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Henriette Hell: Was ich über Sex gelernt habe: Pink Viagra brauchen nur Frauen langweiliger Männer

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Pink Viagra auf den Markt kommen würde. Eine Pille, die uns Frauen alle in Nymphomaninnen verwandeln soll. Aber warum? Damit wir wieder Lust auf unseren eigenen Mann haben? 

Pink Viagra ist keine Lösung für die Libido, sagt Henriette Hell

Pink Viagra ist keine Lösung für die Libido, sagt Henriette Hell

"Ich glaube an die Urtriebe!", sagt Till Lindemann, der Frontmann von Rammstein. "Das gewaltigste Potenzial, das der Mensch in sich trägt, ist die Sexualität." Wem diese Triebe abhanden kommen, der ist nur noch ein halber Mensch. Gut, dass es nun Pink Viagra gibt. Ein Präparat namens Flibanserin (ursprünglich als Antidepressivum entwickelt), das lustlose Frauen dauergeil macht. Oder zumindest geiler, als sie es bisher sein konnten, so zwischen Kindern, Karriere und dem ganzen anderen anstrengenden Kram. Dass ich nicht lache!

Nötig haben die Lustpille doch vor allem Männer: Laut Umfragen hätten 61 Prozent von ihnen gerne mehr Sex mit ihrer Partnerin, kriegen ihn aber nicht. Schuld ist, klar, der Job: 51 Prozent der Frauen benennen beruflichen Stress als größten Lustkiller. Weitere 18 Prozent haben – Achtung, jetzt kommt's! - schlichtweg keine Lust auf den Sex, der ihnen mit ihrem Partner bevorstünde. Jemand anderes würde sie also theoretisch antörnen. Das sind good news. Ihre Lust ist also gar nicht weg! Sie will nur zu jemand anderem. Eine Dauermedikation (Flibanserin muss mehrwöchig eingenommen werden, ehe es wirkt), um ihre Lust auf den Partner anzukurbeln, brauchen diese Frauen also definitiv nicht. Wohl aber einen weniger stressigen Berufs- und Familienalltag. Oder einen neuen Mann.

Künstlich kreierte Lust ist unsexy

Pink Viagra wird trotzdem die Welt erobern, weil die weibliche Sexualität und die damit verbundenen Unsicherheiten vieler Frauen längst zu einem profitablen Wirtschaftszweig geworden sind. Wenn es Frauen gibt, die sich die Klitoris mit Hyaluronsäure unterspritzen lassen, um bessere Orgasmen zu bekommen (was natürlich Unsinn ist) oder sich aus ästhetischen Gründen die Schamlippen verkleinern lassen, dann gibt es mit Sicherheit auch genügend Geschlechtsgenossinnen, die sich freiwillig medikamentös einstellen, um ihre Geilheit anzukurbeln. Denn Geilheit ist etwas unerhört Kostbares. In keinem anderen Zustand fühlt man eine derartige Lebensenergie in sich und ist so sehr Mensch. Eine Kreatur, die den Sinn ihres Lebens erfüllen möchte. Sich fortpflanzen. Kopulieren. Ein Baby machen. Ficken.

Ich persönlich finde künstlich kreierte Lust unsexy. Pink Viagra ist ein rosa Elefant, mithilfe von Drogen erschaffen und nicht real. Außerdem sind krasse Nebenwirkungen wie Ohnmacht und Angstzustände mehr als abschreckend. Wie kann eine Frau, die eine Gefahr für den Straßenverkehr ist, denn bitte noch vernünftigen Verkehr haben?!

Einen Markt für Geilheit "to go" gibt es überall

Wenn schon Drogen beim (und für besseren) Sex, dann doch lieber ein gutes Glas Rotwein. Oder "Green Viagra", so ein Gebräu, das mir gerade im Urlaub auf der indonesischen Insel Java untergekommen ist. Hab's gestern im Zuge dieser Kolumne mal probiert. Eklig, das Zeug. "Good for your libido", beteuerte der alte Mann, der es mir verkauft hat. Gemerkt hab' ich, ähm, nichts. Aber er verdient mit Geilheit "to go" immerhin schon seit 50 Jahren seinen Lebensunterhalt.

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