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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine vergangene Affäre droht ans Licht zu kommen – soll ich sie meiner Frau beichten?

Eine Affäre ist fast immer auch ein Vertrauensbruch - und gefährdet alleine dadurch schon die Beziehung (Symbolbild)
Eine Affäre ist fast immer auch ein Vertrauensbruch - und gefährdet alleine dadurch schon die Beziehung (Symbolbild)
© nd3000 / Getty Images
Vor Jahren hatte Mattheo eine Affäre mit seiner Arbeitskollegin. Nun bedroht die Möglichkeit, dass sie herauskommt, seine Ehe. Soll er die Flucht nach vorne wagen?

Liebe Frau Peirano,

meine Frau und ich sind seit 20 Jahren verheiratet, mit zwei Kindern (14 und 17). Wir hatten immer schon unsere Konflikte, haben uns aber auch wieder zusammen gerauft.

Besonders schwierig war es 2017. Ich bin nicht stolz darauf, aber in der Zeit hatte ich eine Affäre mit einer ebenfalls verheirateten Kollegin. Ich habe meiner Frau nichts davon erzählt und hatte das auch nicht vor. Die Affäre habe ich nach sechs Monaten - damals schweren Herzens - beendet.

Jetzt hat die Frau, mit der ich die Affäre hatte, sich von ihrem Mann getrennt. Sie hat mich mich angeschrieben und mich gewarnt, dass ihr Mann von unserer Affäre weiß. Ich bin wohl so etwas wie ein Feindbild für ihn und er hat wohl häufiger mal gedroht, auch meiner Frau davon zu erzählen.

Ich bin jetzt sehr angespannt und nervös und drehe die Möglichkeiten hin und her.

Soll ich einfach abwarten, ob er meine Frau kontaktiert?

Soll ich von mir aus das Gespräch mit ihm suchen und versuchen, ihn davon abzubringen?

Oder soll ich selbst meiner Frau von der Affäre erzählen, damit ich nicht mehr erpressbar bin?

Alle Möglichkeiten hören sich für mich furchtbar an. Ich habe große Angst, dass ich vor den Kindern als der Sündenbock dastehe, wenn meine Frau davon erfährt. Sie könnte es den Kindern erzählen und als Trennungsgrund für sich einsetzen.

Ich wäre sehr an Ihrem Rat interessiert.

Viele Grüße

Mattheo G.

Lieber Mattheo G.,

Sie stecken wirklich in einer sehr schwierigen Situation, und gleich vorab kann ich Ihre Einschätzung teilen, dass keine der genannten Möglichkeiten auf mich auch nur im Ansatz attraktiv wirkt.

Aus meiner therapeutischen Erfahrung gibt es eigentlich nur zwei Zeitpunkte, an denen man seiner/m Partner*in von einer Affäre erzählen sollte: Entweder ganz am Anfang einer Außenbeziehung, damit der Partner im Bilde ist und sich nicht hintergangen fühlt (und sich darüber hinaus gegebenenfalls selbst trennen kann) - oder nie. Und wenn man sich für "nie" entscheidet, sollte man alles daran setzen, dass es dabei bleibt und man das Wissen um die Affäre mit ins Grab nimmt.

Wenn der eigene Partner oder die eigene Partnerin sich verliebt, fühlt sich das für viele an wie ein absoluter Kontrollverlust. Plötzlich ist da eine andere Kraft im Spiel, die von der anderen Seite am Partner zieht, ihn beeinflusst, ihn von einem selbst wegtreibt, die Beziehung gefährdet. Routinen und Absprachen werden ignoriert, Bitten und Betteln helfen nichts,. Die Beziehung gerät heftig ins Wanken. Was einmal sicher war, ist plötzlich bedrohlich.

Viele Menschen, deren Partner eine Außenbeziehung hat oder hatte, sind davon traumatisiert, und die Gefühle des Kontrollverlusts und die seelischen Verletzungen bleiben lange bestehen. In vielen Fällen sind sie nie zu kitten. Die Zeit heilt längst nicht alle Wunden.

Es gibt also verständliche Gründe, dem Partner oder der Partnerin nichts von einer Außenbeziehung zu erzählen. Viele handeln aus Eigennutz, um die Außenbeziehung überhaupt weiter führen zu können, und viele wollen durch Verschweigen den Partner vor der Verletzung zu schützen - und sich selbst vor dem, was der Partner dazu sagen würde.

