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Finanzkrise: Die gefährliche Pleite von Mr und Mrs Wallis

Die US-Amerikaner haben in den Jahren des Booms auf Pump gelebt und ihre Immobilien immer höher beliehen. Jetzt ist der Konsumrausch vorbei - das gefährdet auch den Wohlstand in Deutschland.

Von Karsten Lemm

Schon wieder das Telefon. Krista Wallis blickt auf. "Das sind die Schuldeneintreiber", sagt sie matt. "Die versuchen es immer wieder." Sie lässt es klingeln; soll der Anrufbeantworter die Störenfriede abwimmeln. "Samstags geht es früh um acht Uhr los", seufzt die 37-jährige Sekretärin. "Ich wache davon auf. Manchmal rufen sie alle 20 Minuten an, es treibt mich in den Wahnsinn."

Stille. Krista Wallis springt auf und löscht die Nachricht, ohne sie anzuhören - als könnte sie damit auch ihre Sorgen verschwinden lassen: die Finanznot, die ungewisse Zukunft, die unbezahlten Rechnungen, die stapelweise vor ihr auf dem Tisch liegen, in dieser dunklen Stube in einem blässlichen Klinkerbau am Rande von Oklahoma City. Arztkosten, Zuzahlungen zur Krankenversicherung, Raten für zwei Autos, Kreditkartenschulden über 30.000 Dollar, ein ganzes Jahresgehalt.

Es ist noch nicht lange her, dass sich diese durchschnittliche Familie aus der Mitte der USA im Wohlstand wähnte: Krista Wallis, ihr Mann Joe und der 18-jährige Sohn Tyler wohnten in einem weit schickeren Häuschen in einem Vorzeige-Vorort - drei Garagen, ein Motorrad, zwei Autos, Ausflüge ins Einkaufszentrum, ins Kino, ins Restaurant. Wann immer ihnen der Sinn danach stand. "Wir sind fast jeden Abend ausgegangen", erinnert sich Joe Wallis, ein 40-jähriger Computerfachmann, dessen ausufernder Bauch von seiner Leidenschaft fürs Schlemmen zeugt. "Allein fürs Essen kamen leicht 500 Dollar im Monat zusammen." Aber das spielte keine Rolle. Er und seine Frau glaubten, es geschafft zu haben: aus bescheidenen Verhältnissen aufgestiegen in ein Luxusleben, das erschwinglich schien für jedermann.

Party auf Pump

Ein böser Irrtum. Die schönen Zeiten, die Familie Wallis genoss, waren eine Party auf Pump - nicht anders als der Boom der US-Wirtschaft ganz allgemein, der jahrelang half, auch die deutsche Konjunktur unter Dampf zu halten. Audi und Mercedes, Krupps und Miele, Rosenthal und Meissener Porzellan, sie alle durften jenseits des Atlantiks mitfeiern.

"Man hat den Amerikanern eingeredet, dass sie sich mehr leisten können, als ihr Gehalt hergibt, dass Schuldenmachen kein Problem ist", klagt Robert Manning, Wirtschaftsprofessor in Rochester, New York, und Autor des Bestsellers "Credit Card Nation". Berauscht vom Immobilienboom, stürzte sich das Land in eine kollektive Konsumorgie, bei der die Rechnung allzu oft auf morgen verschoben wurde. Häuslebauer liehen sich aberwitzige 1200 Milliarden Dollar auf die vermutete Wertsteigerung ihrer vier Wände und zückten zusätzlich bei jeder Gelegenheit die Kreditkarte. Etwa 9900 Dollar Plastikgeld-Schulden schleppt der durchschnittliche US-Haushalt heute mit sich herum - fast doppelt so viel wie 1995. "Die Amerikaner geben ihr gesamtes Einkommen aus und borgen sich noch etwas obendrauf ", sagt Manning.

