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Erziehung: Ungeheuer schwer

Beratungsstellen sind ausgebucht, überforderte Eltern beschimpfen verunsicherte Lehrer, die beklagen im Umgang mit unseren Kindern den Werteverfall. Was geht ab in den Kinderzimmern?

Nehmen wir einen schlechten Vater, irgendeinen, denn niemand gibt das gern zu. Sagen wir, er ist Journalist, arbeitet zu viel und hat zwei Kinder, die den ganzen Tag rumschreien, durch die Bude toben und nichts aufräumen. Sie sind laut und rücksichtslos, wild und maßlos, wahrscheinlich zwei ganz normale Jungs, eben gesund und munter, und sogar ganz erträglich, wenn sie nur abends rechtschaffen müde wären.

Sind sie aber nicht. Denn dann geht es im Kinderzimmer erst richtig los: Jeden Abend Highlife bis mindestens zehn. Und wenn diesem Vater nach unzähligen Ermahnungen mal der Kragen platzt, weil gegen elf Uhr immer noch Matchbox-Autos durch die Gegend fliegen, dann muss er sich von seinem so genannten Großen, sechs, auch noch als "Kinderquäler" beschimpfen lassen.

Ruhig bleiben, durchatmen, der meint das nicht so, hoffentlich. Und trotzdem: Das sitzt. Beim Boxen nennt man so was einen Wirkungstreffer. Der Kleine, vier, plappert es natürlich sofort nach: "Kinderquäler! Genau!" Und dann heulen sie auch noch beide wie auf Verabredung los, verlangen nach Mama, die zufällig mal im Kino ist, demnächst vielleicht noch nach einem Anwalt oder amnesty international. Und warum?

Irgendwann kommt Frau Kinderquäler nach Hause

Nur weil der Kinderquäler ausnahmsweise mal zurückgebrüllt hat: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, und so weiter. Und weil sie das immer noch lustig fanden, geht es morgen eben ohne Fernsehen ins Bett - nicht etwa ohne Abendbrot, mit einer Tracht Prügel oder im Keller. Nur ohne Sandmann. Kein Wicki, kein Kika, basta!

Nach so einer Ansage gibt es kein Zurück. Oder soll er jetzt doch noch mal reingehen und sagen, dass er sie liebt? Soll er sie trösten, dass übermorgen auch wieder was im Fernsehen kommt? Wegen ein paar dicker Tränen einen Rückzieher machen? Oder soll er ihnen vielleicht mal zeigen, was ein echter Kinderquäler ist?!

Bevor er noch mehr falsch macht, macht er lieber gar nichts. Der Abend ist sowieso im Eimer, der Boxkampf vorbei. Irgendwann kommt Frau Kinderquäler nach Hause, fragt nicht "wie war's", sondern nur "wie lange?" Und dann sitzen sie noch ein bisschen mit schlechtem Gewissen herum, lauschen und grübeln und fragen sich allen Ernstes, ob etwas Schlaf vor Mitternacht vielleicht doch zu viel verlangt sei?

Der schwarze Peter wandert hin und her

Bekommen die Kinder tagsüber vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit? Sind wir nur zu blöd, unsere Kinder ohne Geschrei ins Bett zu bekommen, oder am Ende völlig ungeeignet als Eltern? Wahrscheinlich von jedem etwas - aber wenigstens sind wir nicht die einzigen Totalversager.

Glaubt man Umfragen, Experten und Bestsellerlisten, war Kindererziehen noch nie so schwer wie heute. Psychologen der Universität Magdeburg fanden sogar heraus, dass sich Eltern damit in keinem anderen Land dermaßen überfordert fühlen wie in Deutschland. Und es ist nicht nur ein Gefühl - sie sind es tatsächlich, diagnostiziert der Ärzteverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie und warnt regelmäßig vor einer stetig steigenden Zahl von "Problemkindern".

Erziehungsberatungsstellen sind auf Monate ausgebucht. Verunsicherte Eltern schimpfen auf verunsicherte Lehrer, alle gemeinsam am liebsten auf die 68er oder das Fernsehen. Der schwarze Peter wandert hin und her, ist klein und frech und ungezogen. Laut Statistik wird er immer früher straffällig, so wie Eltern immer später Eltern werden.

Kein Respekt, keine Manieren, zu wenig Grenzen

"Die Erziehungskatastrophe" heißt das Buch zum Zeitgeist, und die Autorin Susanne Gaschke prangert darin nicht nur mangelnde Erziehungsbereitschaft an, sondern auch, dass nicht einmal mehr "Basisvermutungen über die Grundbedürfnisse von Babys allgemein verbreitet sind". Viele junge Eltern können zwar ohne Steuerberater die Anlage K ausfüllen, aber der richtige Umgang mit Kindern scheint ein Glücksspiel geworden zu sein, das letzte große Abenteuer unserer Zeit.

