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INTERVIEW: »Zum Abi kommt man auch später«

Was Schulpsychologe Reinhold Schmitz-Schretzmair Eltern rät, die auf der Suche nach der richtigen Schule für ihr Kind sind

stern:

Wie finde ich die richtige Schulform für mein Kind?

Schmitz-Schretzmair:

Eltern sollten sich erst mal von dem Ziel »Abitur« frei machen und stattdessen das Ziel »Abschluss nach der 10. Klasse« anpeilen. Der ist die Eintrittskarte in die weitere Bildung. Es geht darum, das Kind zu fördern und zu fordern - seinen Fähigkeiten gemäß, und die kennen Eltern ja gut. Also sollten sie sich Schulen ansehen, in Gesprächen ergründen, wie dort unterrichtet wird, und mit dem Klassenlehrer der Grundschule gemeinsam besprechen, welche Art von Unterricht dem Kind am besten entspricht: eher praktisch-handwerklich wie auf der Hauptschule oder vor allem theoretisch wie auf dem Gymnasium.

Verbaut man einem Spätzünder die Zukunft, wenn man ihn auf die Realschule schickt, obwohl er das Potenzial fürs Gymnasium hat?

Nein, man kann in Ruhe abwarten, ob ein Schüler vielleicht erst in der 9. Klasse richtig aufdreht. Das Schulsystem ist durchlässig genug, um auch später noch zum Abitur zu kommen. Ein Kind, das zu Anfang auf dem Gymnasium nur Frusterlebnisse hat, wird dagegen eher scheitern und sein Potenzial nicht nutzen können.

Welche Rolle spielt die Empfehlung der Grundschule?

Sie ist das wichtigste Kriterium, wichtiger als die Zeugnisnoten. Eltern kennen ihre Kinder zwar länger und besser als die Lehrer, aber sie haben eben kaum Möglichkeiten, mit anderen Kindern zu vergleichen. Wir haben mit unseren Tests in den meisten Fällen eine gute Übereinstimmung mit den Gutachten der Lehrer gefunden.

Und wenn sich Eltern und Lehrer nicht einig werden?

In aller Regel schätzt der Lehrer ein Kind fair ein. Es lohnt sich also anzuhören, wie er zu seiner Einschätzung kommt. Aber natürlich können auch die Eltern wichtige Argumente beisteuern, etwa was die Motivation oder die Lernhaltung bei den Hausaufgaben angeht. Wenn das alles nicht hilft, bleiben zwei Möglichkeiten: Die Eltern können sich über die Empfehlung der Schule hinwegsetzen - jedenfalls in den Bundesländern, in denen es das Elternwahlrecht gibt -, oder sie lassen ihr Kind vom Schulpsychologischen Dienst testen.

Wie können Eltern ihr Kind selbst einschätzen?

Kinder haben unterschiedliche Arbeitsstile, die man gut beobachten kann. Ein Kind, das auf der Grundschule schon zum Lernen getragen werden muss, wird auf dem Gymnasium nicht glücklich. Manche kommen aus der Schule und rufen erst mal den Freund an: Was haben wir eigentlich auf? Dieses Kind wird nicht ohne Hilfe einen Wochenplan überblicken, den es im Gymnasium eigenverantwortlich abarbeiten muss. Wichtig auch: Fällt der Groschen schnell, oder braucht es viele Erklärungen? Wie kommt das Kind mit Textaufgaben zurecht? Weil sie die Kombinationsgabe fordern, sind Textaufgaben schon kleine Intelligenztests. Ebenfalls ein entscheidendes Kriterium: das Selbstwertgefühl. Ängstliche Kinder geraten bei Überforderung schnell in einen Teufelskreis.

Soll das Kind mit entscheiden bei der Wahl seiner Schule?

Eltern sollen das Kind natürlich in die Entscheidung mit einbeziehen, aber treffen müssen sie sie allein. Ein Kind im Alter von zehn oder elf Jahren ist damit völlig überfordert.

Welche Zeichen weisen auf eine falsche Wahl hin?

Wenn das Kind plötzlich aggressiv wird oder traurig ist und viel weint. Jede deutliche Verhaltensänderung nach dem Schulwechsel sollte ernst genommen werden. Manchmal handelt es sich um Anpassungsschwierigkeiten, die vorübergehen. Heute federn die Schulen den Wechsel viel besser ab.

Was tun, wenn es die falsche Schule ist?

Die Entscheidung so schnell wie möglich korrigieren. Wenn Kinder erst einmal über zwei Jahre lang Misserfolge auf dem Gymnasium erlitten haben, bringt manchmal nicht die Realschule Entlastung, sondern erst die Hauptschule oder Gesamtschule. Auch wenn das Kind nur mit ständiger Nachhilfe seine Aufgaben schafft, ist es auf der falschen Schule. Deutsche Eltern zahlen jeden Monat zig Millionen Euro für Nachhilfe - das dramatische Ergebnis zahlloser Fehlentscheidungen bei der Wahl der Schulform. Eins darf man nicht vergessen: Für das Kind ist die Schule der Arbeitsplatz. Es braucht auch noch ein Privatleben. Für Fußball oder Reiten muss ebenso Zeit sein wie für die erste Liebe.

Interview: Ingrid Lorbach

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