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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Lebensgefährte hängt viel zu sehr an seiner Ex

Milenas Versuche, mit ihrem Freund zu reden, waren bislang erfolglos (Symbolbild)
Milenas Versuche, mit ihrem Freund zu reden, waren bislang erfolglos (Symbolbild)
Als Milena und ihr Freund sich kennenlernten, waren beide in einer Beziehung. Und auch Jahre später spielt seine Ex von damals noch eine Rolle in seinem Leben. Wie kann sie ihren Unmut darüber klarmachen, ohne ihn zu verlieren?

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich bin mit meinem Lebensgefährten (47) seit sechs Jahren zusammen. Wir haben, wie es so schön heißt "warm gewechselt". Er hatte eine Lebensgefährtin, mit der er zusammen wohnte und die seine Kinder mit aufzog. Ich war verheiratet mit Kindern. Die Trennung war auf beiden Seiten natürlich unschön. Mein Partner machte sich im Nachhinein starke Vorwürfe darüber, wie er sich von seiner Ex getrennt hatte.

Er hat all die Jahre weiterhin Kontakt und ein-, zweimal jährlich kommt sie zu ihm und besucht ihn und die Kinder. Sie möchte mich nicht sehen und lehnt mich ab, da ich in ihren Augen die Beziehung zerstört habe. Er meint, er würde einen Teufel tun, ihr zu sagen. dass es nicht so ist.  An solchen Tagen halte ich mich fern, da mein Lebensgefährte das auch so wünscht, um keinen Stress zu haben. Seine Ex lässt dann immer ein paar Erinnerungen für mich zurück, wie zum Beispiel bewusstes Parfümversprühen im Haus. Wenn ich mich bei meinem Lebensgefährten beschwere, dann meint er nur, dass ich mich doch nicht ärgern lassen solle und dass es halt ihre Rache mir gegenüber sei. Er selber hält sich da raus und würde seine Ex nie bitten, das zu unterlassen. Ich weiß dass er schriftlichen Kontakt mit ihr hat, aber nicht, wieviel es ist oder worum es geht. Das ist ein Geheimnis.

Vor einiger Zeit wollte ich mit ihm gerne eine bestimmte Stadt anschauen, nachdem er so von dieser Stadt geschwärmt hatte. Ich bat ihn, mit mir diese Stadt zu besuchen und er verweigerte mir dies. Nach langen Drängen meinerseits machte er spontan Schluss mit mir. 

Für mich brach eine Welt zusammen. Als ich dann nur noch weinte, fing er an mir zu erzählen, dass seine Ex ihn nach Beendigung der Beziehung gebeten hat, mit keiner anderen Frau diese Stadt zu besuchen. Aus schlechtem Gewisse habe er eingewilligt. Für mich ist das emotionale Erpressung. Es ist für mich, als würde diese Ex-Freundin ein Stück unser Leben bestimmen. 

Mein Freund sagt, ich müsse damit klar kommen oder mich trennen. Ich habe vor drei Wochen meinem Lebensgefährten einen Brief geschrieben und ihn gebeten, dieses Versprechen rückgängig zu machen, da es ja auf keiner fairen Grundlage entstanden ist. Sie hat ja sein schlechtes Gewissen ausgenutzt. Ich habe ihm geschildert, dass er dadurch seine Ex ein Stück über unsere Beziehung bestimmen lässt.

Ich hatte gehofft, dass er mit mir darüber redet, aber er schweigt und unsere Beziehung läuft einfach so weiter. Das ist für mich ein Problem, das zwischen uns steht, und es macht mich wütend, dass er es ignoriert. Spreche ich ihn darauf an, dann habe ich Sorge, dass er gleich wieder mit Trennung droht. Bin ich einfach nur unsäglich eifersüchtig, wenn ich das Gefühl habe, so stark im Schatten dieser Frau zu stehen? Seine Kinder sind nun erwachsen und können selbst Kontakt zu ihr haben, dennoch geistert sie wie ein Schatten in unserer Beziehung. Ich weiß einfach nicht mehr weiter.

Liebe Grüße

Milena T.

Liebe Milena T.,

Sie schreiben, dass sowohl Sie als auch Ihr Lebensgefährte einen "warmen Wechsel" gehabt haben, also aus einer bestehenden Beziehung eine Affäre hatten und sich dann von Ihren jeweiligen Partnern getrennt haben. Im Grunde genommen haben Sie an der Stelle ja schon hautnah miterlebt, wie vertrauenswürdig Ihr Partner sich gegenüber anderen Menschen verhält. Und wie er eine Frau behandelt, mit der er zusammen wohnt und die sich um seine Kinder kümmert. 

