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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Freundin bohrt penetrant nach alten Liebschaften - und riskiert so unsere Beziehung

Wer war da vor mir? Und was lief da genau? Diese Fragen beschäftigen viele Menschen in einer frischen Beziehung. Auch Patricks Freundin will das bis ins Detail wissen. Und nervt ihn damit so sehr, dass er über Trennung nachdenkt.

Das Gespräch über die Vorgänger und Liebschaften kann eine Beziehung belasten (Symbolbild)

Das Gespräch über die Vorgänger und Liebschaften kann eine Beziehung belasten (Symbolbild)

Liebe Frau Peirano,

Meine Freundin und ich haben ein Streitthema. Sie quetscht mich über meine früheren Partnerinnen aus und möchte wirklich alles wissen. Leider hat sie einmal alte Fotos gesehen, dabei waren auch Bikinifotos und Nacktfotos von einer früheren Freundin. Sie wollte im Detail wissen, wie es im Bett mit dieser Frau gelaufen ist und was ich mit anderen Frauen im Bett gemacht und erlebt habe. Wenn ich dann etwas erzähle, bohrt sie nach, und ich habe das Gefühl, dass keine Antwort es ihr recht machen kann. Wenn ich sage, dass es nicht gut war mit der Ex-Freundin, fragt sie mich, warum wir so lange zusammen waren oder warum ich überhaupt mit ihr zusammen war. Wenn ich sage, dass es gut war, fragt sie mich, warum wir uns getrennt haben. 

Ihr Argument ist, dass sie mich besser kennen lernen möchte. Wenn wir auf eine Party gehen oder im Viertel eine Bekannte von mir treffen, mit der ich mal etwas hatte, fragt sie mich intensiv nach der Geschichte.

Ich fühle mich davon sehr bedrängt und weiß einfach nicht, wie ich sie stoppen kann. Sie hat sich auch schon bei gemeinsamen Bekannten nach der Vergangenheit erkundigt und lenkt das Gespräch auf frühere Partnerinnen. Dann bestürmt sie mich wieder mit tausend Fragen. Warum ich mich getrennt habe. Was schief lief. Was die Frauen falsch gemacht haben. Wie es im Bett war. Was die andere Frau für Probleme hatte. Was für Gefühle ich für die Frau hatte.

Ich habe schon mehrfach gesagt, dass ich mich trenne, wenn das nicht aufhört. Auf der anderen Seite ist das der einzige Streitpunkt, den wir haben. Wir haben sehr guten Sex, manchmal auch genau nach einem Streit. Und ich habe sehr starke Gefühle für sie. Deshalb möchte ich auch unbedingt, dass diese Streitigkeiten aufhören.

Viele Grüße,

Patrick R.


Lieber Patrick R.,

In vielen Kulturen und Zeiten heirate(te)n die Menschen als Jugendliche und vor allem jungfräulich. Die Familie bewacht(e) die Heranwachsenden streng, damit sie bloß vor der Ehe keine sexuellen Erfahrungen sammeln konnten. So fragwürdig das Vorgehen auch ist, hat es immerhin die Menschen davor bewahrt, sich mit einer mitunter doch recht umfangreichen Sammlung von Vorgängerinnen oder Vorgängern befassen zu müssen.

Die Frage ist heute, wo die meisten eine ellenlange Vorgeschichte haben, wie viel man von der Vorgeschichte des Partners wissen möchte und wie viel Wissen man verkraften kann.

Das variiert sehr stark. Es gibt keine allgemein gültigen Spielregeln dafür, sondern ist eine Art Verhandlungssache zwischen den Partnern. Was möchte ich erzählen, was möchte ich hören? Was tut mir gut, und was nicht?

Einige Menschen akzeptieren es mühelos, dass der oder die Liebste vor einem selbst andere Menschen geliebt hat, mit ihnen Sex hatte, mit ihnen vielleicht an die gleichen Orte gereist ist oder das selbe Restaurant besucht hat, in dem man den ersten romantischen Abend hatte. In manchen Partnerschaften ist es eher amüsant, wenn der Partner sexuelle oder intime Anekdoten über einen Ex-Partner oder eine Ex-Partnerin erzählt (z.B. die freche "Nummer" auf der Flugzeug-Toilette, den Dreier, den man gewagt hat oder die Szene, in der man erwischt wurde). Andere hingegen wollen partout keine Einzelheiten wissen, um sich vor Vergleichen und unangenehmen Gefühlen zu schützen.

