HOME

d-magazin: PFEFFER UNTERM HINTERM

Der Boden bebt, wenn »Stan¿s Pepper Steppers« in Far Rockaway die Seile schwingen: In dem New Yorker Vorort trainieren die Weltmeister in Double dutch - Seilhüpfen für sehr weit Fortgeschrittene

»Acht Runden zum Aufwärmen«, ruft Trainer Stan Brown in die Turnhalle des »Sorrentino Recreation Centers«. Der zwölfjährige Jason Pezzaro läuft sie am schnellsten. Anschließend beginnen er und seine drei gleichaltrigen Team-Kolleginnen, sich »langsam« - wie sie es nennen - mit dem Seil aufzuwärmen. Aber was ist schon langsam bei diesem Sport? Double Dutch, das ist Seilspringen für echte Könner: Im Gegenrhythmus schwingen zwei Sportler zwei Springseile, und ein oder mehrere Team-Mitglieder hüpfen hidurch. Um Schnelligkeit geht es dabei und um ausgefallene Tricks. Beides hat Jason drauf: Mit seinem Team »Stan?s Pepper Steppers« ist er im Juni 2000 Weltmeister im Double Dutch geworden. Um den Erfolg zu halten, trainiert die Gruppe nun bis zu fünfmal pro Woche in Far Rockaway, einem Vorort New Yorks.

Heute abend lassen Glenda und Laquasha die Seile rotieren. Jason hüpft dazwischen, zweimal in jede Richtung und wieder raus. Keine zehn Sekunden dauert das. Dann ruft er: »Tempo!« Die über vier Meter langen Seile wirbeln noch schneller, und Jason trippelt dazwischen, seine Füße heben sich dabei kaum. Sein Oberkörper ist leicht vorgebeugt, die Arme sind angewinkelt, der Blick am Boden. Die Mädchen feuern ihn an: »Schneller!« In der Double Dutch-Disziplin Speed wird gezählt, wie oft ein Springer in zwei Minuten über das Seil hüpft. »200 Tritte sind eine gute Leistung«, sagt Trainer Brown. Jason keucht nach dem Schnell-Hüpfen. Mitgezählt hat er nicht - das war schließlich erst das Aufwärmen. Fast 20 Kinder trainieren zur gleichen Zeit in der Turnhalle. Der Boden bebt: Immer wenn ein Team anfängt, die umwickelten Kunststoffseile zu schwingen, klingt das wie ein anlaufender Motor. Erst langsam und unregelmäßig, dann immer schneller, in geschmeidigem Rhythmus.

Man ist stolz auf die Champions: Nicht nur die »Pepper Steppers« sind Weltmeister geworden, auch die anderen Teams von Stan Brown hüpfen an der internationalen Spitze mit. Und das zu Recht: Ein Blick auf die Pokale im Computerraum des Sport-Centers lässt keinen Zweifel an der Qualität der Sportler. Doch auf dem Erfolg ausruhen dürfen sich die jungen Sportler nicht: Für die Disziplin Freestyle müssen neue Tricks geübt werden. »Fertig«, sagt Jason, als er gut auf dem Rücken der viel stämmigeren Camilla sitzt. Sie ist in die Hocke gegangen, mit dem Rücken zu den rotierenden Seilen. Jason blickt konzentriert auf die Taue und ruft: »Go!« Camilla stemmt sich hoch und katapultiert Jason in die Luft. Er dreht einen Salto und landet in der Hocke hüpfend zwischen den Seilen, dabei klatscht er in die Hände. Mit dieser akrobatischen Leistung erfüllt das Team beim Wettkampf mehrere Anforderungen: Der gute Trick bringt ebenso Punkte wie rhythmisches Hüpfen und Klatschen.

»Double Dutch gibt es, so lange ich denken kann«, erzählt Stan Brown. Der 54-Jährige muss es wissen: Seit 30 Jahren schon ist er Trainer. Und der Sport ist noch viel älter: Vor mehr als hundert Jahren hüpften holländische Matrosen im Hafen von New York über Hanfstricke, als sie diese zu dicken Seemannstauen drehten. Als anerkannte Sportart etablierte sich das Seilspringen erst vor rund 30 Jahren: Nach einer Kampagne der amerikanischen Herzstiftung stand es plötzlich auf den Trainingsplänen von Sportcentern und Schulen. Mit einfachem Seilhüpfen hatte das bald nicht mehr viel zu tun: Die Sportler springen heute komplizierte Figuren, machen Hock- und Grätschsprünge oder Liegestütze zwischen den Seilen. Und das alles in atemberaubendem Tempo.

Natürlich ist das hervorragend für Herz und Kreislauf, für Stan Brown ist es aber vor allem die beste Team-Sportart der Welt: »Selbst Basketball kann man allein spielen, bei Double Dutch ist das unmöglich.« Daher geht es auch nicht ohne Disziplin - und das bekommt Pepper-Stepper Jason kurz vor Ende des Trainings zu spüren.

»Ready ropes!«, fertig die Seile, ruft Brown, dann pfeift er an zur Leistungskontrolle. Zwei Minuten Tempo-Hüpfen, bis die Hallen-Uhr laut trötend das Ende signalisiert. Die Gruppe muss nochmal antreten, weil das Seil kurz gestoppt hat. Jason presst die Lippen zusammen. Ready ropes, Pfiff, Hüpfen: Der Junge versucht es nochmal. »Die Füße hoch, schnell!«, spornt ihn Camilla an. 20 Sekunden vor der rettenden Tröte tritt Jason auf eines der Seile, ganz kurz nur. Doch Trainer Brown hat?s gesehen, noch bevor Jasons Team-Kolleginnen aufstöhnen.

Jason will nicht mehr. Er gibt auf und lässt sich auf den Hallenboden plumpsen. Die anderen finden sein Verhalten unprofessionell: Zwar wäre ein Wettkampf nach diesem Fehler verloren - aber weitermachen muss ein Weltmeister trotzdem. Nach dem Umziehen erinnert sich Jason jedoch wieder an die im Sportcenter geltenden Regeln - ganz so, wie es ein Schild am Eingang fordert: »Hier ist nur positive Stimmung erlaubt.« Der Zwölfjährige versucht zu lächeln und sagt: »Das nächste Training wird bestimmt besser. Eigentlich macht Double Dutch nämlich ganz viel Spaß.«

Auch wenn es mitunter ganz schön hart ist - selbst für einen Weltmeister

Marcus Müller und Detlef Schneider

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity