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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Sexuell passt es in unserer Ehe überhaupt nicht

Sex gehört für die meisten Menschen zu einer gut funktionierenden Beziehung dazu. Aber was, wenn es gar nicht zusammen klappt?

Wenn es im Bett nicht läuft, leidet oft die Beziehung (Symbolbild)

Wenn es im Bett nicht läuft, leidet oft die Beziehung (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Mein Mann und ich sind jetzt seit 2,5 Jahren zusammen. Es war Rodeo für uns beide. Er hat sehr um mich gekämpft, obwohl ich am Anfang schlecht mit seinen Eigenarten zurecht kam. Er hat ein sehr konservatives, anspruchsvolles Elternhaus gehabt, in dem viel gestritten wurde und die Kinder nicht gut genug waren.

Aber durch viele gute Gespräche hat mein Mann gelernt, dass Kritik wegen jeder Kleinigkeit niemanden weiterbringt. Ich denke,  dass mein Mann wegen seines Elternhauses ein typischer "bei mir sind immer alle Ampeln rot"- Mensch ist, der schon von normalem Alltagsstress oft überfordert ist.

Das wirkliche Problem bei uns ist der Sex. Wir haben kaum Sex. Er kommt schlecht in Stimmung, will aber auch gar nicht darüber reden, was ihn anturnen würde. Er sagt nur, er hätte noch nie viel Sex gehabt und findet einmal im Monat ok. Ich nicht.

Ich habe so lange gewartet, dass mehr von ihm kommt. Zuerst dachte ich, er braucht Zeit, um sich mit mir sicher zu fühlen. Dann schob er diesen Stress vor, dann jenen. Ich bin jetzt in der 13. Schwangerschaftswoche, seit der Zeugung hatten wir keinen Sex mehr. Wenn ich es anspreche, redet er von zu viel Druck von meiner Seite. Wenn ich nichts sage wochenlang, passiert auch nichts.

Wenn es zum Sex kommt, dann kontrolliert er ihn 100%. Er redet davon, dass ich ihm gehöre und er bestimmt, was jetzt passiert. Das ist ok, ich stehe da total drauf. Ich habe eine devote Neigung beim Sex. Aber das konnte ich ihm nie sagen, weil er zu verklemmt ist, um Gespräche über Sex zu führen. Er tut sogar so, als würde er die Dinge beim Sex nicht gesagt haben.

Allgemein findet er es wohl unanständig, über Sex zu reden, macht aber unter Männern gerne diese dummen Witzchen über Sex, die eher abwertend sind. 

Ich träume oft von Sex und mir kommen die komischsten Gedanken über meinen Mann.

Ich frage mich, ob er Neigungen hat, die er sich nicht eingesteht, weil er  Angst davor hat. Ist er homosexuell, hat er Gewaltphantasien? Oder ist er wirklich fast asexuell, wie er sagt? Ist Sex für ihn so dreckig, dass ich als Ehefrau da nicht rein passe? Kann einem so verschlossenen Mann eine Therapie helfen? Kann er als Erwachsener lernen, seine anerzogene Scham zu überwinden?

Liebe Grüsse ,

Wiebke P.

Liebe Wiebke P.,

Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie sich Sorgen machen, weil Ihr Mann Ihnen gegenüber nicht offen ist. Er versteckt viele Gefühle, Gedanken, Schwächen und Sehnsüchte vor Ihnen, und deshalb fühlen Sie sich, als würden Sie, was ihn betrifft, im Dunkeln tappen.

Ich habe in meiner therapeutischen Praxis oft die Beobachtung gemacht, dass Menschen, die von ihren Eltern abgewertet und bestraft wurden, es schwer finden, sich anderen gegenüber zu öffnen. Kinder brauchen Menschen um sich herum, denen sie vertrauen können, die sie verstehen und so lieben und schätzen, wie sie sind. Sie brauchen das Gefühl, willkommen zu sein und auf eine gesunde Art im Mittelpunkt zu stehen. Ihr Mann scheint recht sensibel zu sein, und ich kann mir vorstellen, dass es ihn als Kind schwer gekränkt hat, dass er für seine Eltern nicht gut genug war oder sie ihm zumindest dieses Gefühl vermittelt haben.