Bei einigen Paaren ist es ein Ritual, sich über Ex-Partner aufzuregen und zu erzählen, wie kompliziert und schrecklich es war. Das mag zwar ethisch nicht ganz astrein sein, aber vermittelt dem anderen ein positives Gefühl: Mit dir ist es viel besser.

Einige Menschen wollen die Beziehungsgeschichte ihres Partners erfahren, weil die Vorgeschichte ja auch die Liebeslandkarte sichtbar macht. Es werden Sehnsüchte und Vorlieben deutlich (er hat sich immer mehr Nähe gewünscht; sie wollte immer einen Partner, zu dem sie aufschauen kann. Oder: Er steht auf kurvige Blondinen, sie steht eigentlich auf dunkelhäutige Musiker.) Das wirft vielleicht die Frage auf, wie gut man selbst auf diese Landpunkte passt und hilft dabei, sich zu orientieren.

Auch Gefahren oder destruktive Beziehungsmuster lassen sich an der Vorgeschichte ablesen. Wenn er jede Frau irgendwann betrogen und mit der Geliebten eine neue Beziehung begonnen hat, kann mir das auch mit ihm passieren. Oder was mache ich daraus, wenn meine Freundin nach spätestens zwei Jahren jegliches sexuelle Interesse an ihrem Partner verloren hat?

Im Gegenzug können alte Muster auch Sicherheit geben. Wenn mein 52-jähriger Partner noch nie türenknallend gestritten hat, wird er es mit mir wahrscheinlich auch nicht anfangen. Wenn meine neue Freundin trotz aller Differenzen finanziell und in Bezug auf die Kinder fair zu Ihrem Ex-Mann ist, wird sie mich auch in Konfliktsituationen eher fair behandeln.

Ihre Partnerin hat ein sehr starkes Interesse daran, alte Spuren zu lesen und etwas daraus herauszulesen. Was, wird mir nicht deutlich. Wahrscheinlich möchte sie mehr Sicherheit gewinnen, indem sie ihre Beziehungsgeschichte erfährt. Möglicherweise erhofft sie sich auch mehr Nähe, wenn sie Ihre Vergangenheit in- und auswendig kennt.

Leider ist das genaue Gegenteil der Fall. Ihre Partnerin ist verunsichert und verschreckt von der Vielzahl an Informationen über Ihre intime Vergangenheit. Sie kann sich nicht orientieren, und statt zu ihren eigenen unangenehmen Gefühlen zu stehen, fragt sie zwanghaft weiter.

Das wird ihre Unsicherheit jedoch nicht lösen, sondern die Sache verschlimmern. Darüber hinaus vergiftet sie die Beziehung, denn die Fragen und die Gespräche über die Vergangenheit sind nicht einvernehmlich und angenehm, sondern sie drängt Sie dazu. Das ist übergriffig und respektlos, denn Ihre Grenzen werden nicht geachtet. Genau deswegen wenden Sie sich ab (verständlicherweise) - und es gibt Distanz statt Nähe, Zurückweisung statt Bestätigung der eigenen Wichtigkeit.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich durch die ungewollte Inquisition kritisiert und bloßgestellt fühlen. Sie können die Vergangenheit nicht verändern und umschreiben. Der kritische und verständnislose Blick darauf hilft Ihnen nicht, sich wertgeschätzt und verstanden zu fühlen, sondern er stellt Sie an den Pranger. Wie konntest du nur dies tun? Wie konntest du so fühlen?

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, Ihrer Freundin ein klares NEIN zu den Gesprächen über frühere Beziehungen zu sagen und sich nicht mehr auf die Themen einzulassen. Es ist für die Partnerschaft extrem schädlich, wenn die Verhöre weiter gehen. Vielleicht können sie ihr anbieten, zu einer Paartherapie zu gehen, damit sie sehen können, was für Ängste hinter dieser Fragerei stecken?

Fragen Sie Ihre Partnerin lieber, was für Gefühle sie jetzt Ihnen gegenüber hat, was Sie jetzt tun können, um ihr Sicherheit und Nähe zu geben. Sie können ihr vielleicht auch anbieten, über andere prägende Erfahrungen aus der Vergangenheit zu sprechen, z.B. über das Elternhaus, die Kindheit, Freundschaften und Berufswahl. Das verschafft auch Nähe, ohne dass Eifersucht entsteht.


Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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