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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Beziehung ist Psycho, doch ich kann ihr nicht entkommen

Eigentlich weiß Tine, dass ihr Freund sie ausnutzt, sie schlecht behandelt und vielleicht sogar betrügt. Und doch will sie ihm unbedingt gefallen. Wie soll sie bloß den Absprung schaffen?

Wenn der Partner nur sein eigenes Ding macht, fühlt man sich in der Beziehung schnell alleine (Symbolbild)

Wenn der Partner nur sein eigenes Ding macht, fühlt man sich in der Beziehung schnell alleine (Symbolbild)

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich, 41, bin seit neun Jahren mit meinem Freund zusammen. Am Anfang war es wunderschön mit ihm, er hat mir tolle Komplimente gemacht und jede freie Minute mit mir verbracht. Der Sex war - und ist teilweise noch - unglaublich intensiv. Ich habe den Eindruck, dass ich von dem Sex abhängig bin. Jetzt wird mir klar, dass schon am Anfang einige Ungereimtheiten passiert sind, die ich einfach übersehen habe. Nach zwei Monaten ist er, ohne es vorher zu sagen, fünf Tage nicht erreichbar gewesen und ich habe mir Sorgen gemacht. Er hat nicht auf meine Anrufe reagiert. Ich hatte schon ein komisches Gefühl, ihn darauf anzusprechen, und das Gefühl hat sich bestätigt. Er hat ruppig reagiert und gesagt, dass ich ihn nicht so kontrollieren soll und dass ich hysterisch bin. Ich weiß bis heute nicht, wo er war und was er in diesen Tagen gemacht hat.

Ich habe danach nicht mehr nachgefragt. Er kam und ging, wie er wollte. Ich habe mich gefreut, ihn zu sehen. Schon als ich ihn kennen lernte, war er in Gruppen sehr charmant und hat im Mittelpunkt gestanden. Ich habe aber öfters bemerkt, dass er Witze auf Kosten anderer gemacht und auch gelogen hat, um sich besser darzustellen. Zum Beispiel hat er behauptet, dass er eine Firma leitet, aber er war nur ein kleiner Angestellter. Dann hat er angefangen, mich vor meinen Freunden schlecht zu machen. Er hat Sachen hinter meinem Rücken über mich erzählt, bis Freundinnen vorsichtig nachfragten. Zum Beispiel, dass ich psychisch krank bin, dass ich Geschlechtskrankheiten haben, dass ich verschuldet bin und er mich gerettet hat. Nichts davon ist wahr.

Eher war es genau anders herum. Er hat kostenlos bei mir gelebt und mir irgendwelche Versprechungen und Erklärungen gemacht, warum er keine Miete bezahlen kann. Manchmal hat er mich dann für ein Wochenende eingeladen oder einen Einkauf bezahlt und gemeint, wir wären quitt. Ich habe mich nicht getraut, etwas dagegen zu sagen.

Die gesamte Hausarbeit habe ich sowieso alleine erledigt. Er hatte noch eine Wohnung in Frankfurt und hat mir vorgerechnet, wie viel er für mich pendeln muss und dass das sein Beitrag ist. 

Vor drei Jahren habe ich ihn auf eine Feier begleitet und habe gesehen, dass er sehr vertraut und eng mit einer sehr attraktiven Kollegin gesprochen und getanzt hat. Ein Freund von ihm hat mir unter größter Verschwiegenheit gesteckt, dass ich da mal genauer hinschauen sollte. Ich habe ihm eine Szene gemacht. Das hätte ich besser lassen sollen. Er wurde wütend und wich aus, rechnete mir meine ganzen Fehler vor und nannte mich wieder verrückt und hysterisch. Ich bin ihm teilweise hinterher gefahren, aber da er viel unterwegs oder in Frankfurt war, habe ich nie gewusst, was er macht. Darüber redete er auch sehr ungern und nur vage. Ich hatte immer das Gefühl, im Nebel zu tappen.

