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Etikettenschwindel?: Warum Tofu-Wiener und Soja-Schnitzel aus dem Veggie-Regal verbannt werden sollen

Die Tofu-Wiener sollte besser "vegane Soja-Wurst nach Wiener Art" heißen, findet ein Fachausschuss des zuständigen Ministeriums in Berlin. Überhaupt nicht "fancy" finden das einige Hersteller der fleischlosen Wurstimitate.

Veggie-Burger in der Pfanne

Die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft veröffentlichten Leitsätze zur Bezeichnung veganer und vegetarischer Lebensmittel sorgen für Zündstoff. (Symbolbild)

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Es ist schon ein paar Wochen her, da veröffentlichte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft von Julia Klöckner (CDU) - ohne größeres Brimborium - neue Leitsätze für "vegetarische und vegane Lebensmittel". Ausgearbeitet wurden die durchaus unterhaltsamen Ideen bereits im vergangenen Jahr von der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission (DLMBK). Die legt fest, welche Zutaten und Bezeichnungen für Lebensmittel hierzulande zulässig sind. Geklärt ist das jahrelange Hin und Her zwischen den Herstellern von Veggie-Fleischprodukten und der traditionellen Fleischindustrie mit den acht Seiten über imitierte Wurstwaren und deren sensorische Eigenschaften freilich nicht. Während der Deutsche Fleischer-Verband, der die Überarbeitung der Leitsätze 2016 beantragt hatte, zufrieden ist, schmecken diese der Veggie-Industrie überhaupt nicht.

Was steht in den neuen Leitsätzen?

Schinkenwurst, Bierschinken oder ähnliche Bezeichnungen spezifischer Wurstwaren sind auf sogenannten Fleischersatzprodukten laut DLMBK ab sofort tabu. Danach wird es etwas komplizierter. Die Produkte dürfen als "... in der Art einer" oder ... mit ... -geschmack" bezeichnet werden. Allerdings nur, wenn sie der imitierten Wurstware sensorisch, also in Aussehen, Geruch, Geschmack, Konsistenz und Mundgefühl, hinreichend ähnlich sind, heißt es im feinsten Beamtendeutsch. Wer genau das beurteilt, ist unklar. Auch an Schnitzel, Gulasch, Geschnetzeltes, Frikadellen, Wiener oder konkrete Wurstnamen wie Leberwurst angelehnte Veggie-Produkte dürfen nur so etikettiert werden, wenn die sensorischen Eigenschaften den Originalen hinreichend ähnlich sind. Des Weiteren schreiben die Verfasser der Leitsätze vor, dass bei der Produktbezeichnung stets "vegetarisch" oder "vegan" sowie die ersetzende Zutat, zum Beispiel "... mit Erbsenprotein" angegeben werden muss. Vergeblich suchen wird man an der veganen Fleisch- und Wursttheke zukünftig beispielsweise das fleischlose "Rinderfilet", da es sich hier um ein spezifisches Fleischteilstück handelt. 

Sperrig und das Gegenteil von "fancy"

Rechtsverbindlich sind die Leitsätze der Berliner Agrar-Beamten übrigens nicht. Laut Ministerium haben sie den Charakter sachverständiger Gutachten von hervorgehobener Qualität. Viel Lärm um nichts, könnte man also meinen. Doch weit gefehlt. Denn einige Hersteller von Veggie-Produkten finden die, nunja, eher sperrigen Wunschbezeichnungen für ihre beliebten Fleisch- und Wurstimitate überhaupt nicht "fancy". Ignorieren können sie sie aber auch nicht, denn die Lebensmittelaufsicht, die sich an den Leitsätzen orientiert, schaut ihnen ganz genau auf die Finger.

Was bedeuten die Leitsätze konkret?

Dass er die Etiketten seiner "Tofu-Wiener" jetzt mit "vegane Soja-Wurst nach Wiener Art" bedrucken soll, kann Valentin Jäger, Produktmanager und Leiter des Qualitätsmanagements bei Taifun-Tofu in Freiburg, nicht wirklich verstehen. Die Kunden seien seit mehr als 20 Jahren an den Namen "Tofu-Wiener" gewöhnt, sagt Jäger in einem Interview. Zudem würden die sperrigen Namen kaum auf die Etiketten passen. Den Vogel schießt dabei der neue Wunschname für fleischlose Leberwurst ab: "vegetarische Soja-Streichwurst mit Leberwurstgeschmack" soll auf den Verpackungen stehen, damit Verbraucher, das Produkt ja nicht mit der echten Leberwurst verwechseln. "Das werden wir nicht machen." Jäger hofft darauf, Mitstreiter aus der Branche zu finden. Er will es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen. Ausgang offen.

Deutscher Bauernverband befürchtet Verwirrung

Unterdessen haben sich auch der Deutsche Bauernverband (DBV) und der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) in die muntere Diskussion um vegane Schnitzel, Salami und Currywurst eingeschaltet. Zumindest ein leichtes Bauchgrummeln verspürte DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken, nachdem er das achtseitige Werk des DLMBK studiert hatte. Aus seiner Sicht sei es schwer vermittelbar, dass die Bezeichnung eines aus Pflanzenbrei bestehenden Stücks als "vegetarisches Schnitzel" durchgewunken wurde. Auch der Begriff "vegane Currywurst" sei - im Gegensatz zu "veganen Salami" - weiterhin erlaubt. Genau wie der BLL befürchtet Krüsken, dass die Leitsätze für die Verbraucher eher irreführend als hilfreich sein könnten.

Jäger: "Das macht Arbeit und kostet Geld"

Nun, das sieht Ministerin Klöckner naturgemäß anders. Sie betont vor allem die Vorreiterrolle Deutschlands in Sachen Aufmachung und Bezeichnung veganer und vegetarischer Lebensmittel. "Die Verbraucher haben ein Recht auf Klarheit und Wahrheit", sagt die CDU-Politikerin. In den neuen Leitsätzen sehe sie deshalb einen echten Mehrwert. Valentin Jäger von Taifun-Tofu kosten sie neben einer Menge Nerven vor allem Geld. Neue Namen suchen, alte Etiketten entsorgen, neue drucken lassen, die Werbung dafür - das alles mache Arbeit, hadert er. Und überhaupt: Warum dürfen Fleischhersteller eigentlich bayerischen Leberkäse verkaufen, der gar keine Leber enthält?

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Quellen: "Deutsche Handwerks-Zeitung"; fleischwirtschaft.de; "Ostthüringer Zeitung"