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Fair-Trade-Pfeffer Die Pfefferhändlerin: Von einer Berlinerin, die vom Aroma lebt

Anja Matthes bei der Pfefferernte
Anja Matthes wollte nicht nur mit Pfeffer handeln, sie wollte das Produkt auch verstehen - und half bei der Ernte mit.
© Pure Pepper
Anja Matthes' Geschäft ist der Pfeffer. Ein Porträt über eine Frau, die dahin ging, wo der Pfeffer wächst und zu Miss Pure Pepper wurde, eine Händlerin von Fair-Trade-Pfeffer direkt vom Kleinbauern.

Anja Matthes und der Pfeffer, das ist eine Urlaubsliebe mit Nachhall. Vor rund zehn Jahren verliebte sich die Berlinerin in einem Straßenrestaurant in Kambodscha in ein Gewürz, von dem sie dachte, sie würde es kennen. Ein Pfeffer, so aromatisch und vielschichtig, dass sie ihn nicht mehr vergessen sollte und der ihrem Leben eine neue Wendung gab. Aus Anja Matthes wurde Miss Pure Pepper – eine Pfefferhändlerin. Mit ihrem Unternehmen "Pure Pepper" vertreibt sie inzwischen ausgewählten Fair-Trade-Pfeffer mit dem Plus an Geschmack.

Dass sie einmal mit Pfeffer ihr Geld machen würde, war nicht geplant. Matthes ist studierte Geisteswissenschaftlerin, arbeitete in einer Agentur, reiste viel. Der Job machte ihr Spaß. Das Leben, das sie führte, war gut. Aber das reichte nicht. Mit Anfang 30 suchte sie den Neuanfang und das von Grund auf. Sie kündigte, gab die Wohnung auf, schmiss noch eine Party und stieg in den Flieger. Matthes wählte die Auszeit, bereiste Thailand, Vietnam, Kambodscha. Und dort, erzählt sie heute, "kam der Pfeffer zu mir". 

Dahin, wo der Pfeffer wächst

Was sie in Kambodscha aufgetischt bekam, war für sie eine kulinarische Erleuchtung. Die Pfeffersauce zum Fisch schmeckte so aromatisch und vielfältig, wie sie das Gewürz zuvor nie kennengelernt hatte. "Man kennt ja nur den Allerweltspfeffer, aber das war eine ganz neue Qualität", schwärmt sie davon, wie eindrücklich diese erste Bekanntschaft gewesen sei. Zunächst aber blieb es zwischen ihr und dem Pfeffer beim Urlaubsflirt. 

Zurück in Deutschland, zurück im Alltag, blieb die Frage: Was nun? Eine Sommerakademie an der TU Berlin gab den entscheidenden Impuls. Die Selbstständigkeit, das eigene Unternehmen sollte es werden und plötzlich huschte der Pfeffer zurück in ihren Kopf. "Es geht doch vielen so, dass sie auf Reisen etwas entdecken und sich fragen, warum es das zu Hause nicht gibt." 

Matthes machte sich an die Arbeit. Recherchierte, nahm Kontakt zu Kleinbauern auf. Denn eines stand für sie fest: Wenn sie mit Pfeffer handeln würde, dann mit welchem direkt vom Bauern. Dafür ging sie zurück dahin, wo der Pfeffer wächst, nach Kambodscha, Indien, Nepal. Sie schaute sich an, wie die Landwirte arbeiten, half selbst bei der Ernte mit. 

Anja Matthes in Kambodscha
Anja Matthes bei der Qualitätssicherung der Pfefferernte in Kambodscha.
© Pure Pepper

"Das hat was von Aschenputtel", erzählt sie. "Man muss sich das vorstellen wie beim Apfelbaum. Dort wachsen die Äpfel auch, wie sie wollen. Einer ist gelb, der nächste rot, ein anderer grün." Pfefferkörner zu sortieren, noch dazu per Hand, sei extrem anstrengend und aufwendig. "Dahinter steckt enorme Handarbeit. Würde man so in Europa arbeiten, würde ein Sack Pfeffer so viel kosten wie ein Sack Gold." 