Er entzog sich immer mehr. Ich leide sehr darunter. Ich  habe mich von meinen Freunden isoliert. Ich fühle mich einsam und leer, wenn er nicht da war. Ich hatte eigentlich immer einen großen Freundeskreis, aber seit ich mit meinem Freund zusammen bin, hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr offen mit meinen Freunden reden konnte und etwas zwischen uns stand. Außerdem hat mein Freund es nicht gern gesehen, wenn ich mich mit Freundinnen getroffen habe. Er hatte an allen Leuten etwas zu kritisieren.

Seit Jahren hat mein Freund immer etwas an mir auszusetzen. Wie ich mich ernähre, dass ich dick geworden bin (ich wiege 53 kg bei 1,64 m), dass ich mich gehen lasse, dass ich ihn kontrolliere, verrückt und egoistisch bin. Ich muss auch sagen, dass ich in der Beziehung oft traurig und vielleicht sogar auch depressiv war oder bin. Ich weiß bis heute nicht, warum die Nähe, die mein Freund und ich am Anfang hatten, plötzlich weg war und er mir entglitt. Ich bin unendlich traurig darüber. Auch fühle ich mich immer kleiner, wenn wir zusammen bin und mache alles, um es ihm recht zu machen. Aber ich glaube, ich komme dabei selbst zu kurz.

Er erwartet, dass ich die ganze Zeit auf Abruf zu Hause bin und entweder die fürsorgliche Hausfrau für ihn bin, oder die erotische Geliebte, oder dass ich ohne zu murren zufrieden damit bin, dass er tage- und wochenlang unterwegs ist, ohne sich zu melden. Ich weiß auch nicht, was er dann macht, aber ich bin sehr eifersüchtig geworden.

Ich weiß, dass diese Beziehung keine Zukunft hat, aber noch will ich es nicht wirklich wahrhaben. Ich habe nicht die Kraft, einen Schlussstrich zu ziehen. Er sagt mir auch, dass ich nie wieder jemanden finden werde, und obwohl ich weiß, dass das nicht stimmt, glaube ich ihm irgendwie. Was mich am traurigsten macht, ist, dass ich 41 bin und wohl keine Kinder mehr bekommen werde. Er wollte nie Kinder, und da gab es auch keine Diskussion.

Ich sollte mich trennen, aber ich schaffe es nicht. Im Gegenteil, ich hoffe immer weiter und habe große Angst, dass ER mich verlässt. Dann stehe ich wirklich mit leeren Händen da, völlig gescheitert.

Was soll ich machen?

Tine G.

Liebe Tine G.,

Es hört sich so an, als wenn Sie in Ihrer Beziehung gefangen sind und sehr darunter leiden. Es klingt nicht gut, was Sie beschreiben. Ihr Freund verhält sich nicht partnerschaftlich, sondern lebt sein eigenes Leben mit allen nur erdenklichen Freiheiten, während er versucht, Sie immer zur Verfügung zu haben für alles, was er gerade braucht.

Für das, was SIE möchten und brauchen, hat er kein offenes Ohr und keine Kompromissbereitschaft. So ist leider auch Ihr Kinderwunsch nicht erhört worden, was verständlicherweise sehr traurig, vielleicht sogar tragisch, für Sie ist. 

Die ganze Partnerschaft scheint Sie sehr zu schwächen, und dafür gibt es viele Gründe. Zum einen machen Sie ein Minusgeschäft, indem Sie viel mehr investieren (Geld, Zeit, Toleranz, Verzicht auf Freiheit, Gefühle) und sich und Ihre Wünsche und Bedürfnisse dieser Beziehung unterordnen. Es ist für das Selbstwertgefühl immer schlecht, wenn man in einer unterlegenen Machtposition ist. Und das sind Sie definitiv, beziehungsweise Sie haben sich in diese unterlegene Position gebracht.

Wissen Sie, warum das so ist? Hat es etwas damit zu tun, dass er Ihnen signalisiert, dass Sie ohne ihn nichts sind und dass Sie froh sein können, ihn zu haben? Hat es damit zu tun, dass Sie der Intensität und innigen Sexualität der Anfangszeit hinterher laufen, in der er Ihnen Komplimente gemacht und Sie damit erhöht hat? Haben Sie den Eindruck, dass Sie etwas falsch gemacht haben oder unzureichend sind, weil Sie jetzt nicht mehr auf dem Podest stehen, sondern quasi vor dem Sockel knien, auf dem Ihr Freund steht?

