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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Partner verhält sich gegenüber seiner Nichte übergriffig –​​​​​​​ und bei mir klingeln die Alarmglocken

Ist das Verhalten von Tamaras Partner bereits problematisch (Symbolbild)
Ist das Verhalten von Tamaras Partner bereits problematisch (Symbolbild)
© fizkes / Getty Images
Als Kind wurde Tamara von ihrem Adoptivvater missbraucht. Heute lebt sie mit einem Mann, der seine kleine Nichte anhimmelt und sie ständig anfasst. Wie sollte sie mit ihrem Unbehagen umgehen?

Liebe Frau Dr. Peirano, 

als Kind und Jugendliche wurde ich viele Jahre lang von meinem Adoptivvater, der in meiner Heimatstadt ein sehr angesehener Bürger war, sexuell missbraucht. Trotzdem habe ich es - nach vielen Jahren Therapie, etlichen Rückschlägen und beständiger Arbeit an mir selbst - geschafft, ein glückliches Leben zu führen. 

Mehr als 20 Jahre lang war ich verheiratet und habe einen erwachsenen Sohn. Von meinem Ehemann habe ich mich vor einiger Zeit getrennt, weil er seit vielen Jahren sehr energielos, depressiv und negativ ist und nie bereit war, etwas dagegen zu unternehmen.  

Nun bin ich Mitte 50, habe einen interessanten, mich erfüllenden Beruf und lebe seit drei Jahren wieder in einer Beziehung und in einem Haushalt mit einem äußerst intelligenten, einfühlsamen Mann, der mir von Anfang an sagte, dass ich seine große Liebe sei. Mein Freund ist drei Jahre jünger als ich und kinderlos, hat aber drei Nichten, für eine von ihnen ist er der Patenonkel. Er sieht das Kind nur vier- bis fünfmal im Jahr, weil sie weit entfernt wohnt.

Meiner Ansicht nach ist mein Partner vollkommen vernarrt in dieses siebenjährige Mädchen. Er bewundert ihre Schönheit und Intelligenz, alles, was sie sagt und tut, entzückt ihn. Ständig vergleicht er sie mit anderen Kindern und schwärmt, wie außergewöhnlich sie sei.  

Permanent fotografiert er sie und möchte, dass ich ebenso begeistert von den Fotos bin wie er. Das Mädchen genießt die übergroße Aufmerksamkeit ihres Onkels sehr, was ich teilweise als unangenehm empfinde. Weiterhin ist mir aufgefallen, dass er das Kind ständig tätschelt, während er mit ihr redet (ich nenne es: betatscht) - auf dem Kopf, an den Schultern, am Bauch und Rücken. Mir wird übel, wenn ich das sehe.

Als ich mich jetzt endlich getraut und ihn darauf hingewiesen habe, dass ich dieses Verhalten unangemessen finde, war mein Partner, der meine Geschichte kennt, sehr verletzt und beschämt. Er sagte, er sei sich dessen nicht bewusst gewesen, dass er das Kind ständig berührt, und würde versuchen, darauf zu achten, es nicht mehr anzufassen. Sicher bewegt sich sein Verhalten im normalen Rahmen, denn weder das Mädchen noch deren Eltern finden etwas dabei. 

Ich weiß, dass ich überreagiere, aber mittlerweile ist es soweit, dass ich am liebsten gar nicht mehr bei den Zusammenkünften dabei sein möchte, weil meine Stimmung dann kippt. Meinen Freund betrübt das, am liebsten hätte er es, dass ich genauso gern Zeit mit seiner Nichte verbringe wie er.

Ich bin mir sicher (so weit man da sicher sein kann, denn hundertprozentig traue ich leider keinem Mann, aber meinem Freund doch zu 99,9%), dass er keinerlei sexuelles Interesse an dem kleinen Mädchen hat. Wenn sie nun unbekümmert nach seiner Hand greift oder sich auf seinen Schoß setzt, wie sie es immer getan hat, reagiert mein Freund verunsichert und versucht, Abstand zu halten.  

Ich bitte Sie, liebe Frau Peirano, nun darum, mir zu raten, wie ich mich verhalten kann, damit ich nicht als paranoide Aufpasserin gelte und meinem Freund nicht das Zusammensein mit seiner Nichte verderbe.

Viele Grüße

Tamara G.

Liebe Tamara G.,

Es ist völlig verständlich, dass Sie aufgrund Ihrer Vorgeschichte für sexuellen Missbrauch sensibilisiert sind. Das Perfide an sexuellem Missbrauch ist ja, dass er im Verborgenen geschieht und sozusagen doppelbödig ist: Von außen betrachtet wirkt die Beziehung zwischen dem erwachsenen Täter und dem missbrauchten Kind normal, während im Verborgenen unter Schweigegebot schlimme Dinge passieren, die keiner erfahren soll. Und in vielen Fällen verdrängt das Opfer die Erlebnisse und erinnert sich möglicherweise erst Jahrzehnte später daran.