Die Gesellschaft reagiert auf solche Kritik gern mit so genannten Wertediskussionen: Kein Respekt mehr, keine Manieren, zu wenig Grenzen. 87 Prozent der Erwachsenen halten laut einer Allensbach-Umfrage "Höflichkeit und gutes Benehmen" für eine der wichtigsten Erziehungsaufgaben, so viele wie schon lange nicht mehr.

Die Klagen sind immer die gleichen, ebenso die Forderungen: mehr Strenge, mehr Werte - nur welche? - und Liebe natürlich, Liebe auch, Liebe sowieso.

Verloren, vergessen, verlernt

Tatsächlich aber ist den Eltern irgendwo auf dem Weg zwischen Tradition und Selbstverwirklichung, zwischen Rohrstock, antiautoritärer Befreiung und Emanzipation die Intuition abhanden gekommen, vermutlich während einer Wertediskussion oder in der Familientherapie. Einfach verloren, vergessen, verlernt.

Vielleicht liegt es daran, dass Kinder immer seltener werden, dass sie keine Selbstverständlichkeit mehr sind, behütet, verwöhnt, alles dreht sich nur noch um sie. Vielleicht werden sie deshalb von den gut gemeinten Ambitionen ihrer Eltern überfordert, bis sie nicht mehr wissen, wo hinten und vorne ist. Vielleicht aber erkennen das die Eltern nicht mehr, weil sie sich - statt mit ihren Kindern - zu viel damit beschäftigen, was in den Kinderarztpraxen gerade Mode ist.

In den achtziger Jahren war es die Lese-Rechtschreib-Schwäche, in den Neunzigern grassierte plötzlich das Aufmerksamkeits-Defizit. Einmal behaupten US-Wissenschaftler, man könne sowieso nichts ausrichten: Der Einfluss der Eltern sei gleich null, über 50 Prozent die Gene, der Rest - ein Rätsel. Jetzt werden die Probleme wieder größtenteils den Eltern zugeschrieben.

Früher war sowieso alles ganz einfach

Nicht gegen jeden Quatsch hilft eine Psycho-Pille, und reden hilft auch nicht immer. "Die Familienkonferenz" zum Beispiel, einer der Ratgeber-Klassiker, hat manche Eltern Jahre gekostet. Viele betteln immer noch, dass ihr Kind das Schwarzbrot isst, andere bekamen Fusseln auf der Zunge und haben erkannt: Kinder wollen nicht diskutieren, sie wollen ihren Willen - und Fruchtzwerge. Der moderne Kinderquäler diskutiert deshalb höchstens noch zwei Stunden pro Abend, mehr hat wirklich keinen Zweck. Die beiden kapieren einfach nicht, dass sie am nächsten Morgen aus der Wäsche schauen wie Autos. Dass jeder Spaß mal ein Ende hat. Dass sie nicht allein auf der Welt sind und ihren Schlaf brauchen. Oder brauchen nur wir unsere Ruhe? Egal: Wenn sie gegen zehn immer noch das Licht anmachen, dreht der Kinderquäler eben die Sicherung raus.

"Also, was ihr für ein Gewese macht", sagen die Großeltern und schütteln mit dem Kopf, während wir feilschen und tricksen, argumentieren und kapitulieren. Früher hätte es so etwas nicht gegeben.

Ja früher! Früher war sowieso alles ganz einfach. Da hatten Kinder keine Menschenrechte, ganz früher nicht mal einen Namen, so lange unklar war, ob sie überhaupt überleben. Mit fünf konnten die unnützen Esser endlich mit aufs Feld, und trotz Aufklärung und Schule dauerte es noch Jahrhunderte, bis sich Humboldts "gelungenes Menschsein" als Ziel von Bildung etablierte.

Heute sind die Versuchskaninchen von damals selbst Eltern

Gehorsam blieb trotzdem die Grundvoraussetzung für jede Erziehung, ebenso wie für Diktatur und Krieg. Es wurde gegessen, was auf den Tisch kam, wenn es überhaupt etwas gab, und nach dem lieben Gott kam gleich der eher lieblose Papa mit seinem Gürtel. Niemand stellte Erziehung infrage. Das erledigten die Weltverbesserer in den sechziger und siebziger Jahren um so gründlicher. Und bei den Kindern fingen sie an. Nur Verbieten war noch verboten.

