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Kfz-Versicherung: Wer rast, zahlt drauf

Radikale Pläne für Kfz-Besitzer: Künftig soll nicht das Auto, sondern auch der Fahrer versichert werden.

Big Brother fährt mit. Vorerst zwar nur vereinzelt. Kann aber gut sein, dass er bald öfter in den Autos Platz nimmt. Der Aufpasser registriert, wann, wo und wie das Auto gefahren wird. Er ist ein kleiner Datenrecorder, der mit Hilfe der Satellitennavigation eine Art Bewegungsbild des Autos erzeugt.

Geschehen ist das bereits bei einem Testlauf der Versicherung DBV-Winterthur, an dem 20 eigene Angestellte und ein Gewerbebetrieb teilnahmen. Nächstes Jahr will die Assekuranz den Versuch auf 120 Kunden ausweiten. Am Ergebnis hat die ganze Branche größtes Interesse. Sie will erfahren, wie ihre Kunden mit dem Auto umgehen.

Der elektrische Spion wäre eine Revolution

Je genauer eine Versicherung das einschätzen kann, desto leichter fiele es, jedem Kunden einen maßgeschneiderten Vertrag anzubieten - mit höherer oder günstigerer Prämie als zuvor. Einstweilen ist allerdings ungeklärt, ob der Datenschutz überhaupt zulässt, den elektronischen Spion einzuführen. Käme er, wäre das eine Revolution: Bisher wird das Auto versichert, nicht der Fahrer. Bei dem Pionierversuch wurden die Informationen des Datenrecorders auf einen USB-Stick übertragen und anschließend vom Computer per E-Mail an die DBV-Winterthur nach Wiesbaden geschickt. "Der Fahrstil bestimmt den Versicherungsbeitrag", sagt Thomas Leicht, der bei Winterthur das noch junge Modellprojekt "Pay-as-you-drive" (zahl dafür, wie du fährst) verantwortet.

Die Autoversicherer testen diesen Weg nicht nur, weil sie individuelle Unfallrisiken besser einschätzen wollen, sondern auch, weil ihnen die Angst im Nacken sitzt. Immer mehr Kunden werden ihnen nämlich von den Autoherstellern genommen, die seit einigen Jahren stark im Versicherungsrevier wildern. Und hinsichtlich der Einschätzung individuellen Fahrstils sind die Hersteller obendrein im Vorteil: Sie könnten theoretisch bei jeder Wageninspektion in der Werkstatt die Zentralelektronik auslesen lassen, die solche Daten oft gespeichert hat. Jedenfalls bei Automodellen mit moderner Elektronik. Dokumentiert wird dort heute schon, ob etwa der Besitzer eines Wagens den Motor in der Einfahrzeit regelmäßig hoch- oder gar überdreht hat, was zu irreparablen Schäden und vor allem zur Ablehnung von Gewährleistungsansprüchen führen kann. Nicht auszuschließen, dass diese Daten eines Tages auch dazu dienen können, den Fahrstil akribisch nachzuzeichnen.

Kaum einer weiss noch, wie Autoversicherer ihre Tarife aufbauen

Weitgehend unbemerkt geht der Trend bereits in diese Richtung, wenn Neukunden einen günstigen Versicherungstarif suchen. Sie müssen dann ihrer Assekuranz immer mehr Persönliches preisgeben. Vor Vertragsunterzeichnung wird aus rund 30 Details auf das Unfallrisiko geschlossen. Neben Alter, Beruf und Geschlecht wird die Biografie der Fahrer indirekt abgefragt. Beispielsweise über die Dauer des Führerscheinbesitzes. Wer nicht schon mit 18 Jahren seine Lizenz erworben hat, was für eine entsprechende Erfahrung spräche, bekommt zum Beispiel bei der Kölner Gothaer grundsätzlich einen Aufschlag. Fragen nach Wohneigentum loten den sozialen Background aus - was wohl auf bürgerliches und unauffälliges Verhalten auch am Steuer hindeuten soll.

"Genau weiss heute keiner mehr, wie die einzelnen Autoversicherer ihren Tarif aufgebaut haben", sagt Ivana Höltring, Mathematikerin und Expertin für Autoversicherung von der Unternehmensberatung Nafi in Höxter. Je nach Gesellschaft und persönlichem Profil gibt es Prämienunterschiede und Rabatte von bis zu 40 Prozent. Etwa den neuen Sicherheitsnachlass (zehn Prozent) der Kölner Axa-Versicherung für Fahrer, die auch tagsüber das Licht am Auto einschalten.

Die digitale Autoversicherungskarte für jeden Führerscheinbesitzer

Hinter den Kulissen wird noch ein ganz anderes Modell erörtert: die digitale Autoversicherungskarte für jeden Führerscheinbesitzer, ohne die niemand einen Wagen starten darf. Die Lobby der Assekuranzen winkt zwar ab. "Das will niemand, und die Datenschutzbehörden würden das auf keinen Fall erlauben", sagt Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV). Dennoch könnte sich der Gesetzgeber irgendwann veranlasst sehen, den Weg frei zu geben für solch eine Karte oder das Datenausleseverfahren: wenn das zu mehr Disziplin auf den Straßen führt - und damit zu weniger Unfällen, weniger Leid und weniger Kosten.

Uwe Schmidt-Kasparek / print

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