Auf Dauer konnte das nicht gut gehen, und nun, da der Immobilienmarkt zusammengebrochen ist, droht der Wirtschaft ein fataler Dominoeffekt: Da sie ihr Eigenheim nicht länger als Geldautomaten nutzen können, greifen viele Amerikaner noch öfter zur Kreditkarte und verschulden sich immer weiter - mit der Folge, dass viele zahlungsunfähig werden. Im Dezember mussten die Banken 7,6 Prozent aller offenen Rechnungen als Totalverlust abschreiben. Alle Großen der Branche, von American Express bis zur Citigroup, legen bereits Milliarden beiseite, um für weitere Ausfälle gewappnet zu sein. "Jeden Tag fragen wir uns: Wir schlimm kann es noch werden?", stöhnt der Chef des Kreditkartengiganten Capital One, Richard Fairbank. "Die ehrliche Antwort ist: Keiner weiß es."

Den Amerikanern geht die Puste aus

Sicher ist nur: Die Krise wird sich nicht auf die USA beschränken. Zum einen haben die Banken mehr als 200 Milliarden Dollar Kreditkartenschulden weiterverkauft - Investoren rund um den Erdball droht nun ein böses Erwachen, ähnlich wie bei implodierenden Immobiliendarlehen. Zum anderen hängt die Weltwirtschaft von der Kauflust der 300 Millionen Amerikaner ab, und die Anzeichen häufen sich, dass ihnen die Puste ausgeht: Das Weihnachtsgeschäft lief schlecht wie lange nicht, im Januar brach der Umsatz weiter ein.

Doch wie sollten Menschen wie Joe und Krista Wallis auch unbeschwert weiter shoppen? Das Elend der beiden beginnt ganz klassisch: Das Haus, das sie im Frühjahr 2002 kaufen, ist bald so sehr im Wert gestiegen, dass sie eine zweite Hypothek aufnehmen können. 16.000 Dollar borgen sie sich auf diese Weise, um damit alte Kreditkartenschulden zu begleichen. Anschließend fühlen sie sich finanziell entlastet und gehen wieder auf Einkaufstour. Krista hat sich schon lange einen Swimmingpool gewünscht, in dem ihre Neffen im Sommer baden können. Kostenpunkt: 5200 Dollar. Joe findet, dass es Zeit ist, den alten Fernseher durch einen Großbildschirm zu ersetzen. Macht noch mal 2800 Dollar. Beides können sie sich nur leisten, weil sie auf Kredit einkaufen und am Monatsende immer nur den Mindestbetrag zahlen - einen Bruchteil der ausstehenden Summe. "Wir haben ein paar dumme Entscheidungen gefällt", sagt Krista reumütig im Rückblick.

"Ein Jahr nichts zahlen, keine Zinsen", lautet das klassische Lockvogelangebot, bei dem auch Joe Wallis schwach wird: Er ist Autofan und liebt Hi-Fi auf Rädern. Er will Wettbewerbe gewinnen, das geht nur mit der entsprechenden Ausstattung. Als ihm ein Hi-Fi-Händler anbietet, seinen Traum zu erfüllen, scheinbar zum Nulltarif, schlägt er zu. 6500 Dollar kostet die Anlage, Einbau in seinen silbernen Lincoln Mark VIII inklusive. "Als ich damit angetreten bin, habe ich jede Show gewonnen", sagt Wallis stolz - nur bei der Kundenkarte wird er zum Verlierer.

Im Kleingedruckten versteckt

Heute, mehr als zwei Jahre nach dem Kauf, schuldet der Hi-Fi-Fan dem Händler 8700 Dollar. Obwohl er schon mehr als 1000 Dollar abbezahlt hat. Irgendwo im Kleingedruckten versteckte sich eine Klausel, die Wallis nicht weiter beachtete: Sollte der gesamte Betrag am Ende der zwölf zahlungsfreien Monate nicht vollständig getilgt sein, würden Zinsen in Höhevon 24,99 Prozent berechnet - und zwar rückwirkend bis zum Tag des Einkaufs.