Ich lese aus Ihrer Beschreibung eine sehr eindeutige Erklärung für das Verhalten Ihres Freundes heraus, und ich kann Ihnen versichern, dass sein Verhalten nichts damit zu tun hat, dass Sie ungenügend wären. Ich schicke voraus, dass es immer schwer ist, eine Ferndiagnose zu treffen, und viele Psychotherapeuten finden es problematisch, das zu tun. Ich finde es jedoch hilfreich, wenn man ein Erklärungsmuster an der Hand hat, um zu verstehen, was Ihnen in dieser Beziehung mit diesem Mann passiert ist.

Es könnte gut sein, dass Ihr Freund eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. Dafür spricht einiges: Er ist zu andauernder Nähe und partnerschaftlichem Verhalten auf Augenhöhe nicht bereit, sondern verschafft sich durch die Beziehung auf Ihre Kosten Vorteile. Er wertet Sie ab und kümmert sich nicht darum, dass das Sie kränkt. Ehrlichkeit und Vertrauen scheinen für ihn keine Rolle zu spielen. Er belügt andere und Sie, um sich aufzuwerten und auch, um Sie von Ihrem Umfeld zu isolieren. Ein sehr typisches Verhaltensmuster wäre auch Untreue. Er kann ungestört und ohne Schuldgefühle Beziehungen zu anderen Frauen eingehen, da der Respekt und die Rücksicht auf Ihre Gefühle bei ihm nicht vorhanden ist. 

Was bedeutet es für Sie, wenn Ihr Freund eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hätte? Im Prinzip erklärt es genau, warum eine vertrauens- und liebevolle Beziehung mit ihm nicht gelingen kann. Und es erklärt auch, warum Sie sich so in seinem Netz verfangen haben. Da sind Sie übrigens bei weitem nicht die einzige Frau: Ich habe einige Patientinnen begleitet, die von einem narzisstischen Partner ausgenutzt und gekränkt wurden und mit vielen blauen Flecken auf der Seele aus dieser Beziehung gegangen sind (oft lag das Ende daran, dass der Partner sie dann wirklich wegen einer anderen Frau verlassen hat).

Ich kann Ihnen raten, sich intensiv mit dem Störungsbild auseinander zu setzen und dann zu entscheiden, ob er wahrscheinlich ein Narzisst ist. Ein sehr empfehlenswertes Buch ist: "Und das soll Liebe sein? Wie es gelingt, sich aus einer narzisstischen Beziehung zu befreien" von Bärbel Wardetzki, die den Fall von Sonja R. schildert.

Sie werden erkennen, dass auch Sie viele Anteile haben, um Ihrem Freund das zerstörerische Spiel zu ermöglichen. Oft haben diese Anteile mit der Ursprungsfamilie zu tun und wurden dort gelernt. Haben Sie in Ihrer Familie gelernt, Ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle zurück zu stellen, um sich um einen Elternteil oder ein Geschwisterkind zu drehen? Wurden Sie oft klein gemacht und entwertet? Gibt es tief in Ihnen eine große Bedürftigkeit nach einer intensiven, körperlichen Liebe, egal um jeden Preis? Haben Sie Angst vor dem Alleinsein und sind deshalb bereit, so viel für die seltenen Momente der Nähe zu opfern? Ich vermute, dass Sie sich bisher noch nicht genügend um Ihre eigenen Bedürfnisse und Ziele kümmern - und die Erfüllung von außen erwarten.

Es wird definitiv schwierig und langwierig sein, sich von Ihrem Freund zu trennen (falls er es nicht tut) und Ihr eigenes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Dabei werden Sie therapeutische Hilfe benötigen und vielleicht auch eine Selbsthilfegruppe für Co-Abhängige oder für Menschen, die sich nicht aus schwierigen Beziehungen lösen können. Der Austausch mit den anderen Gruppenmitgliedern wird Sie wahrscheinlich stärken und Ihnen eigene Gefühle verdeutlichen.

Ich hoffe sehr, dass Sie es schaffen, diesen Weg zu gehen und sich aus dieser Abhängigkeit befreien können!

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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