Ihre Erfahrung ist schmerzhaft: Sie wurden von Ihrem Adoptivvater, der Sie eigentlich hätte beschützen müssen, missbraucht und benutzt. Und während er nach außen die Fassade des ehrenhaften Bürgers aufrecht erhielt, merkte niemand, wie Sie gelitten haben. Möglicherweise hat es Ihnen auch später niemand geglaubt- Missbrauch wird ja oft verleugnet ("wie kannst du so etwas behaupten?").

Durch diese Erfahrung wurden Ihnen die Augen geöffnet, und Sie versuchen jetzt, andere Mädchen vor dem Leid zu schützen, das Ihnen selbst widerfahren ist. 

Ich finde es sehr beachtlich, dass Sie selbst einräumen, dass Sie überreagieren und dass im Fall Ihrer Nichte - wie Sie schreiben zu 99.9% kein sexueller Missbrauch stattfindet.

Von außen betrachtet wirkt die Geschichte  auf mich auch nicht alarmierend, denn Ihr Freund ist einsichtig und versucht, sich zurück zu halten - und das kleine Mädchen sucht von sich aus Kontakt zu ihm, was Sie höchstwahrscheinlich nicht tun würde, wenn etwas vorgefallen wäre. Außerdem bleiben die Eltern ruhig - was dafür spricht, dass das Verhalten wahrscheinlich im Rahmen ist. Beobachten Sie doch in Zukunft das Mädchen genauer, um zu sehen, ob es natürlich auf Ihren Partner reagiert oder irgendwie befangen oder sogar auffällig auf ihn zukommt. 

Was zur Prävention von sexuellem Missbrauch sehr wichtig ist, ist die Aufklärung der Eltern und der Kinder selbst. Eltern müssten genau wissen, wie Sie übergriffiges Verhalten gegenüber ihren Kinder erkennen können und an welchen Symptomen sie erkennen, wenn ihrem Kind etwas passiert ist. Und Kinder müssten genau darüber informiert werden, welche Berührungen in Ordnung sind und welche nicht (z.B. wenn dich der Kinderarzt am Po oder an der Scheide untersucht und die Mutter dabei ist, ist es ok. Wenn ein Erwachsener das Kind zwischen den Beinen berührt, sich vor ihm auszieht oder sagt, das Kind dürfe darüber nicht reden, ist es nicht ok und es soll auf jeden Fall mit einem Elternteil darüber sprechen.)

Ein entscheidender Grund, warum Missbrauch geschehen kann, ist nämlich der Überraschungsmoment und die Verwirrung des Kindes. Es ist nicht vorbeireitet auf das, was ihm geschieht, und die Tat wird zum Teil falsch als Spiel oder Geheimnis etikettiert, außerdem wird das Kind zum Schweigen gebracht (wenn du etwas sagst, kommst du ins Heim). 

Wie wäre es, wenn Sie sich die folgenden Bücher besorgen, um die Situation noch einmal mit etwas mehr Distanz einzuordnen?

  1. So schützen Sie Ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch -  Prävention von Anfang an (von Elisabeth Raffauf)
  2. "Nein, ich will das nicht." Geschichten zum Vorlesen und Drüberreden für die Prävention von sexuellem Missbrauch (von Manuela Dirolf).

Wenn bei Ihnen auch nach dem Lesen der Bücher die Alarmglocken weiter läuten, könnten Sie noch einmal mit Ihrer ehemaligen Therapeutin über die Parallelen und Ihre Bedenken sprechen und sich ein weiteres Vorgehen überlegen. Aus meiner Sicht geht der Schutz des Kindes vor. Könnten Sie sich vorstellen, als einen möglichen weiteren Schritt den Eltern des Kindes von Ihren traumatischen Erfahrungen zu erzählen und ihnen zu sagen, dass Ihnen der Schutz aller Kinder am Herzen liegt - um dann ein Gespräch über die Aufklärung und Prävention anzufangen?

Ich denke, dass Sie sich in einer schwierigen Situation befinden, weil Ihr Verdacht sich gegen Ihren Partner richtet und nicht gegen irgendeinen Fremden. Insofern wäre es bestimmt geschickt, indirekt und allgemein zu sprechen und zu sagen: Wie warnt Ihr eigentlich eure Töchter vor Missbrauch? Wie fühlt ihr euch? Wie passt ihr auf sie auf?

Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen klaren Blick auf die Situation werfen können und für sich entscheiden können, ob es harmlos ist oder Grund zur Sorge gibt.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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