheiden, für Ihren gemeinsamen Sohn da zu sein. Möglicherweise hätte er sich ja um das Kind gekümmert, und möglicherweise hätte das auch Ihrem Sohn einiges an Leid erspart.
Jetzt hat Ihr Sohn auf eigenen Wunsch Kontakt zu seinem Vater aufgenommen, und Sie haben ihn dabei unterstützt, indem auch Sie wieder Kontakt zu Michael aufgebaut haben. Es hört sich so an, als wenn Sie drei die Aufgabe gut bewältigt haben: Michael und Ihr Sohn haben ein enges Verhältnis, und Sie und Michael verstehen sich gut. Wenn Michael jetzt noch einmal aus Ihrem Leben verschwinden würde, würde er nicht nur Sie verletzen, sondern auch ein 12-jähriges Kind.

Denken Sie doch einmal in Ruhe darüber nach, ob es wahrscheinlich ist, dass Michael wieder die Flucht ergreift. Die folgenden Fragen können Ihnen helfen, sich ein Urteil zu bilden.


- Gibt es in Michaels Geschichte Anzeichen dafür, dass er das Weite sucht, wenn eine Beziehung ernst wird? Hat er nach Ihrer Trennung schon andere Frauen oder auch andere Kinder verlassen? Wechselt er zum Beispiel oft den Wohnort, hat wenig beständige Freundschaften?

- Ist Michael ein charakterlich unsteter, bindungsloser Mensch? Übernimmt er für Menschen in seinem Leben Verantwortung? Hat er einen Beruf, in dem er Verantwortung für andere Menschen übernimmt (z.B. Lehrer, Krankenpfleger…) Gibt er Tiere weg, wenn Sie ihm lästig werden? Kümmert er sich um seine Eltern, wenn diese noch leben?
- Ist er ein Mensch, der lange bei einer Sache bleiben kann – oder eher nicht? Gibt es viele Wechsel und Abbrüche in seinem Leben (ständig neue Jobs, Hobby anfangen und wieder aufhören, wenn er das Interesse verliert, viele Affären).
- Was äußert Michael selbst über Ihren gemeinsamen Sohn – und wie verhält er sich ihm gegenüber? Ist er eher ein "Spaß-Vater", der unangemeldet auftaucht, Spaß macht und dann geht, wenn es anstrengend wird? Hält er Absprachen ein? Macht er leere Versprechungen? Ruft er Ihren Sohn auch mal an oder kümmert sich, wenn wichtige Dinge passiert sind (z.B. Krankheit, verpatzte Mathearbeiten, kaputte Fahrräder, Streit mit Freunden)? Geht es Ihrem Sohn gut in der Beziehung zu Michael - oder hat auch Ihr Sohn Angst, dass sein Vater ihn wieder verlässt?


- Wie sieht Michael es aus heutiger Sicht, dass er Sie verlassen hat und auch nicht zu einer Klärung bereit war? Gibt es einen plausiblen Grund? Schämt er sich heute dafür? Hat er Ihnen gegenüber Mitgefühl und versteht, wie sehr er Sie verletzt hat – und wie hart es möglicherweise war, ein Kind alleine aufzuziehen?

Ich rate Ihnen, diese Fragen in Ruhe zu beantworten, denn Sie können Ihnen wichtige Anhaltspunkte dafür geben, ob das Risiko besteht, erneut verlassen zu werden. Hören Sie dabei unbedingt auf Ihr Bauchgefühl – das Bauchgefühl ist oft viel "schlauer" als der Kopf"!
Wenn Sie Angst haben, dass Michael wieder geht, könnten Sie mit ihm sprechen und ihm aufzeigen, wie schwierig das für den Sohn wäre.

Sie könnten sich auch bewusst machen, was Sie alles geleistet haben, dass Sie alleine Ihren Sohn großgezogen haben. Wenn Michael wieder gehen würde, würden Sie das auch weiterhin schaffen! Sie als Mutter können niemals den Vater ersetzen. Michael weiß jetzt, dass er einen Sohn hat. Wenn er sich trotz allem aus zu der Affäre zieht und die Verantwortung verleugnet, die er hat, dann ist und bleibt er immer noch der Vater. Das kann und wird für Ihren Sohn schwierig sein, sich mit der Wut und Enttäuschung über den abwesenden Vater auseinander zu setzen. Doch immerhin hat er jetzt ein Gesicht vor Augen und einige Erinnerungen. Er weiß, auf wen er wütend sein kann! Auch das ist für Ihren Sohn sehr wertvoll.

Sagen Sie sich zu Ihrer eigenen Entlastung immer wieder: Ich bin nicht der Vater, und ich kann nicht beeinflussen, was Michael macht. Ich trage auch nicht die Verantwortung dafür, dass muss er selbst tun.

Aber es kann ja auch alles von Dauer sein! Ich wünsche Ihnen, dass es weiter so positiv ist und Sie Michael in Ihrem Leben behalten.

Herzliche Grüße Julia Peirano 

Kommentare (3)

  • Sidiqa
    Sidiqa
    Ich verstehe das Problem nicht, Helene. Natürlich sollten Sie den Kontakt aufrecht erhalten, denn ein Kind hat das Recht, seine Wurzeln zu kennen. Wenn Michael da mitmacht - etwas Besseres kann gar nicht passieren. Ich glaube auch nicht, dass er sich wieder zurückzieht, er scheint im Gegenteil sehr interessiert an seinem Sohn (von dessen Existenz er ja lange Zeit offenbar nichts wusste!!) zu sein. Ich würde hier die Vergangenheit - im Interesse des Kindes - ruhen lassen und auf Freundschaft setzen.
  • haru
    haru
    Helene,
    mir kommt es vorals ob sie sich davor fürchten, dass Micheal wieder abtaucht und nicht ihr Sohn, weil Sie sich weider zu imhm hingezogen fühlen. Auch erwähnen Sie mit keinem Wort, dass es eine Aussprache zwischen ihnen über sein Verschwinden gab. Gab es keiens kann kein vertrauen entshen, ist es für sie unbefiedigneg verlaufen genauso. Ihr Sohn würde es trotzdem nie verstehen, wenn Sie den Umgang mit seinem Vater untersagen würden.

    Wenn Sie sich fürchten, dass zu viel Nähe entsteht, stellen sie klare Regeln auf und teilen das Michael und ihrem Sohn mit . Mit 11 Jahren kann man verstehen, dass Sie zu enttäuscht sind um ihr Leben wieder auf den Kopf zu stellen und nach Michael auszurichten.
  • Kornfeld
    Kornfeld
    Helene, wenn Sie den Kontakt zu Ihrem Ex jetzt abbrechen, weil Sie befürchten, Ihr Ex verdünnisiert sich ein weiteres Mal, dann sind Sie in den Augen Ihres Sohnes die "Böse". Ihr Sohn wäre genauso enttäuscht, dass er seinen Vater nicht mehr sieht. Warten Sie lieber ab, was der Ex macht. Bleibt er Ihrem Sohn ein anwesender bzw ansprechbarer Vater, dann ist es Ok für beide. Verschwindet er, dann trösten Sie Ihren Sohn. Jedoch sind Sie dann nicht der Motor des Kontaktverlustes, sondern Ihr Ex ist es.

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