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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich bin verheiratet, aber ich fühle mich plötzlich zu anderen Männern hingezogen

Flirts sind für Lina auf einmal spannend wie nie (Symbolbild)
Flirts sind für Lina auf einmal spannend wie nie (Symbolbild)
© martin-dm / Getty Images
Seit ihrer Jugend war Lina der Typ für lange Beziehungen. Und auch in ihrer Ehe nahm sie andere Männer kaum war. Bis jetzt. Doch wie soll sie umgehen, dass Sie plötzlich immer öfter andere Männern attraktiv findet?

Sehr geehrte Frau Peirano,

ich befinde mich in einer verwirrenden Situation. Ich bin 30 Jahre alt, Lehrerin und seit fünf Jahren verheiratet, mein Mann und ich sind schon seit zehn Jahren zusammen. Bis vor ca. einem Jahr habe ich andere Männer gar nicht "gesehen", ich habe wirklich nie attraktive Männer wahrgenommen, obwohl sie mir sicherlich über den Weg liefen. Ich war auch eher der Beziehungstyp "Klette" und sehr häuslich und in der Beziehung eher ängstlich. Bei Streitigkeiten habe ich sehr schnell klein beigegeben.  

Ich glaube, dass es daran liegt, dass ich in meiner Jugend ein traumatisches Erlebnis hatte. Ich bin mit elf Jahren nach Hause gekommen und habe meinen Vater nach einem Unfall halbtot aufgefunden, nach einigen Wochen im Krankenhaus ist er dann gestorben. Ich habe in meiner Kindheit/Jugend sehr darunter gelitten und oft geweint.

In der Pubertät hatte ich dann sehr schnell feste Beziehungen, die auch ein bis zwei Jahre hielten. Das lag aber zugegeben auch daran, dass ich mich sehr an meine Partner angepasst habe. Ich konnte gar nicht alleine sein, denn ich hatte oft Albträume, brauchte die Sicherheit eines Gegenübers. Auch meinen jetzigen Mann habe ich noch in dieser Gefühlswelt kennen gelernt. Er ist sehr fürsorglich und macht alles für mich und unterstützt mich. Das hat sehr gut zu mir gepasst und mir ist das auch heute noch wichtig.

Allerdings hat sich vor gut einem Jahr etwas verändert: Ich habe mein Referendariat in einem anderen Bundesland absolviert und bin dorthin überwiegend gependelt, so dass wir nur sehr wenig Zeit zusammen hatten.  Ich glaube ich bin in dieser Zeit mental sehr gereift, auch durch die vielen Prüfungen, die ich sehr gut gemeistert habe. 

Zudem habe ich die Pille abgesetzt, weil ich sie nicht mehr vertragen habe (In einigen Jahren hätte ich gerne Kinder). Ich hatte vorher von Freundinnen gehört, dass sich die Pille bei ihnen emotional ausgewirkt hat. Und ich muss sagen, ich weiß nicht ob die Pille eine Frau derart beeinflussen kann, aber ich fühle mich verändert. Seit ich einen natürlichen Zyklus habe, fühle ich mich besonders während der fruchtbaren Tage extrem attraktiv, ich kleide mich auch gerne figurbetont und werde sehr oft angeflirtet. Jeden Monat finde ich dann z.B. einen Mann aus dem Freundeskreis, den Chef, einen Verkäufer etc. wahnsinnig attraktiv und selbst kurze Begegnungen veranlassen mich zu Tagträumen. 

Bisher bezogen sich diese Träumereien aber auf eher unerreichbare Männer und nach ein paar Tagen hatte ich sie vergessen. Nun gibt es  einen Kollegen, der sich intensiv um mich bemüht. Wir sind sehr auf einer Wellenlänge und ich denke oft an ihn. Ich habe das Gefühl gar nicht genau erklären zu können, was mein Problem ist. Das monatliche wiederkehrende Gefühls- und Gedankenchaos belastet mich. Ich habe auch ein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Mann, der von alldem nichts weiß. Wie kann ich meine Gedanken ordnen?  

Viele Grüße

Lina M.

