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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Ex-Lover hat meine Wohnung zerlegt – und ich muss ihn weiter jeden Tag sehen

Aus Rache fürs Beziehungsaus die Wohnung zerstört (Symbolbild)
Aus Rache fürs Beziehungsaus die Wohnung zerstört (Symbolbild)
© jpgfactory / Getty Images
Leonie hatte eine Affäre mit einem Kollegen. Nach dem Ende der Beziehung rastete dieser aus - und bedrängt sie auch weiter ständig bei der Arbeit. Wie kann sie sich abgrenzen?

Hallo Frau Peirano,

ich bin völlig verzweifelt. Vor zwei Jahren habe ich eine Beziehung mit meinem Kollegen Yannis begonnen. Wir haben nie darüber gesprochen, was es eigentlich genau zwischen uns ist. Er kifft und trinkt ziemlich viel, und für mich war es deshalb nicht wirklich etwas Festes.

Irgendwann wurde er immer träger und blieb viel zu Hause. Er wollte nichts mehr unternehmen und war oft sehr deprimiert. Ich habe in der Zeit einen anderen Mann kennen gelernt und Yannis davon nichts gesagt. Zum einen hatten wir aus meiner Sicht nichts richtig Festes, und außerdem dachte ich, dass er es nicht verkraften kann.

Er hat dann durch gemeinsame Freunde herausgefunden, dass ich einen anderen Freund habe und ist richtig ausgerastet. Er ist in meine Wohnung gefahren, als ich ein Wochenende weg war,  und hat meine Gitarre zertrümmert, meine Pflanzen (super wichtig für mich, auf Reisen gesammelt und seit Jahren gepflegt) mit Putzmitteln gegossen und getötet, meine Unterwäsche zerschnitten und so weiter. Ich fand die ganze Wohnung in einem furchtbaren Zustand und habe nur gezittert und geweint. 

Ich muss trotzdem mit Yannis zusammen arbeiten und versuche, so oft wie möglich Homeoffice zu machen. Allerdings sollen wir eigentlich ins Büro kommen, und das ist die Hölle. Er bedrängt mich, dass ich mit ihm reden soll, beschimpft mich und spricht mit Kolleg*innen über mich. Ich habe schon ganz oft mit ihm geredet, aber er versteht nichts und wirft mir vor, dass ich ihn kaputt mache.

Ich bin total durcheinander und weiß nicht, was ich fühlen und machen soll.

Viele Grüße,

Leonie T.

Liebe Leonie T.,

ich kann gut nachfühlen, dass Sie durcheinander sind und nicht wissen, was Sie machen sollen. Es war ein sehr gewalttätiger Akt von Yannis, in Ihrer eigenen Wohnung alles zu zerstören, was Ihnen lieb ist. Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen das Angst macht. Denn wer so aggressiv mit Dingen (und Pflanzen) umgeht, kann möglicherweise auch als nächstes mit einem selbst so gewalttätig umgehen. Haben Sie zumindest Ihr Türschloss ausgetauscht?

Und Sie müssen jetzt diesem Menschen, der Sie bedroht und bedrängt, immer wieder bei der Arbeit begegnen. Sowohl Ihre Wohnung als auch Ihre Arbeit sind damit keine sicheren Orte mehr, und das versetzt Sie in Alarmbereitschaft.

Es hört sich so an, als wenn Sie große Schwierigkeiten haben, anderen Menschen Grenzen zu setzen und zu sagen: Bis hier hin und keinen Schritt weiter. Sich gegen Yannis in der Beziehung abzugrenzen ist aus meiner Sicht extrem anspruchsvoll (Schwierigkeitsgrad 10), deshalb würde ich eher bei leichteren und bewältigbaren Situationen ansetzen. In Bezug auf Yannis kann ich Ihnen nur empfehlen, dass Sie für sich klären, wer von Ihnen den Arbeitsplatz wechselt, denn es wird stressig bleiben, mit einem Menschen zu arbeiten, der Gewaltausbrüche hat. 

Ich möchte Ihnen heute einen Ansatz empfehlen, um sich aus Ihrer Hilflosigkeit zu befreien und freier zu handeln - anstatt eher zu reagieren. So kommen Sie auf den "Fahrersitz" in Ihrem Leben und lassen nicht mehr andere Menschen über Ihr Leben bestimmen. 

Es gibt drei Verhaltensmuster: unsicheres Verhalten, selbstsicheres Verhalten und aggressives Verhalten. Ein Beispiel: Lukas fragt Henrike, ob sie ihm beim Umzug helfen kann. Henrike möchte das nicht, weil sie Lukas nicht nahe genug steht.

Die selbstunsichere Antwort ist: Ja, klar, ich bin dabei. Wann soll ich denn da sein?

Die selbstischere Antwort wäre: Ich habe im Moment selbst so viel zu tun, dass mir das zu viel wird.

Die aggressive Antwort könnte sein: Ganz schön dreist, mich das zu fragen. Sehe ich aus wie ein Möbelpacker?

