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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Der Lockdown macht mich einsam und mir fällt die Decke auf den Kopf - wie komme ich durch das Tief?

Während des Herbstes ist der Lockdown härter als im Frühjahr (Symbolbild)
Während des Herbstes ist der Lockdown härter als im Frühjahr (Symbolbild)
© martin-dm / Getty Images
Nach einem Umzug hatte Elzbieta noch nicht viel Zeit, sich einzugewöhnen. Dann kam der Lockdown. Wie kann sie mit der daraus entstehenden Einsamkeit und den Eheproblemen umgehen?

Liebe Frau Peirano,

(Der Bericht wurde aus dem Englischen übersetzt)

ich komme aus Polen und bin im Februar mit meinem Mann nach Deutschland gezogen. Ich bin 31, Biologin und habe noch keinen Job, da ich erst einmal Deutsch lernen muss. Ich bin sicher, dass es vielen so geht wie mir. Aber mir macht dieser zweite Lockdown noch viel mehr zu schaffen als der Erste. Ich habe Angst, depressiv zu werden oder vielleicht schon zu sein. Das hat sicher auch mit der dunklen Jahreszeit zu tun und mit der Frage, ob ich Weihnachten irgendjemanden aus meiner Familie sehen kann. Ich fühle mich so alleine und vermisse meine Familie.

Mein Mann arbeitet sehr viel und ist gereizt und überlastet, wenn er nach Hause kommt (oft erst nach 21 Uhr). Ich bin den ganzen Tag alleine und meine neuen Bekanntschaften sind zur Zeit auf Eis gelegt. Ich habe gekellnert und habe dort Leute aus der Heimat getroffen, aber die Restaurants sind geschlossen. Der Deutschkurs findet nur online statt, und die anderen wohnen weit weg und wollen sich wegen Corona auch nicht treffen. Mir fällt zu Hause die Decke auf den Kopf. Ich stehe morgens schon auf und frage mich, wie ich den Tag herumkriegen soll.

So kenne ich mich eigentlich nicht. Ich hatte nach einer Trennung schon einmal eine depressive Phase, und es macht mir Angst. Ich sehe viel Fern, bin viel im Internet, aber so alleine rausgehen finde ich traurig. 

Und wenn mein Mann nach Hause kommt, gibt es oft Streit, weil er so gestresst ist.

Wie komme ich aus dem Loch heraus?

Viele Grüße,

Elzbieta Z.

Liebe Elzbieta Z.,

Sie haben völlig Recht mit der Annahme, dass es vielen so geht wie Ihnen. Der erste Lockdown kam mit dem Frühling zusammen, die Tage wurden heller und es bestand die Aussicht auf eine Lockerung der Einschränkungen im Sommer (was ja auch eingetreten ist).

Jetzt werden die Tage immer dunkler, der Winter steht vor der Tür, und damit ziehen sich die Menschen mehr in ihre Häuser zurück. Sie treffen in der Regel nur die wichtigsten Freunde oder Verwandten und sind wenig offen für neue Bekanntschaften. Wer den ganzen Tag ohne Gesprächspartner zu Hause ist, kann schnell unter der Einsamkeit leiden.

Bei Ihnen kommt noch erschwerend dazu, dass Sie derzeit kein geregeltes Leben haben, weil Sie nicht arbeiten und hier erst einmal ein soziales Netz aufbauen müssen. Es trifft Sie besonders hart, dass nun diese zarten Pflänzchen der Kontakte nicht weiter gepflegt werden können, weil Sie sich nicht treffen können. Wie wäre es denn, wenn Sie sich trotzdem mal einen Plan machen, wie Sie unter Menschen kommen können?