Liebe Lina M.,

Ich kann verstehen, dass Sie sich verwirrt fühlen. Schließlich haben Sie sich stark verändert und entdecken bislang fremde Seiten an sich. Die Gründe, die Sie dafür nennen, finde ich sehr plausibel: Sie sind schon lange mit Ihrem Freund zusammen und hatten vorher auch eher festere Beziehungen. Nun sind Sie zum ersten Mal auf sich alleine gestellt und können sich entdecken und ausprobieren.

Sicher spielt auch das Absetzen der Pille eine Rolle in Ihrem Verhalten über den Zyklus und auch in der Präferenz, welche Männer Sie anziehend finden. Die Pille gaukelt einer Frau hormonell eine Schwangerschaft vor, dadurch fühlt sie sicher eher zu fürsorglichen Männern hingezogen.  

Es hört sich so an, als wenn Sie jetzt Ihre autonome Seite entdecken, nachdem Sie bislang eher Ihre bindungsbetonte Seite ausgelebt haben. Alle Menschen haben von frühester Kindheit an zwei wichtige Grundbedürfnisse: Das nach Bindung und das nach Autonomie. Unsere Gene und unsere Lebenserfahrungen bestimmen, welcher dieser Teile überwiegt. Schon kleine Kinder brauchen Ihre Bezugsperson und empfinden Angst, wenn diese sich zu lange entfernt. Aber dann wieder gehen sie auf eigene Faust auf Entdeckungstour, stoßen die Mutter weg und sagen empört: ich kann das alleine. Und Teenager wollen so lange ohne die Eltern ausgehen und feiern, bis etwas schief geht. Dann bauen sie auf die Hilfe der Eltern und fühlen sich mal wieder geborgen im Schoß der Familie.

Das nähesuchende und das autonome Verhalten wechseln sich ab, im besten Falle halten sie sich im Erwachsenenleben die Waage. Sicher gebundene Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass sowohl die Nähe als auch die Autonomie in gesundem Maß ausbalanciert sind. Ich halte es bei Ihnen für gesund, dass Sie Ihre Autonomie stärken. Bestimmt hat der Tod Ihres Vaters in Ihrer Jugend Ihnen Angst gemacht und dadurch haben Sie mehr Wert darauf gelegt, dass Ihre Partner immer nah bei Ihnen waren - das, was Sie als "Klette" bezeichnen. Jetzt sind Sie auf sich gestellt, mit Ihrem Mann im Hintergrund, und können sich ausprobieren. Soweit, so gut.

Ich kann mir aber vorstellen, dass es zu einer großen Erschütterung von Ihnen und Ihrem Mann kommt, wenn Sie so weiter machen wie bisher und wahrscheinlich über kurz oder lang Ihrem Kollegen in den Armen liegen. Das Vertrauen Ihres fürsorglichen Mannes wäre zerstört, und Sie wären wahrscheinlich auch nicht glücklich mit Ihrem Verhalten und der Entscheidung, die es nach sich ziehen würde (und dem Schaden, den es verursachen würde).

Wie wäre es, wenn Sie mit Ihrem Mann über sich und Ihre Veränderungen sprechen, bevor etwas passiert? Möglicherweise hat auch Ihr Mann das Bedürfnis nach etwas mehr Freiheit, vielleicht würde auch er sich gerne an der einen oder anderen Stelle ausprobieren. Ich habe aus den vielen Sitzungen, in denen es um Untreue ging, von den allermeisten Menschen gehört, dass es sie sehr verletzt, nichts oder zu spät gewusst zu haben, was der Partner gemacht hat. Nur sehr wenige Menschen wollen nichts davon wissen, wenn ihr Partner eine Affäre hat.

Wie schätzen Sie Ihren Mann ein? Würde er es verstehen, wenn Sie beide mehr Freiräume - auch für sexuelle Erfahrungen mit anderen - haben? Oder würde es Ihrer Beziehung gut tun, wenn Sie beide zusammen mehr ausprobieren und sich entdecken, z.B. durch Reisen, (Extrem)Sport, offenen Gesprächen über sexuelle Wünsche? Sie machen auf jeden Fall den Eindruck einer gewissenhaften Frau und es würde Ihnen bestimmt gut tun, sich Gedanken zu machen, bevor  es zu spät ist. Vielleicht können Sie das auch dem Kollegen signalisieren, der sich intensiv um Sie bemüht, obwohl er weiß, dass Sie verheiratet sind.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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