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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich habe mich in eine leidenschaftliche Affäre verstrickt - was soll ich nur tun?

Leidenschaft, Lust und sogar ein bisschen Verliebtsein - zwischen Jennifer und ihrer neuen Bekanntschaft hat es richtig gefunkt. Wenn da nur nicht dieses klitzekleine Problem wäre, dass beide bereits verheiratet sind.

Hallo liebe Frau Peirano,

Ich schreibe hier aus Verzweiflung heraus und hoffe auf ein paar kleine Wegweiser. Ich bin im August einem Mann sehr nahe gekommen. Das Drama beginnt hier schon, da wir beide verheiratet sind. Dass das nicht okay ist, weiß ich selbst. Leider konnte ich nichts gegen Amors Pfeil unternehmen.

Mittlerweile ist es so, dass die Geschichte mir immer mehr die Luft zum Atmen nimmt. Seine Aussagen passen nicht zu seinen Handlungen, auf der anderen Seite investiert er viel. Ich weiß mittlerweile nichts mehr. Er sagt selbst, dass er nicht weiß, wohin das alles führen wird. Er empfindet es aber als großes Glück, mich kennen gelernt zu haben.

Es ist furchtbar, aber ich empfinde langsam Liebe für diesen Mann und würde mir fast wünschen, dass es ein Wir geben wird.

Ich kann nicht ganz deuten, ob er ein Player ist oder ein Mann mit viel Gefühl, der auch in seiner Situation gefangen ist…

Wahrscheinlich habe ich den einen oder anderen Fehler gemacht, jedoch würde ich sagen, nichts Gravierendes. Kein Geklammer und keine emotionale Abhängigkeit. Eher mehr Distanz zwischen den schönen Momenten.

Ich bin mittlerweile sehr verzweifelt und würde es gerne beenden, da die Situation nicht so bleiben kann. Die Angst, dass er mir sehr fehlen wird und ich Liebeskummer habe, und auch die Sorge, dass ihm das vielleicht egal ist, hindern mich sehr daran. Und man möchte niemanden verlassen, für den man sehr viel Gefühl hat. 

Vielleicht können Sie mir weiter helfen.

Viele Grüße,

Jennifer F.

Liebe Jennifer F.,

Es hört sich so an, als wenn Sie sich in eine Geschichte verstrickt haben, die Sie völlig gefangen nimmt und Ihnen die Kraft zum Leben raubt, die Sinne vernebelt und in Ihrem Kopf keinen klaren Gedanken zulässt. Aus meiner Situation von außen, sozusagen vom Tellerrand aus, habe ich einen Teil Ihrer Geschichte sehr vermisst. 

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: “Was ist mit Jennifers Mann?” Ihre Gedanken scheinen sehr um Ihren Liebhaber zu kreisen und um die Frage, ob er eine Alternative darstellt, ob Sie die Zukunft mit ihm verbringen wollen. Aber was ist mit Ihrem Mann? Der erste und wichtigste Schritt wäre doch, dass Sie erst einmal in Ruhe prüfen, was in Ihrer Beziehung zu Ihrem Mann in Schieflage geraten ist, so dass Sie für eine Affäre offen sind und außerdem Ihren Mann komplett ausblenden können. Oft spiegelt der Liebhaber ja genau das, was der Ehe fehlt. Man sucht sich zum Beispiel einen besonders leidenschaftlichen Liebhaber, wenn der Sex in der Ehe eingeschlafen ist. Oder einen fürsorglichen, wenn der eigene Mann abwesend ist. Es wäre wichtig, dass Sie diesen Punkt sorgfältig anschauen. Denn wenn das Problem nicht gelöst ist, ist es mit einem Partnerwechsel meistens auch nicht getan.

Der zweite Schritt ist es, sich zu überlegen, ob Sie Ihre Ehe beenden wollen und auch in der Realität (Finanzen, Kinder, Gefühle, Wohnsituation etc.) wirklich beenden können. Erst wenn Sie da ein sicheres Ja aussprechen können und auch bereit wären, Ihrem Mann reinen Wein einzuschenken, könnten Sie darüber nachdenken, ob Sie erst einmal alleine sein wollen oder mit Ihrem Liebhaber schauen wollen, ob eine gemeinsame Zukunft möglich wäre.