  • Fangen Sie doch einmal mit den alltäglichen Dingen an: Wo können Sie einkaufen gehen und dabei mit Menschen in Kontakt kommen? Wo gibt es Läden (oder Wochenmärkte), in denen es persönlicher zugeht und das eine oder andere nette Wort gewechselt wird?
  • Haben Sie andere tägliche Routinen, bei denen Sie Menschen treffen? Wenn nicht, was können Sie machen? Eine Patientin hat sich zum Beispiel durch eine Annonce Hunde ausgeliehen, mit denen sie spazieren geht, um durch den Hund Gesellschaft zu haben und in Kontakt mit anderen Hundebesitzern zu kommen. Eine andere Patientin hat sich eine Reitbeteiligung gesucht und im Stall Anschluss gefunden.
  • Stellen Sie doch einmal eine Liste auf mit allen Menschen, die Ihnen wichtig sind. Wie sieht es mit Ihren Eltern/Geschwistern/ Freunden aus der Heimat aus? Können Sie sich vielleicht regelmäßig zu einem Videotelefonat verabreden? Welche Menschen gibt es vor Ort, die Sie trotz des Lockdowns zum Spazierengehen oder einem Gespräch treffen können? Machen Sie am besten eine Liste und werden Sie aktiv. Und es ist völlig okay, wenn Sie sagen, dass Sie sich einsam fühlen.
  • Erstellen Sie sich eine Tagesstruktur und hängen sich diese deutlich sichtbar an die Wand. Wann stehen Sie auf, wann gibt es Frühstück, wie oft am Tag gehen Sie aus dem Haus (und sei es, dass sie täglich einkaufen oder mal in den Baumarkt fahren, um etwas zu Hause zu verschönern), wann gibt es Mittagessen, wann verabreden Sie sich, wann treiben Sie Sport, wann sind Zeiten zum Fernsehen und wann gehen Sie ins Bett? Wenn die Struktur nicht gut funktioniert, verbessern Sie sie so lange, bis sie für Sie passt.
  • Wie möchten Sie die Zeit mit Ihrem Mann verbringen? Ich denke, dass es wichtig ist, dass Sie beide die Zeit für etwas Schönes oder Ablenkendes nutzen, z.B. Karten spielen, gemeinsam kochen, spazieren gehen (und dabei über neutrale oder positive Dinge sprechen). Erzählen Sie Ihrem Mann, wie Sie sich fühlen und was Sie brauchen und was nicht. Wahrscheinlich sind negative Stimmungen und problematische Gespräche für Sie im Moment genau das Falsche, da es Ihnen selbst nicht gut geht. Deshalb planen Sie mit Ihrem Mann gemeinsam, wie Sie Ihre Zeit verbringen wollen und worüber Sie auch sprechen wollen.
  • Setzen Sie sich täglich kleine Ziele: Zum Beispiel ein neues Gericht kochen, einen Stadtteil oder eine Gegend mit dem Fahrrad oder zu Fuß erkunden, etwas Neues lernen (online-Yoga, Do-it-Yourself-Techniken wie Acrylmalerei, ..) oder fangen Sie wieder mit etwas an, was Sie früher gerne gemacht haben (Gitarre spielen, Lesen)…
  • Spüren Sie bewusst nach, was Ihnen in der Einsamkeit am meisten fehlt: Gemeinsames Lachen, Lob, Gespräche über alltägliche Dinge, gemeinsame Unternehmungen. Und versuchen Sie, die Kontakte mit anderen Menschen so zu gestalten, dass Sie etwas davon bekommen, was Sie brauchen.

Mit meinen Anregungen will ich eigentlich sagen: Werden Sie aktiv. Auch wenn es schwer ist: Bemühen Sie sich um Ihre Zufriedenheit. Denn wenn Sie deprimiert und antriebslos zu Hause sind, wird es Ihnen auf Dauer noch schlechter gehen.

Struktur und Erfolgserlebnisse helfen, um aus dem Tief heraus zu kommen. Lassen Sie sich von Rückschlägen nicht zu sehr entmutigen, sondern bleiben Sie neugierig auf das, was Ihnen gut tut. Es wird sicher etwas dauern, bis Sie sich ein zufrieden stellendes Leben aufgebaut haben, aber schon der Wille zählt und verbessert die Laune, denn dadurch gewinnen Sie die Kontrolle wieder.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Zeit konstruktiv nutzen und sich hier trotz widriger Bedingungen gut einleben. Wenn Sie das jetzt lernen, wird es Ihnen auch in späteren Krisenzeiten helfen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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