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Schule im Coronavirus-Lockdown "Positiv überrascht" oder "unendlich frustriert" – stern-Leser schildern ihre Erfahrungen mit Distanzunterricht

Sehen Sie im Video: Berlins Landesschülersprecher kritisiert Schulschließungen und fordert mehr Unterstützung.




Mit dem verschärften und verlängerten Lockdown geht auch eine Schließung der Schulen einher. Wie und ob den Schülern Fernunterricht und Notbetreuung angeboten wird, ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. "Es ist eine enorme Unsicherheit da. Keiner weiß so richtig, was kommt, das ist erst mal ein großes Problem", sagt Berlins Landesschülersprecher Richard Gamp. Zwar sei es in den oberen Klassen einfacher, Homeschooling umzusetzen, sagt Gamp, gleichzeitig stünden die Schüler hier kurz vor Prüfungen und machten sich wegen jeder ausgefallenen Unterrichtsstunde Sorgen. Entscheidungsträger sollten einfach den Mut haben, hier für Klarheit zu sorgen, sagt Gamp: "So verlaufen die Prüfungen, das kommt dran, und das nicht. Und da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen." In Berlin, wo laut Gamp jedes dritte Kind in Armut lebt, seien die Probleme für Schüler besonders gravierend. "Also besonders in den Bereichen, wo es keine besonders starke soziale Unterstützung durch die Eltern, durch die Familie gibt und in den Bereichen, wo es keine Unterstützung durch die Schulen gibt, weil Lehrer sich ausklinken, weil Schulleitung nicht hinterherkommen. Da gibt es richtig große Probleme, da bekommen wir das Feedback: Verdammt, das klappt nicht. Genauso im Bereich von Schülern, die sagen, ich kann mich zuhause einfach nicht so richtig konzentrieren. Ich kann auch nicht arbeiten. Ich brauche die Schule, Umgebung, ich brauche meine Freunde." Doch auch auf die Lehrer kommt es an, sagt Gamp, denn einige würden sich beim Thema Fernunterricht nicht besonders engagieren. "Arbeitsblätter schicken ersetzt kein Unterricht. Wer das glaubt, der ist auf einem Irrweg. Wir brauchen vernünftige soziale Unterstützung, Schulsozialarbeit durch die Eltern, durchs Jugendamt." Das größte Manko sieht Gamp allerdings beim Thema Digitalisierung - denn dazu gehöre nicht bloß, den Kindern ein Ipad hinzulegen, es bräuchte auch öffentliche, funktionierende Lernplattformen und eine bessere Internetverbindung. "Die digitale Ausstattung, so viel steht fest, in Berlin ist grottenschlecht. Also wir sehen es: am ersten Tag im Homeschooling bricht sofort wieder alles zusammen." Und wie in so vielen Bereichen gilt auch hier - durch die Pandemie werden Missstände deutlich, die schon vorher existierten und auch über Corona hinaus eine Herausforderung bedeuten. "Es geht um unsere Zukunft an dieser Stelle. Wir verspielen die Zukunft der kommenden Generation dadurch, dass sie sagen Ja, das wird schon irgendwie gehen. Jeder Schüler, der aus der Schule rauskommt, ist im Moment a) viel zu wenig ausgebildet im Bereich der Digitalisierung und b) braucht er digitale Medien überall in seinem Berufsalltag."
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Der Distanzunterricht soll das Recht auf Bildung und Schutz der Gesundheit gleichermaßen sicherstellen. Doch vielerorts funktioniert die neue Art des Lernens offenbar überhaupt nicht. Aber es gibt auch positive Erfahrungen. stern-Leserinnen und -Leser berichten aus ihrem Alltag.

"Es ruckelt technisch gewaltig", ist der Befund der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nach Tag eins des Distanzlernens im Corona-Lockdown. "Viele Lernplattformen und Server halten den Zugriffen nicht stand", sagt GEW-Chefin Marlis Tepe dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Bei der Entwicklung der Programme sei nie die Idee gewesen, dass so viele Schüler gleichzeitig auf sie zugriffen.

Die GEW bestätigt damit die Erfahrung, die Eltern am Montag reihenweise in den sozialen Netzwerken schilderten: Dass Distanzunterricht vielerorts schlicht nicht möglich war, weil die entsprechenden Dienste im Internet für die Schülerinnen und Schüler nicht erreichbar waren.

stern-Leser schildern Erfahrungen mit Distanzunterricht

Verantwortlich für die Probleme sind laut GEW die zuständigen Ministerinnen und Minister. "Die Politik hat es im Sommer verschlafen, Distanz- und Wechselunterricht besser vorzubereiten." Tepe zufolge habe man sich zu sehr an die Hoffnung geklammert, "dass es mit dem Präsenzunterricht schon irgendwie klappt". Das sei "fahrlässig" gewesen.

Die brandenburgische Bildungsministerin und designierte Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst (SPD), wirbt dagegen in den ARD-"Tagesthemen" um Verständnis für die Schwierigkeiten beim digitalen Lernen: "Das ist ärgerlich. Aber was wir in den vergangenen fünf bis acht Jahren versäumt haben an Initiativen für die digitale Bildung, holen wir nicht in sechs bis neun Monaten auf." – "Ich gebe zu, wir wären gerne woanders."

Ausbaden müssen die Versäumnisse die Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Statt Mathe, Deutsch oder Englisch steht vielerorts Warten oder verzweifeltes Aufgeben auf dem Programm.

Wir haben die stern-Leserinnen und -Leser nach ihren Erfahrungen mit dem Distanzunterricht-Auftakt gefragt – nach guten wie nach schlechten. Die Zahl der Zuschriften war enorm. Die Schilderungen sind selbstverständlich nicht repräsentativ und geben doch einen Einblick in die Realität des digitalen Lernens in Deutschland 2021. Klicken Sie sich durch die Antworten:


Distanzunterricht – positive Erfahrungen


Distanzunterricht – negative Erfahrungen

Hinweis: Auf Wunsch wurden einige Namen pseudonymisiert.

Auch auf der stern-Facebook-Seite teilten Eltern und Lehrkräfte ihre Erfahrungen mit dem Distanzlernen – von frustriert bis motiviert:

Klicken Sie auf den Beitrag, um die Kommentare zu lesen.

Doch bei allem Frust über oder aller Lust an der neuen Form des Lernens, eines haben fast alle Betroffenen gemeinsam: Den Wunsch, dass der Distanzunterricht den Alltag nicht allzu lange bestimmen wird.

Möchten Sie auch Ihre Erfahrungen schildern? Melden Sie sich per E-Mail bei uns: leseraufruf@stern.de, Betreff: DistanzunterrichtBitte geben Sie Ihren Wohnort und auch die Klassenstufe Ihres Kindes oder Ihrer Kinder an. Wir freuen uns ebenfalls über Erfahrungsberichte von Lehrerinnen oder Lehrern.

Die erhobenen Daten werden selbstverständlich ausschließlich für unsere journalistische Berichterstattung verwendet und anschließend gelöscht. Sollten Sie die Nennung Ihres vollständigen Namens nicht wünschen, teilen Sie uns dies bitte mit. Wir behalten uns vor, die Zuschriften im Falle einer Veröffentlichung zu kürzen.

mt Material der DPA

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