Fair-Trade-Pfeffer direkt vom Bauern

Anja Matthes findet, was sie sucht. Produzenten, deren Qualität ihren Ansprüchen genügen. Auch wenn es manchmal etwas länger dauert. Allein in Indien sei sie zweimal gewesen, bevor sie einen Geschäftspartner gefunden habe.

Inzwischen bezieht die Berlinerin Pfeffer aus acht Anbaugebieten. Jeder einzelne Pfeffer habe seinen eigenen Charakter, ein eigenes Aroma. So finde sich eine Süße im tasmanischen Pfeffer und eine Fruchtigkeit im indischen. Und im kambodschanischen Pfeffer schwinge eine leichte Eukalyptus-Note mit. 

"Und das ist nur der schwarze Pfeffer. Das sind zum Teil Aromen, von denen man erst nicht glauben kann, dass sie natürlich sind", sagt Matthes. Wie unterschiedlich Pfeffer schmecken könne, sei vielen überhaupt nicht bewusst. Zumal die Geschmacksvielfalt beim konventionellen Pfefferso gut wie nicht vorhanden sei. "Daher denken auch viele, Pfeffer sei in erster Linie scharf."

Aromakiller Verpackung

Der übliche gemahlene Pfeffer aus dem Glasbehältnis, wie man ihn landläufig im Supermarkt kaufen kann, sei daher kein Vergleich zu dem, was hochwertiger Pfeffer biete. "Ganz ehrlich, dann kann man auch Straßendreck nehmen", meint Matthes überspitzt. Pfeffer habe ein extrem flüchtiges Aroma. Licht und Luft seien Aromakiller.

"Mir geht es darum, hochwertige Qualität anzubieten. Dazu gehört, bis zum Ende darauf zu schauen, dass es dem Pfeffer gut geht." Der Pfeffer von "Pure Pepper" kommt im Violettglas, das Licht absorbiert. Das sei zwar teurer, dafür aber wiederverwertbar. Verpackt, etikettiert und verschickt wird in einer Berliner Behindertenwerkstatt.

Ein paar 100 Kilo Pfeffer importiert Matthes übers Jahr verteilt. Dazu gehört auch Wildpfeffer. Wie viel Pfeffer einer Jahresernte sie einkauft, macht sie abhängig von der Qualität. Aber auch andere äußere Einflüsse wie Ernteausfälle spielen eine Rolle. So hat sie in diesem Jahr keinen tasmanischen Pfeffer importiert. Weil dort in dieser Saison der Regen fehlte, schossen die Preise in Höhen, bis sie nicht mehr mitgehen konnte. "Der Klimawandel lässt grüßen", sagt sie.

"Kein Grundbedürfnis Bäuerin zu sein"

Und auch die Corona-Pandemie erschwerte das Geschäft. Noch im Februar war sie mit ihrer Familie in Indien gewesen, fünf Tage später folgte der Lockdown. In der Werkstatt in Berlin konnte nicht normal gearbeitet werden, sie musste auf Notbetrieb umstellen, zeitweise selbst verpacken.

Dazu komme, dass ein Teil des Geschäfts weggebrochen sei, weil viele Händler nicht verkaufen konnten, berichtet Matthes. Welchen Einfluss die Pandemie auf die Ernte haben wird, wie es dann mit dem Flugverkehr aussehe, müsse sich zeigen. "Ich lass' das auf mich zukommen", sagt sie. "Es ist, wie alles in diesem Jahr, fragil."

Nach einer Dekade im Pfeffer-Business hat Anja Matthes ein solides Netz an Geschäftspartnern aufgebaut und ist in die Tiefen des Pfefferanbaus eingetaucht - nur selbst anbauen, das tut sie nicht. "Es gibt ja Menschen, die davon träumen, Biobauer in Brandenburg zu werden oder ein Stück Land zu kaufen und das von anderen bewirtschaften zu lassen", sagt sie. Sie falle eher in die erste Kategorie, wisse aber inzwischen wie hart die Arbeit sei. "Ich habe kein Grundbedürfnis Bäuerin sein zu müssen - zumindest aktuell nicht. Aber man weiß ja nie."


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