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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Meine Freundin hat mit einem Fremden geschlafen, um sich an mir zu rächen"

Timo hatte sich schon fast von seiner Frau getrennt, um mit seiner Freundin neu anzufangen - da landete er mit seiner Ex im Bett. Aus Rache gönnte sich auch seine Freundin einen Seitensprung. Jetzt ist die Beziehung vergiftet. Was rät Julia Peirano in so einer Situation?

Seitensprung aus Rache

Seitensprung aus Rache - wie kann Timo damit umgehen?

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich bin seit einem Jahr mit meiner Freundin zusammen. Als ich sie kennenlernte, war ich noch mit meiner Frau zusammen, allerdings haben wir uns oft gestritten und über eine Trennung nachgedacht. Meine Freundin war auf meine Frau am Anfang sehr eifersüchtig und hat in ihr eine Art Feindbild gesehen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass wir uns wirklich trennen. Ich war auch nicht sicher, auch weil wir eine 8-jährige Tochter haben. Meine Eltern (sehr katholisch) machen auch Druck, dass man sich nicht scheiden lassen soll. 

Im Endeffekt habe ich mich dann nach einem halben Jahr von meiner Frau getrennt und bin ausgezogen. Irgendwie kam es dazu, dass wir kurz vor dem Auszug noch einmal miteinander geschlafen haben. Ich weiß, dass es blöd war, und ich bin selbst auch völlig überrascht davon, denn wir hatten davor zwei Jahre nicht miteinander geschlafen (was auch mit ein Grund für die Trennung war).  Meine Freundin hat mich irgendwann direkt gefragt, ob ich mit meiner Frau noch einmal Sex hatte, und ich kann schlecht lügen. Meine Freundin ging an dem Abend dann schnell nach Hause und meldete sich ein paar Tage nicht mehr. Als ich sie dann nach einer knappen Woche wieder gesehen habe, sagte sie mir, dass sie auch mit jemandem Sex hatte. Ich war völlig schockiert. Ich wollte wissen, wer es war, aber sie sagte mir nichts dazu und meinte, dass es für mich keine Rolle spielt. Ich hätte ja auch mit meiner Frau geschlafen, ohne sie vorher zu fragen. Wir können über dieses Thema nicht sprechen, ohne dass es zum Streit und zu endlosen Vorwürfen kommt. Ich weiß, dass es nicht richtig war, mit meiner Frau zu schlafen, weil es meine Freundin verletzt. Aber muss sie es mir deswegen gleich heimzahlen?

Was soll ich machen?

Timo N.

Lieber Timo N.,

Ich kann mir vorstellen, dass Sie sehr verwirrt sind, weil Ihre Freundin mit einem anderen Mann Sex hatte. Es verunsichert Sie sicher, dass Ihre Freundin so schnell jemanden aus dem Hut gezaubert hat, mit dem sie intim werden konnte, gerade zu einem Zeitpunkt, an dem sie es gut brauchen konnte, weil sie sehr verletzt war.

Ich gehe wie Sie übrigens auch davon aus, dass Ihre Freundin sich an Ihnen rächen wollte. Sie hat sich Ihnen wahrscheinlich unterlegen gefühlt, weil Sie beim Kennenlernen noch mit Ihrer Frau zusammengelebt haben. Sie und Ihre Frau kennen sich seit Jahren, haben sich einmal geliebt, haben sich für die Ehe entschlossen und haben ein gemeinsames Kind. Ihre Freundin hingegen kam neu hinzu und musste von ihrer entfernten Beobachterposition einschätzen, was für Gefühle Sie und Ihre Frau noch füreinander hatten. Und ob Sie beide sich trennen, oder ob Sie, wie viele verheiratete Männer, bei Ihrer Frau bleiben. Das war ein psychischer Balanceakt, bei dem Ihre Freundin das Gefühl hatte, viel mehr zu investieren als Sie.

Ich denke, dass diese Situation Ihrer Freundin nicht gepasst hat. Zudem war sie eifersüchtig auf Ihre Frau, was sie weiterhin geschwächt hat.