Genau darin besteht das Problem an Affären, die irgendwann zu einer festen Beziehung werden: im Vertrauensverlust. Wenn man jemanden beim Fremdgehen und Lügen kennen lernt, bleibt immer die Frage offen, wann einem selbst das Gleiche passiert.

Wie haben Sie sich denn gegenüber seiner Lebensgefährtin gefühlt, als Sie Ihren - immerhin gebundenen - Partner kennen gelernt haben? Haben Sie sich damit ausreichend auseinander gesetzt, dass Sie die Trennung mit verursacht oder beschleunigt haben?

Ein weiteres Problem an "warmen Wechseln" liegt darin, dass man keine Zeit hat, die Trennung zu verarbeiten. Das bedeutet: Um den Verlust zu trauern, zu sortieren, was gut an der Beziehung war und was schlecht, sich eigene Fehler bewusst zu machen, in Ruhe abzuschließen und mit der/m Ex-Partnerin einen passenden Umgang zu finden (oder sich aus dem Weg zu gehen). Dann würde - um es mit Ihrer Metapher auszudrücken - die alte Beziehung ein Stück abkühlen oder erkaltet, bevor man sich in etwas Neues, Heißes stürzt.

All das hat offensichtlich nicht stattgefunden und ich würde noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass es auf mich so wirkt, als wenn Ihr Lebensgefährte sich nicht vollständig für Sie entschieden hat. Empfinden Sie auch so - und ist es das, was Sie so wütend und hilflos macht?

Er war wahrscheinlich zum Zeitpunkt der Trennung in einer Ambivalenz-Schaukel. Mal wollte er bleiben, mal gehen. Mal mit Ihnen zusammen sein, mal hielten ihn die Vorzüge seiner Ex-Partnerin. Er hat sich äußerlich getrennt, aber innerlich fühlt er sich immer noch an sie gebunden. Schuldgefühle binden, aber da scheint noch mehr eine Rolle zu spielen. Schließlich schreibt er ihr und trifft sie alleine, und er hält geheim, wie die beiden miteinander schreiben oder reden und worum es geht. Und sobald Sie zu sehr an der Beziehung rütteln, die er mit seiner Ex-Freundin hat, droht er Ihnen sogar mit der Trennung, anstatt mit seiner Ex-Freundin etwas zu klären.

Letztlich verschiebt er die Grenzen der Beziehung so, wie es ihm gerade passt. Als er sich getrennt hat, hat er seine Ex-Freundin ausgeschlossen. Jetzt trifft er sie alleine, schreibt ihr und hält sich an Gesetze, die sie aufgestellt hat - und damit schließt er Sie aus.

Dazu kommt, dass er nicht bereit ist, mit Ihnen an Ihrer Beziehung zur arbeiten und mit Ihnen Umgangsformen und Regeln zu vereinbaren, die für Sie beide gut sind und die Ihre Beziehung schützen. Ich kann also gut verstehen, dass Sie sich sehr unwohl fühlen. Das Verhalten Ihres Freundes und die Art, wie die Beziehung entstanden ist (auch von Ihrer Seite aus) untergraben das Vertrauen.

Ich kann Ihnen zwei Bücher empfehlen, die beschreiben, wie Vertrauen in einer Beziehung entstehen kann und was das Vertrauen zerstört.

John Gottman und Nan Silver: "Die Vermessung der Liebe. Vertrauen und Betrug in Paarbeziehungen"

Michael Lukas Moeller: "Die Wahrheit beginnt zu zweit. Das Paar im Gespräch"

Wenn Sie diese Bücher gelesen haben, werden Sie wahrscheinlich noch klarer wahrnehmen, welche Grenzverletzungen in Ihrer neuen Beziehung geschehen. Aus meiner Sicht wäre es wichtig, Ihren Partner zu fragen, ob er wirklich bereit ist, sich auf Sie und die Beziehung mit Ihnen einzulassen. Das würde heißen, dass Sie beide gemeinsam Regeln und Grundsätze aufstellen, wie Sie miteinander umgehen und leben wollen. Welche Grenzen Sie gegenüber anderen Menschen und besagter Ex-Freundin gegenüber aufstellen wollen. Und wie und wann Sie offen und ehrlich miteinander reden möchten. Das wird in dem Buch "Die Wahrheit beginnt zu zweit" sehr schön beschrieben, wie Paare sich zu offenen und verständnisvollen Gesprächen und zum Austausch verabreden und lernen, sich gegenseitig zuzuhören.

Ich hoffe, dass Sie miteinander ins Gespräch kommen - oder dass Sie sich überlegen, welche Rolle Vertrauen und ehrliche Kommunikation in einer Beziehung spielen sollten und daraus die Konsequenz ziehen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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