HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "In unserer Ehe gibt es keine Intimität - das macht mich kaputt"

Jan und seine Frau haben sich über ihren Glauben kennengelernt - das ist 25 Jahre her. Doch sexuell war es von Anfang an mau. Wirkliche Intimität ist nicht entstanden. Jan leidet darunter - und bittet Love-Coach Julia Peirano um Hilfe.

Keine Intimität

Keine Intimität - wie kann man das ändern?

Liebe Frau Peirano,
 

meine Frau und ich haben uns vor ca. 25 Jahren durch den christlichen Glauben – den wir beide gerne leben – kennengelernt und haben dann geheiratet. Vor unserer hatten wir keinerlei sexuelle Erfahrung und auch das fanden wir beide okay. Dann begann unsere Ehe und meine Frau war eigentlich immer abweisend, sowohl beim Sex als auch beim intimeren Teil der Beziehung.  Nicht dass sie Sex völlig verweigert hätte, ich hatte - und habe - immer das Gefühl, sie ist niemals wirklich bei dem, was sie tut. Es ging - und geht - immer nur um meine Befriedigung, danach erlischt eigentlich jede Intimität, ob mit 'Sex' oder ohne.
Zu Beginn dachte ich, das kann sich mit der Zeit ändern und ich habe mir immer große Mühe gegeben, um den Fokus eher auf gemeinsame Intimität und dann auch Sex, der ihr auch etwas bringt, zu legen. Wir haben auch viel und oft darüber gesprochen, jedoch ohne Erfolg.

Wir sind in unserer Gemeinde ein ideales Team und keiner würde vermuten, wie groß unsere Probleme sind. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe ich mich emotional immer weiter zurückgezogen von ihr, da ich eine derart einseitige Beziehung nicht will und eigentlich niemals wollte.

Zwischenzeitlich hatten wir sogar mal - völlig anonym übers Internet - Kontakt zu jemandem, der früher selbst Paarberatung gemacht hat. Ich habe mir mit ihm geschrieben und meine Frau mit seiner Frau. Die beiden haben sich echt viel Mühe gegeben, besonders mit meiner Frau, um Tipps und Ratschläge zu geben. Leider muss ich sagen, bei dem was meine Frau darüber sagt, hat sie eher versucht, jeden Ratschlag so gut wie möglich zu ignorieren. Es blieb beim 08/15-Sex ohne wirkliche Intimität, bei dem jede mögliche Illusion von Intimität zum Ende kam nach dem zu erreichenden Orgasmus meinerseits.
Inzwischen sind wir jenseits der 50. Eigentlich ist mir die Ehe heilig und ich möchte meine Frau niemals verlassen oder ihr so etwas antun wie eine Affäre, jedoch wird es mir jeden Tag schwerer. Auf der einen Seite frage ich mich jeden Tag mehr, ob ich diese Beziehung wirklich bis zu meinem Lebensende führen will und auf der anderen Seite hat diese Situation erheblich Frust- und Wutpotential, mit dem ich jeden Tag schwieriger zurande komme.

Ich bin innerlich sehr zerrissen, denn nach einem Vierteljahrhundert 'zusammen sein‘ kann ich mir ein Leben ohne meine Frau kaum vorstellen. Unsere finanzielle Situation ist auch recht angespannt, so dass eine Paarberatung schwierig wäre, ich hätte hier aber auch Bedenken, ob meine Frau das wirklich will. So leben wir also nebeneinander her, mein emotionaler Abstand zu meiner Frau ist echt groß und ich wüsste nicht, was ich daran ändern kann, meine Sexualität spielt sich mehr oder weniger ausschließlich auf Youporn ab - wovon ich weiß, das ist alles andere als gesund. Vor ein paar Jahren hat mir eine Zufallsbekanntschaft recht eindeutige Angebote gemacht und manchmal hätte ich große Lust, mich einfach in ein solches Abenteuer zu werfen. Bis jetzt hat die Vernunft gesiegt!

Haben Sie einen Rat für mich?

Herzliche Grüße,

Jan Peter S.


Lieber Jan Peter S.,

Ihre Schilderung hört sich an wie ein Hilferuf einer sehr vernachlässigten und ausgetrockneten Seele. Sie machen sehr deutlich, wie sehr Ihnen liebevolle Berührungen und lustvolle Sexualität fehlen, und wie sehr Sie innerlich zerrissen sind, dass Sie diesen für Sie so lebensnotwendigen Teil nicht mir Ihrer Frau ausleben und teilen können.