Sie habe sich damals dafür entschieden, die Affäre heimlich zu führen. Ich vermute, dass Sie sich auch keine Illusion darüber gemacht haben, dass das Mitwissen Ihrer Frau das Ende Ihrer Ehe bedeutet hätte.

Sie haben die Außenbeziehung nach einigen Monaten beendet und die Gefühle, die damit verbunden waren, vor Ihrer Frau versteckt. Waren es Schuldgefühle? Trauer über den Verzicht auf die andere Frau? Was für Gefühle hatten Sie Ihrer Frau gegenüber - damals und in den Jahren danach? Wahrscheinlich hat Ihre Frau gespürt, dass etwas in Ihnen emotional vorging, aber sie konnte damals den Finger nicht darauf legen. Möglicherweise wären Sie jetzt in einer anderen Situation, wenn Sie darüber gesprochen hätten. Ihre Frau hätte das mitentscheiden können.

Jetzt besteht die reale Gefahr, dass Ihre Frau dennoch von der Affäre erfährt, und zwar vier Jahre später. Und dazu erfährt sie nicht davon, weil es für Ihre Beziehung förderlich wäre, es auf den Tisch zu packen, sondern nur, weil Sie Angst vor einer Enthüllung durch den Mann Ihrer Kollegin haben. 

Aus meiner Erfahrung gehe ich davon aus, dass Ihre Frau das Vertrauen in Sie verlieren wird, wenn Sie jetzt davon erfährt. Es spielt nur eine geringe Rolle, ob Sie Ihr jetzt selbst davon erzählen oder ob Sie es erst zugeben, wenn Sie durch den Mann Ihrer Kollegin dazu gezwungen werden.

Die meisten Menschen fühlen sich sehr verunsichert, wenn Sie erfahren, dass Ihr Partner eine Affäre vor ihnen geheim gehalten hat. Hat Ihre Frau damals etwas geahnt oder sogar nachgefragt, ob es eine andere Frau in Ihrem Leben gibt?

Wenn Sie es damals abgestritten haben, wird sie vermutlich sehr verbittert sein, weil Sie Ihre Wahrnehmung getrübt haben.

Alles in allem ist es eine sehr schwere Situation, und ich kann Ihnen keinen guten Rat geben, wie Sie da heraus kommen und Ihre Ehe retten.

Von den unattraktiven Möglichkeiten kann ich eine ausschließen: Ich würde Ihnen nicht empfehlen, mit dem Mann Ihrer Kollegin zu sprechen, denn das gibt ihm die Oberhand in der Geschichte. Da er Ihnen gegenüber Rachegefühle hegt, könnte er es auskosten, dass er Sie in der Hand hat.

Statistisch wäre es günstiger, Ihrer Frau nichts zu erzählen. Schließlich ist nicht garantiert, dass der Mann Ihrer Kollegin Ihre Frau kontaktiert. Doch wir reden nicht über Statistik, sondern über Gefühle. 

Abwarten hätte zwei Nachteile: Zum Einen wären Sie weiterhin ständig angespannt und müssten jeden Tag befürchten, dass die Bombe platzt. 

Zum Anderen wird Ihre Frau wahrscheinlich über jedes Jahr ärgerlicher, das sie in einer Lüge mit Ihnen gelebt hat. 

Wenn Sie die Flucht nach vor wagen und Ihrer Frau von der Ihrer Affäre erzählen, beweisen Sie - zwar (zu) spät und von äußerem Druck angetrieben - den Anstand, die Konsequenzen aus Ihrem Handeln zu ziehen.

Es wird höchstwahrscheinlich einen Eklat geben. Ihre Frau wird Ihnen wahrscheinlich nicht zu Gute halten, dass Sie die Affäre selbst beendet haben und sie auch schützen wollten. Und mal Hand aufs Herz: Könnten Sie es verzeihen, wenn Sie in der Situation Ihrer Frau wären?

Aber wenn die Affäre offen auf dem Tisch liegt, können Sie beide entscheiden, wie es weiter geht. Sie könnten es auch als Anlass nehmen, eine Klärung bei einer*m Paartherapeut*in zu führen. Am besten mit offenem Ende - so, dass auch eine Trennung therapeutisch begleitet werden könnte.

Versetzen Sie sich am Besten in die Rolle Ihrer Frau und überlegen sich, was Sie sich in Ihrer Position wünschen würden.

Ich hoffe, dass Sie einen den Umständen entsprechend friedlichen und reifen Klärungsprozess führen können - auch im Hinblick auf die Kinder.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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