Heute sind die Versuchskaninchen von damals selbst Eltern, und natürlich wollen auch sie wieder alles anders machen, besser nach Möglichkeit. Wie das geht, lesen sie vor allem in Büchern, immer neue Ratgeber quellen aus den Regalen und werden hunderttausendfach verschlungen: "Tao te king für Eltern" oder "Das Geheimnis glücklicher Kinder" - jede Binsenweisheit ein Bestseller. "Jedes Kind kann schlafen lernen", Regeln lernen, essen lernen oder "Weitere Geheimnisse glücklicher Kinder", gern auch kompakt im "Großen Erziehungsberater" oder im kleinen als Trost. Das leuchtet alles ein, klingt ganz einfach, vorausgesetzt, die erwachsenen Vorbilder hätten selbst noch den Überblick - und Rituale, na klar.

Allein unser Abendritual zieht sich inzwischen über drei Stunden. Ausgedehnte Wanderungen gehören dazu, jeder noch zweimal "was trinken" und dreimal aufs Klo, anschließend führen sie noch ihr gesamtes Theater-Repertoire auf, von "Bauchschmerzen" bis "Monster unterm Bett", mit Zugaben.

Alle suchen den goldenen Mittelweg

Natürlich - so heißt es immer - muss man das alles ernst nehmen, die kleinen Laienschauspieler loben, stark machen, nur das zarte Selbstbewusstsein nicht erschüttern! Und tatsächlich: Wenn ihnen gar nichts anderes mehr einfällt, kommt am Ende auch mal ein ehrliches "Kann nicht einschlafen". Ist doch immer noch besser als lügen? Oder rauchen, und was sonst noch alles auf uns zukommt: fremde Wände besprühen, betrunken Auto fahren, das erste Geld mit komischen Pflanzen verdienen, im Gefängnis landen - o Gott!

So wurstelt sich jeder mindestens 18 Jahre durch: Wer Glück hat (oder Pech), hat selbst noch eine Art Erziehung genossen und ein paar Standards drauf: Hörst du mir überhaupt zu?! Ellenbogen vom Tisch! Sätze, die man nie wieder hören wollte, erst recht nicht aus dem eigenen Mund.

Alle suchen den goldenen Mittelweg, die richtige Balance aus Aufsicht und Einsicht, Autorität und Freiheit, Sorge und Vertrauen, und angeblich kann man das sogar lernen wie ein Handwerk. Auch Kinderquäler hoffen das.

"Wankel-Pädagogik": Heute hü, morgen hott

Nun heißt es "Grenzen setzen, streng sein" - aber lieb, verbindlich. Und "großzügig, auch ein bisschen Strafe, wenn es sein muss" - nur eben richtig. "Gute Autorität" nennt das zum Beispiel der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann. "Triple P" heißt das Konzept, das hilf- und ratlosen Eltern helfen soll, ihre Intuition wiederzuentdecken. Dem Kind klare Ansagen zu geben muss ja nicht gleich heißen: "Ich liebe dich nicht mehr".

Die meisten Eltern aber schwanken ständig hin und her. Heute hü, morgen hott, und diese "Wankel-Pädagogik", so schimpfen die Experten, sei das Schlimmste überhaupt. Dabei ist es gar nicht so schwer, sämtliche Erziehungsstile aus dem stern-Test-Diagramm an nur einem Abend einmal durchzutesten.

Selbst in der Kinderquäler-Familie geht es zunächst mit hoher "emotionaler Zuwendung" ins Bett: Vorlesen, Gute-Nacht-Kuss, das ganze Programm. Geradezu vorbildlich "autoritativ" dürfen sie danach noch ein Buch anschauen. Überziehen sie die vereinbarte Zeit, drücken wir, ganz "laissez-faire", ein Auge zu. Wenn sie aber nach ihrer Theatervorstellung immer noch auf dem Hochbett toben, zucken wir auch schon mal "vernachlässigend" mit den Schultern: Sollen sie sich doch die Köpfe einhauen. Dann hat die "emotionale Zuwendung" ihren Tiefpunkt erreicht, und es fehlt nur noch der autoritäre Auftritt des Kinderquälers: Hauptsache Ruhe!

Leider hapert es manchmal noch mit der Konsequenz. Was soll man auch machen, wenn gegen Mitternacht alles Pulver verschossen ist und der Rauch verweht, wenn sie trotzdem noch ein letztes Mal reumütig aus dem Bett geschlappt kommen? Dann tut es ihnen leid. Na, und dem Kinderquäler erst! Und ob sie nicht morgen doch wieder Wicki sehen dürfen? Na klar! Wenn sie wollen, dürfen sie dann sogar - ausnahmsweise - bei uns im Bett schlafen. Wir werden schon sehen, was wir davon haben.

Holger Witzel / print

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