Bei vielen Kindern gibt es andere Erwachsene im Umfeld, bei denen sie Vertrauen lernen können - zum Beispiel Großeltern oder die Eltern eines Freundes. Dann können Kinder ein differenziertes Menschenbild ausbilden und lernen: Es gibt Menschen, denn ich vertrauen kann, und Menschen, denen ich nicht vertrauen kann.

Ihr Mann scheint sehr viele Ängste, Komplexe, Schuld- und Schamgefühle mit sich herumzutragen. Das große Problem ist, dass er Ihnen nichts davon anvertrauen mag, obwohl Sie ein großes Interesse daran haben, ihn auf einer tiefen Ebene kennen zu lernen.

Das betrifft auch den Sex: Sie selbst lassen sexuelle Phantasien und Neigungen zu und erlauben sich, damit zu experimentieren. So lassen Sie eine gewisse devote Neigung zu und können sich auch anderen Phantasien hingeben. Ihr Mann verbirgt seine Neigungen, möglicherweise vor sich selbst, weil sie mit Angst und Schamgefühlen verbunden sind, und auf jeden Fall vor Ihnen. So können Sie als Paar auf dieser Ebene nicht zusammen kommen, sondern fühlen sich voneinander getrennt und Sie sich in Ihren Bedürfnissen nicht gesehen. Das verunsichert Sie tief, was ich gut verstehen kann.

Leider sind die Möglichkeiten, andere Menschen zu verändern, sehr beschränkt, wenn die Menschen sich nicht verändern wollen. Der wichtigste Satz, den Therapeuten in ihrer Ausbildung lernen ist: "Man kann nicht den Hund zum Jagen tragen." Ihr Mann verschließt sich vor Ihnen und zu einem gewissen Grad auch vor sich selbst. Wer weiß, was alles ans Licht käme, wenn er sich mit seiner Vergangenheit beschäftigen würde! Das wäre ein schmerzhafter Prozess! Auf mich macht es den Eindruck, als wenn Ihr Mann sich zumindest jetzt, in einer festen Beziehung und als werdender Vater, davon überfordert fühlen würde und es deshalb ablehnt, das Fass seiner Kindheitserinnerungen jetzt zu öffnen.

Und viele Menschen vermeiden es ihr Leben lang, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Oder sie tun es nur unter Druck, wenn der Ehepartner mit einer Trennung droht. Im Moment sehe ich bei der Motivation Ihres Partners keine wirklichen Ansätze, in puncto Vertrauen und puncto Sexualität etwas zu verändern. Sein Verschließen wirkt sehr hartnäckig, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er derzeit z.B. zu einer Paartherapie bereit wäre.

Wie sieht es denn eigentlich mit Ihnen aus? Was sind die Gründe dafür, dass Sie sich einen Partner gesucht haben, bei dem es von Anfang an "Rodeo" war und bei dem Sie so hart arbeiten müssen, um ihn zu öffnen (was nicht so gelingt, wie Sie es sich wünschen)? Gibt es für diese Partnerwahl Parallelen in Ihrer Lebensgeschichte? Mussten Sie über längere Phasen in Ihrer Kindheit für andere da sein und haben sich sich selbst zurück gestellt?

Das könnte der Fall sein, wenn ein Elternteil krank war, eine Suchterkrankung oder eine andere psychische Erkrankung hatte und Sie sich zurückstellen oder die Elternrolle einnehmen mussten. Es wäre bestimmt hilfreich, sich zu überlegen, warum Sie sich Ihren Partner ausgesucht haben.

Sie könnten sich auch noch einmal vor Augen führen, was die positiven Seiten Ihrer Beziehung sind - oder ehrlich schauen, ob Sie sich vielleicht etwas zu viel von ihm erhofft haben.

Herzliche Grüße und alles Gute für Sie,

Julia Peirano

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