Die Banken verdienen gut mit solchen Tricks. Drei Viertel der US-Haushalte besitzen mindestens eine Kreditkarte, und mehr als die Hälfte von ihnen begleicht am Monatsende nicht den gesamten Betrag - das heißt, die Bank kassiert Zinsen, derzeit durchschnittlich 13 Prozent. Wer nicht aufpasst, kann leicht das Doppelte zahlen und wird mit Strafgebühren belegt: Schon ein Tag Verzug kann 30 Dollar kosten, und wer den Kreditrahmen überschreitet, wird zusätzlich zur Kasse gebeten. "Der Trick ist, dass viele Konten schon auf Basis der Zinsen und Gebühren Gewinn abwerfen", sagt Ronald Mann, Kreditexperte an der Columbia Law School in New York. "Der Betrag steigt Monat für Monat weiter an, auch wenn die Karte gar nicht genutzt wird."

Auf diese Weise rutschen auch Joe und Krista Wallis immer tiefer in die Miesen. Als der PC-Fachmann seinen Job verliert, wird die Lage dramatisch. Selbst Hausverkauf und drastisches Sparen helfen nicht - bald zahlt das Paar nur noch Zinsen und Gebühren, ohne einen Cent zu tilgen. "Es war, als säßen wir in einem Boot, das immer weiter voll Wasser läuft", erinnert sich Joe. Als letzter Ausweg bleibt nur der Gang zur Schuldenberatung. Tamora Morris, Sachbearbeiterin beim Credit Counseling Service of Oklahoma, sagt: "Viele Menschen geraten in einen Strudel, dem sie allein nicht mehr entkommen können." Die gemeinnützige Organisation versucht zu helfen, indem sie bei den Gläubigern niedrigere Zinsen aushandelt und mit den Betroffenen Entschuldungspläne erarbeitet. Die Zahl der Hilfesuchenden hat sich in den vergangenen beiden Jahren mehr als verdoppelt. "Viele Leute nahmen erst eine Hypothek auf, dann noch eine, und jetzt greifen sie wieder zur Kreditkarte, bis sie ans Limit stoßen", sagt Morris.

Jeder bekommt eine Kreditkarten

Mangelnde Selbstdisziplin, finanzielle Unerfahrenheit, immer alles haben wollen, und zwar sofort - all das sieht die 43-jährige Beraterin als Ursachen der Misere. Aber die Schuldenexpertin macht auch die Banken verantwortlich. "Früher gab es Kreditkarten nur für bestimmte Einkommensgruppen", sagt sie. "Heute bekommt jeder eine Kreditkarte, selbst Leute, die sich eigentlich keine leisten können."

Die Geldinstitute verteidigen ihre Freigebigkeit als demokratische Errungenschaft. "Kreditkarten sind nicht mehr nur den Reichen vorbehalten", sagt Nessa Feddis von der American Bankers Association, und sie seien "ein wunderbares Produkt" - schließlich bekomme, wer am Monatsende den vollen Betrag begleiche, ein kostenloses Darlehen. Kritiker wie der Columbia-Professor Ronald Mann kontern, die Banken würden sich gezielt "finanziell naive Kreditkartennutzer" suchen, an denen sie dank Zinsen und Gebühren umso besser verdienen, je weniger die Schuldner zurückzahlen. Er nennt es "das Schwitzkasten-Modell".

Joe und Krista Wallis hoffen nun, dass es ihnen gelingt, sich mithilfe der Schuldenberatung aus dem Klammergriff ihrer Gläubiger zu befreien. Als Erstes mussten sie die Sammlung an Kunden- und Kreditkarten aufgeben, die in ihren Brieftaschen steckte, knapp ein Dutzend an der Zahl. "Wir haben sie zerschnitten, als wir im Beratungsbüro saßen", erinnert sich Krista. "Es war sehr traurig - so als ob wir einen Teil von uns selbst verlieren."

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