Denn stellen Sie sich einmal vor, dass Ihr Mann von Ihrer Affäre Wind bekommt (was in den allermeisten Fällen geschieht) und sich dann von Ihnen trennt. Ist es das, was Sie wirklich wollen? Oder wäre das für Sie eine Katastrophe, die Ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht?

Ihre Affäre wirkt von außen betrachtet nicht sicher und tragfähig. Sie merken es selbst an Ihrer Verunsicherung, an Ihrem Gefühl, dass die Affäre Ihnen die Luft nimmt und an Ihrer Frage, ob er ein Player ist. Und Sie merken es an Ihrem Verhalten: Sie haben sich anscheinend immer wieder Atempausen genommen und sich von ihm distanziert. Überlegen Sie doch einmal, warum das nötig war. Waren Sie verunsichert und enttäuscht? Waren Sie verwirrt, weil seine Handlungen nicht zu seinen Aussagen passten? Wahrscheinlich wissen Sie es unbewusst selbst: der Beginn einer vertrauensvollen, stabilen Beziehung sieht ganz anders aus und geht mit ganz anderen Gefühlen einher. Und mal Hand aufs Herz: Können Sie einem Mann wirklich vertrauen, den Sie beim Fremdgehen kennengelernt haben? Ist das nicht schon ein Grund, ihn als Partner für Ihre Zukunft zu verwerfen?

Natürlich kann es passieren, dass sich zwei Menschen ineinander verlieben, die bereits verheiratet sind. Die Frage ist jedoch, wie man mit seinem Ehepartner umgeht (Ist man ehrlich? Gibt man dem anderen eine Chance auf eine Verbesserung der Ehe? Trennt man sich einvernehmlich oder sucht nach Lösungen, die Beziehung zu öffnen, so dass es keine Heimlichkeiten mehr gibt?). Wenn sich jemand dem Ehepartner gegenüber nicht ehrlich und fair verhält, ist die Chance groß, dass er das später auch mit Ihnen macht. Das Gleiche gilt natürlich auch anders herum: Sie geben Ihrem Liebhaber auch Hinweise darauf, wie es um Ihre Vertrauenswürdigkeit bestellt ist. Er sieht das daran, wie Sie Ihren Mann behandeln. Und da Sie sich auch ab und zu von Ihrem Liebhaber distanziert haben, ist möglicherweise auch bei ihm die Frage entstanden, wie sehr er sich auf Sie verlassen kann als Partnerin für die Zukunft.

Sie merken, dass ich viele Fragen und Bedenken habe, und die möchte ich Ihnen einfach mitteilen. Ihre Geschichte klingt nach einer hitzigen, leidenschaftlichen Affäre, die aber, wie das Wort besagt, auch bereits viel Leiden schafft. Sie sind erst vier Monate zusammen, und schon überwiegen die negativen Gefühle! Das ist ein ernsthaftes Warnsignal. Sie klingt nicht nach einer Liebesgeschichte, die Sie in der Zukunft auch wirklich leben können und die Ihnen Geborgenheit und Vertrauen gibt.

Deshalb ist mein Tipp: Ziehen Sie die Reißleine. Beenden Sie die Geschichte und nehmen Sie es in Kauf, dass Sie eine Zeit lang trauern werden. Es ist vielleicht ähnlich wie bei einem Drogenentzug: sehr schmerzhaft und kraftraubend, aber unheimlich wichtig, damit man eine bessere Zukunft vor sich hat. Und letztlich ist es doch unwichtig, ob es Ihrem Liebhaber egal ist, wenn Sie sich von ihm trennen. Viel wichtiger ist doch Ihr eigenes Wohlbefinden und dass sie “clean” werden von diesem Gift. Gehen Sie besser jetzt als später, bevor die Geschichte Ihnen noch mehr Kraft geraubt hat.

Alles Gute für Sie,

Ihre Julia Peirano

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