Leider muss ich Ihnen an dieser Stelle sagen, dass Sie nicht gerade sensibel mit der Situation umgegangen sind, als Sie noch einmal mit Ihrer Frau geschlafen haben. Sie selbst wissen nicht, warum Sie das gemacht haben- vielleicht sollten Sie sich das noch einmal genauer angucken. Gerade weil es keinen offensichtlichen Grund gibt, fragt Ihre Freundin sich wahrscheinlich, ob Sie es sich nicht hätten verkneifen können. Sie stellt sich wahrscheinlich alle möglichen Beweggründe dafür vor, und alle sind schmerzhaft (es sind doch noch große Gefühle im Spiel, die sexuelle Anziehungskraft ist nicht erloschen, Sie sind sich Ihrer Gefühle für Ihre Freundin nicht sicher). All das ist schmerzhaft. Ihre Frau wird wegen der gemeinsamen Tochter nicht aus Ihrem Leben verschwinden. Zudem wird Ihre Frau wahrscheinlich aufgrund der Vorgeschichte keinen Kontakt zu Ihrer Freundin aufbauen. Die Situation ist vergiftet, und das belastet auch Ihre Freundin. 

Darüber hinaus war der Sex mit Ihrer Frau gegenüber Ihrer Freundin ein  Vertrauensbruch, der zu einer Art Schock geführt hat. Ihre Freundin ist mit dieser Erschütterung auf eine bestimmte Art umgegangen: Sie hat sich gerächt und hat Ihnen mit ihrem eigenen die gleichen Verletzungen zugefügt.

Damit sagt sie klar und deutlich: "Meine Treue ist nicht selbstverständlich. Wenn ich mich nicht auf dich verlassen kann, kannst du dich auch nicht auf mich verlassen. Wenn ich nicht weiß, was zwischen dir und deiner Frau vorgeht, kannst du auch nicht sicher sein, was in meinem Leben mit anderen Männern vorgeht. Da gebe ich dir auch keinen Einblick. Wie du mir, so ich dir. Ich lasse mich nicht zum Opfer machen, sondern ich wehre mich und zahle es dir mit gleicher Münze heim."

Diese Botschaft ist alles andere als gefällig, und ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen nicht gefällt, diese Kröte zu schlucken.

Rache ist natürlich keine gute Grundlage für eine Beziehung, auch Machtkämpfe sind es nicht. Aber was wäre die Alternative? Dass Sie Ihre Freundin zum Opfer machen, also verletzen können und sie es still und leise erduldet? Jetzt sind Sie beide Täter und haben Ihre Beziehung erst einmal gegen die Wand gefahren.

Ich würde vorschlagen, dass Sie beide, wenn Sie zusammen bleiben wollen, bewusst einen Schlussstrich unter die Verletzungen ziehen. Hören Sie auf, über die alten Wunden zu sprechen, und schauen Sie lieber nach vorne. Sie sind quitt, und Sie beide haben gezeigt, wozu Sie fähig sind (das ist wahrscheinlich für Sie beide erschreckend). Es wäre dringend nötig, sich zu überlegen, ob Sie einander verzeihen können. Was bräuchten Sie dazu? Zeit? Zugeständnisse? Liebesbeweise? Absprachen? In welcher Form? Spüren Sie beide doch einmal getrennt voneinander nach, ob Verzeihen möglich ist. 

Und noch etwas: Es wäre wirklich wichtig, dass Sie das Thema "Treue" von Grund auf neu verhandeln. Wollen Sie beide eine exklusive Beziehung? Was sind die Grenzen, auf die Sie sich einigen können? Was passiert, wenn einer von Ihnen die Grenzen überschreitet (wozu Sie ja beide in der Lage sind?). Gibt es dann sofort eine entsprechende Rachereaktion des Partners? Oder wollen Sie sich ernsthaft bemühen, die Gefühle des anderen früher zu berücksichtigen?

Ich wünsche Ihnen, dass Sie beide Klarheit gewinnen, ob Sie diese Beziehung weiterführen möchten.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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