Selbstunsichere Menschen lassen andere über ihre eigenen Grenzen gehen und tun Dinge, die sie nicht tun möchten. Andere merken oft nicht, wo die Grenze lag. (Lukas würde auch nie auf die Idee kommen, dass Henrike ihm nicht beim Umzug helfen wollte, weil sie es ja macht). Deshalb fühlen sie sich (und werden es auch) von anderen gesteuert und kontrolliert. Oft haben sie Angst und fühlen sich hilflos in sozialen Situationen. Sie nehmen sich deutlich weniger, als ihnen zusteht.

Aggressive Menschen hingegen überschreiten die Grenzen anderer, beleidigen oder bedrängen sie, um das zu tun, was ihnen selbst gerade passt. Sie nehmen sich mehr, als ihnen zusteht. (Wenn wir mehr über Lukas wüssten, könnte er möglicherweise in die Kategorie "aggressiv" fallen. Denn immerhin fragt er Henrike, die ihm nicht besonders nahe steht, ob sie ihm beim Umzug hilft.) 

Als Idealverhalten gilt selbstsicheres Verhalten, denn damit werden sowohl die eigenen Grenzen gewahrt als auch die der anderen. Jemanden, der selbstsicher ist und sich sauber abgrenzen kann, erkennt man daran, dass er oder sie

  • mit Menschen ein Gespräch beginnen kann, wenn sie ihn/sie interessieren
  • das Gespräch steuern kann (also nicht über Themen redet, über die er/sie nicht reden möchte)
  • auf sich und auf andere gut achtet
  • und Begegnungen auch beenden kann, sei es für den aktuellen Moment oder als eine Trennung

Selbstsichere Menschen können ihre Meinung äußern, sich wehren, wenn sie unangemessen behandelt werden und ihr Recht einfordern. Sie können Komplimente machen und annehmen, Fehler eingestehen und Wünsche an das Verhalten anderer Menschen äußern.

Nach Ihrer Beschreibung würde ich Sie als selbstunsicher einordnen. Sie äußern Ihren eigenen Standpunkt nicht, weil Sie negative Reaktionen vermeiden wollen. So haben Sie Yannis nicht gesagt, dass Sie Ihre Verbindung nicht als exklusive Beziehung sehen, und Sie haben ihm nicht erzählt, dass Sie einen anderen Freund hatten.

Als er dann wirklich Grenzen überschritten hat und in Ihrer eigenen Wohnung Ihre kostbarsten Besitztümer gezielt zerstört hat, haben Sie ihm auch keine Grenze setzen können. Hier wäre es angebracht gewesen, ihn zur Rede zu stellen und zu fordern, dass er den Schaden ersetzt. Auch eine Anzeige bei der Polizei hätte ihm deutlich aufgezeigt, dass er den Rahmen einer partnerschaftlichen Auseinandersetzung überschreitet und eine Straftat begeht.

Es gibt bestimmt Ursachen in der Lebensgeschichte, warum jemand es nicht lernen konnten, sich selbstsicher zu verhalten. Typische Konstellationen wären, dass die eigenen Eltern selbst nicht selbstsicher waren und sich untergeordnet haben, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die alternative Erklärung wäre, dass zumindest ein Elternteil sehr dominant und aggressiv war und keine Widerrede geduldet hat, so dass man lernen musste, sich zu fügen. Es wäre bestimmt hilfreich, dass Sie den Ursachen für Ihr selbstunsicheres Verhalten auf den Grund gehen.

Die Verhaltenstherapie beschäftigt sich schon länger mit der Erforschung und vor allem Verbesserung von sozialer Kompetenz. Die speziellen Trainings werden oft in der Gruppe durchgeführt, so dass man auch Rückmeldung von anderen Teilnehmer*innen bekommt und mit ihnen üben kann. Das ist sehr hilfreich! Und es entlastet, wenn man merkt, dass viele Menschen Schwierigkeiten und Hemmungen in dem Bereich haben.

Ich empfehle Ihnen schon einmal folgende Bücher:

  • "Soziale Kompetenz kann man lernen" von Rüdiger Hinsch und Simone Wittmann
  • "Soziales Kompetenztraining". Arbeitsbuch zur Steigerung der emotionalen Intelligenz, sozialen Kompetenz und Empathie.

Das wäre ein guter Einstieg, und der nächste Schritt wäre ein Gruppentraining. Sie könnten sich auch über die Kassenärztliche Vereinigung einen Psychotherapietermin vermitteln lassen (das geht innerhalb von wenigen Wochen) und mit der/m Therapeut*in darüber sprechen, ob eine Einzeltherapie zusätzlich nötig und sinnvoll wäre. Die gebuchten Termine sind dazu da, solche Fragen schnell abzuklären. Allerdings haben die Therapeut*innen oft nur eine einzige Sprechstunde zur Verfügung und keinen Therapieplatz.

Hier können Sie den Termin buchen: https://www.kvb.de/service/patienten/terminservicestelle/terminservicestelle-psychotherapie/

Ansonsten empfehle ich Ihnen, im Alltag zu beobachten, wo und wie oft Sie von anderen Menschen Ihre Grenzen überschreiten lassen. Schreiben Sie das schon einmal auf, benennen Sie Ihre eigenen Gefühle und sagen Sie, wie Sie sich gerne verhalten hätten. Selbsterkenntnis ist ein wichtiger Schritt, um sich zu verändern.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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