Ihre Frau versteht anscheinend nicht, wie es in Ihnen aussieht. Für mich hört es sich so an, als wenn Sie aus einem (aus meiner Sicht falsch verstandenem) christlichen Weltbild Sexualität als etwas unwichtiges, vielleicht auch sündhaftes auffasst. Es muss zwar erledigt werden, weil es irgendwie zu einer Ehe dazu gehört, aber bitte schnell, kurz und schmerzlos und ohne Lust zu empfinden. Ohne etwas auszuprobieren, ohne sich innerlich einzulassen.

Was glauben Sie, wie es Ihrer Frau gehen würde, wenn Sie wüsste, wie sehr Sie unter der Situation leiden? Wenn Sie zum Beispiel diesen Beitrag lesen würde? Wenn Sie erfahren würde, dass Sie mit dem Gedanken an eine Affäre spielen, dass Sie auf Youporn unterwegs sind?

Vielleicht hilft ein deutlicher Knall, um Ihrer Frau klar zu machen, dass es so nicht weiter gehen kann. In vielen Fällen kommt es zu einer Erschütterung, wenn ein Partner eine Affäre hat, die dann ans Licht kommt. Nach einem anfänglichen Schock kann man dann über die unerfüllten Sehnsüchte sprechen, über Enttäuschungen, Frust und Hoffnungen. Bei Ihnen ist es noch nicht so weit gekommen, aber innerlich sind Sie weit entfernt von Ihrer Frau, und der Nährboden für eine Affäre ist gut bereitet. Es fehlt eigentlich nur noch die Gelegenheit - und die gibt es ja heutzutage an jeder Ecke.

Ihre Frau ist wahrscheinlich genau so einsam und unzufrieden, wie Sie es sind, nur ist sie es auf eine ganz andere Art und Weise. Ich vermute, dass sie gute Gespräche und verbale Nähe vermisst, dass ihr freundschaftliche Verbundenheit und Herzlichkeit fehlen. Das heißt: Sie beide sind einsam und fühlen sich voneinander entfernt. Sie beide haben ein völlig unterschiedliches Erklärungsmodell für die Ursachen und die Lösungswege.

Ihre Frau sagt: Rede mit mir, sei liebevoll, interessier dich für meine täglichen Belange, und ich fühle mich gut und geliebt.

Sie sagen: Geh mit mir ins Bett, öffne dich für mich, gib dich mir hin und zeig mir deine Lust, und dann fühle ich mich angenommen und glücklich.

Sex in der Ehe: Das klärende Gespräch suchen

Deshalb würde ich Ihnen empfehlen, mal ganz deutliche Worte mit Ihrer Frau zu sprechen und es zu riskieren, dass Ihre eingeschlafene Beziehung in den Grundfesten erschüttert wird. Allerdings würde der Schuss nach hinten losgehen, wenn Sie dabei Forderungen an Ihre Frau stellen im Sinne von: "Wenn Du Dich nicht sexuell auf mich einlässt, ist bald Schluss zwischen uns." Es wäre um einiges einfühlsamer, wenn Sie Ihre Frau um ein Gespräch bitten und Ihr vielleicht diesen Blogbeitrag zeigen. Erzählen Sie ihr von sich, von Ihren Gefühlen, Ihrem Frust, Ihren Sehnsüchten. Sagen Sie ihr, dass Sie Sexualität mit ihr teilen möchten, schildern Sie vielleicht, was genau Sie sich vorstellen und erträumen. Und fragen Sie sie dann, ob sie bereit ist, sich darauf einzulassen.

Wenn Sie nicht zu einer Paarberatung (es gibt auch kirchliche Beratungen für wenig Geld) bereit ist, können Sie sie ja fragen, welche Lösung sie sich vorstellt. Möglicherweise können Sie auch ein Modell verhandeln, indem Sie beide als Paar zusammen bleiben, Sie aber Ihre sexuellen Bedürfnisse woanders ausleben.

Fassen Sie sich ein Herz und legen Sie das Thema mutig auf den Tisch, denn so geht es nicht auf Dauer weiter!


Herzliche Grüße,

Julia Peirano

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity