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Großfamilie mit Pflegekindern: "Ich habe die Kinder aufgenommen, die sonst niemand wollte"

Wenn Eltern ein Pflegekind aufnehmen, dann soll es am liebsten ein Baby sein. Und gesund. Bei Familie Lüdemann ist das anders: Pflegemama Marion gab den Kindern ein Zuhause, die sonst für immer im Heim geblieben wären.

14 Kinder – mit und ohne Behinderungen

Das reicht für mehr als eine Fußballmannschaft: die Kinderschar der Familie Lüdemann. Physische und psychische Beeinträchtigungen gehören zum Leben wie zum Alltag.

Dass der 19-jährige Frederik sein Abitur geschafft hat, in London jobbte und nun studieren will, ist ein Wunder. Sogar ein verdammt großes. Mit neun Jahren galt er als "unbeschulbar", wie es im nüchternen Behördendeutsch heißt. Weder Sonderschulen wollten ihn nehmen noch Einrichtungen für schwer erziehbare Kinder. Der kleine Frederik nahm Ritalin, auch Kinder-Koks genannt. Ein Medikament zum Ruhigstellen hyperaktiver Kinder. Bei den Betäubungsmitteln steht es auf einer Stufe mit Morphium und Kokain. Frederik war voll davon. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet. Dass es anders kam, verdankt er einer Frau, seiner Pflegemutter Marion Lüdemann*.

Der Junge kam zu ihr, als ihre eigenen Söhne Johannes und Lukas 15 und 14 und sie selbst 38 Jahre alt war. Frederik war eines ihrer zahlreichen Pflegekinder und bis dahin bei seiner Mutter aufgewachsen, die psychisch krank war. Weil Marion Lüdemann schon immer viele Kinder haben wollte, die Geburt ihres zweiten Kindes aber sie selbst sowie das Baby beinahe das Leben gekostet hätte, war es für die gelernte Arzthelferin und Erzieherin aus Leidenschaft naheliegend, Pflegekinder anzunehmen. Und bei Frederik zeigte sich eine der ganz besonderen Fähigkeiten dieser Frau: Gegebenes nicht einfach so hinzunehmen, sondern aus scheinbar unlösbaren Problemen eine Chance zu machen.

Lüdemann war damals Elternratsvorsitzende und wandte sich an den Rektor der Grundschule ihrer eigenen Kinder. Sie bat ihn für Frederik um einen Platz an seiner Schule. "Warum denken Sie denn, ich tät das Kind nehmen?", zitiert sie die Reaktion des Schulleiters auf ihr Anliegen. "Ich weiß nicht, lassen Sie uns was bauen, was basteln, was finden. Der Junge muss wieder in die Schule, das kann doch nicht sein, der ist neun", antwortete sie. Improvisieren, wo offiziell nichts mehr geht. Das ist ihr Ding. Der Rektor lenkte irgendwann ein, sagte, er ließe sich mal die Akte kommen, sie solle zu Hause versuchen, erstmal das Kind in den Griff zu kriegen. "Und dann haben wir das Ritalin abgesetzt, etwas blauäugig, einfach so", erinnert sie sich.

Frederik reitet

Eigentlich kann das Leben ganz schön sein: Frederik hat in seiner Pflegefamilie einen neuen Alltag kennengelernt. Mit neun Jahren war er als "unbeschulbar" abgestempelt worden, inzwischen hat er Abitur. Pferde haben im Leben seiner Pflegemutter immer eine große Rolle gespielt, sie reitet auch heute noch.

Zeit des Erwachens

"Wir sind Kilometer um Kilometer mit ihm gelaufen, durch die Feldmark. Immer längere und größere Spaziergänge, damit er runterkam und ruhig wurde. 'Hab ich gehasst!', hat er neulich mal zu mir gesagt.  Aber so kriegte man ihn wieder auf den Teppich", berichtet Lüdemann von ihrer Anti-Ritalin-Strategie. Sie war mit Frederik auch beim Psychologen, der ihr bestätigte, dass der Junge nicht dumm sei. "Das weiß ich, aber wir müssen ihn irgendwie normal kriegen", hat sie damals geantwortet. Sie wandte sich ans Jugendamt. "Und ich muss sagen: Mit Jugendämtern habe ich ja die dollsten Dinge erlebt, aber da haben sie gesagt 'Okay, wir machen mit' und haben eine Betreuung bezahlt."

Frederik ging von da an morgens in die Schule und hatte jemanden, der neben ihm am Pult saß, den ganzen Schultag, ein halbes Jahr lang. Und er hat dabei nicht nur Schreiben, Lesen und Rechnen gelernt, sondern auch "dass die Menschen gar nicht so sind, wie er geglaubt hatte, nur seine Mutter und sein direktes Umfeld". Siebeneinhalb Jahre hat er bei Lüdemann gelebt und im vergangenen Jahr Abitur gemacht. "Anschließend war er ein halbes Jahr in London und hat da gejobbt, ist jetzt zurückgekommen und will studieren. Und das schafft der", ist sich Lüdemann sicher. Vom zum Idioten abgestempelten Kind zum Erwachsenen mit Zukunft. Doch dass das vor allem ihr Verdienst ist, wischt die Pflegemutter mit einer Handbewegung weg.

Überhaupt ist es ihr unangenehm, so im Mittelpunkt zu stehen. Dazu hat sie ihr Ältester gedrängt. "Es wird endlich mal Zeit, dass meine Mutter ihre Geschichte erzählt", sagt Johannes, "sie hat immer nur für andere gelebt." Ihre Geschichte ist die einer Mutter von vier eigenen, zahlreichen Pflege- und weiteren für einen kürzeren Zeitraum aufgenommenen Kindern. Und es ist eine, in der nicht immer nur die Sonne schien, jedenfalls nicht für Marion Lüdemann selbst, die irgendwann herausfand, dass ihr Mann sie betrog und mit einer anderen Frau bereits seit anderthalb Jahren ein weiteres Kind hatte. Und das zu einer Zeit, als die Großfamilie mit elf Kindern auf einem Resthof in einem Dorf in Norddeutschland wohnte. Eigentlich glaubte sie damals, ihren Traum zu leben.

Viele, viele Kinder

"Ruben war zu der Zeit die Nummer elf", erzählt Lüdemann, die mit Mitte 30 von ihrem Frauenarzt das Go für weitere eigene Kinder bekommen hatte. Er war ihr viertes leibliches Kind, der dritte Sohn, der vier Jahre nach ihrer Tochter Hannah mitten in die Großfamilie hineingeboren worden war. Zu der Zeit hatte sich aus der Berufung schon ein Beruf entwickelt, die Betreuung von Kindern mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen gehörte zum Familienkonzept. "Da hatten wir zwei Erzieher und eine Hauswirtschafterin, die aber nicht auf dem Hof wohnten, sondern morgens kamen", beschreibt Lüdemann ihre Unterstützung auf dem Land. Ihr damaliger Mann und sie waren die Hauseltern und das Leben in und mit der Natur das, was Marion Lüdemann liebte. "Die aufgenommenen Kinder kamen aus Großstädten, Berlin, Hamburg, Dresden. Sie kannten Tiere kaum und dachten, das Schnitzel vom Schlachter kann man essen, aber das eigene, selbst geschlachtete, nicht. Denen musste man erklären, dass ein Schnitzel auch ein beim Schwein herausgeschnittenes Stück Fleisch ist", sagt sie.

Nicole balanciert auf zwei Holzbalken

Nicole (l.) kam viel zu früh auf die Welt und wog bei der Geburt nur 610 Gramm. Mit ihrem "großen Bruder" Johannes (r.) an der Hand, traut sich die inzwischen 24-Jährige aber auch Balancekünste zu.

Parallel zum Kommen und Gehen der Kinder, die nur für zwei, drei Jahre in der Familie lebten, wohnten dort die Pflegekinder, von denen heute noch zwei bei Marion Lüdemann zu Hause sind. Nicole, 24, und Helge, 14. Nicole war das zweite Pflegekind, das bei ihr eingezogen war, und ihr war eine ungewisse Zukunft prognostiziert worden. Als Frühgeburt mit 610 Gramm zur Welt gekommen, war sie mit einem Jahr nur 60 Zentimeter groß und fünf Pfund schwer. Wir können nicht sagen, ob sie stumm im Rollstuhl sitzen oder sprechen und laufen lernen wird, hatten die Ärzte gesagt, als Lüdemann vor 23 Jahren überlegte, Nicole aufzunehmen. "Dann habe ich sie eine Weile im Krankenhaus besucht und schließlich gesagt, ich probier's. Ich musste morgens mit ihr zur Kinderärztin und abends, wenn sie die Praxis zugemacht hat, kam die Ärztin bei uns zu Hause rum. So schlecht ging's dem Kind am Anfang", erzählt Lüdemann. "Ich habe die Kinder aufgenommen, die sonst niemand wollte." Heute ist Nicole eine junge Frau, die großen Wert darauf legt, im Haushalt mitzuhelfen. Das Ausräumen der Spülmaschine zum Beispiel, darf kein anderer übernehmen. Da ist sie streng.

Helge sitzt im Rollstuhl und lächelt in die Kamera

Helge hat das Jacobsen-Syndrom und wäre damit bei den heutigen Pränataltests wahrscheinlich nie auf die Welt gekommen. In der Großfamilie ist er das Kind, das stets gute Laune hat – und damit alle ansteckt.

Helge hat eine Krankheit, die ständige Betreuung erfordert, das Jacobsen-Syndrom. Eine seltene Chromosomenstörung von unterschiedlichster Ausprägung, die meisten betroffenen Kinder werden nicht älter als zwei Jahre. Helge, der im Rollstuhl sitzt, regen Anteil an seiner Umgebung nimmt, ein paar Worte spricht, aber über eine Magensonde ernährt werden muss und seine Verdauung nicht kontrollieren kann, kommt langsam in die Pubertät. Und ist ein Sonnenschein für die ganze Familie.

Ein ganzheitliches Lebenskonzept

Zurück zum Resthof, wo auch Helge schon mit von der Partie war. Wie sah damals der Alltag aus? "Als Erstes gehst du von Zimmer zu Zimmer und weckst alle auf. Wir hatten eine Essensglocke aus Messing vor der Küche und wenn das Essen fertig war, wurde zweimal geläutet, das haben alle gehört", erzählt Johannes. "Hände waschen und ab an den Tisch", ergänzt seine Mutter. "Wenn irgendwas war, ging die Glocke. Dann hatten alle anzutanzen und das ging dann auch zack, zack, zack, alle ins Esszimmer. Sonntagnachmittags, nach dem Essen, gab es eine Familienkonferenz. Da konnten die Kinder zum Beispiel sagen, der und der ärgert mich immer. Es gibt ja manchmal welche, die das hintenrum machen, und das kriegt man nicht immer gleich mit. Da konnten sie alles vorbringen. Und wenn die anderen unterbrechen wollten, hieß es: 'Luft anhalten, du bist jetzt nicht dran!' Und dann wurde erst das eine Problem geklärt."

Mama Marion sitzt mit den Kindern am Tisch

Mahlzeit! Mama Marion und ihre Großfamilie: Mit so vielen Kindern am Tisch schmeckt das Essen gleich doppelt gut. Auch Helge (vorne), der von ihr gefüttert wird.

Ebenso wichtig wie die Binnenstruktur war das Leben draußen. Der eigene Anbau von Gemüse, die Obsternte, die Tierhaltung, das Spielen im Wald. "Ich habe gerade alte Bilder sortiert, da sitzen die Kinder alle auf der Terrasse und müssen Erbsen auspuhlen. Das ist für die motorisch Beeinträchtigten wie Nicole eine Herausforderung gewesen. Aber sie mussten ja nichts schaffen. Wenn wir, meine Schwiegermutter, die Erzieherin und ich, die Schüssel voll hatten und sie hatten nur so ein Häufchen, war das völlig egal. Hauptsache, sie hatten's probiert", erklärt Lüdemann ihren Ansatz. "Wir haben einen Bauerngarten von 600 Quadratmetern gehabt, mit Brombeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Gemüse und allem. Ich glaube, was du wolltest, Mama, war, den Kindern eine Form von ganzheitlichem Konzept zu zeigen. Das ist natürlich nicht immer butterweich gelaufen …", erinnert sich Johannes. "Wenn so viele Kinder auf einem Haufen sind und so viele aus fremden Familien, vor allem auch mit so unterschiedlichem Hintergrund, dann kracht es auch mal. Das ist völlig logisch."

Feld und Wald

Selbstversorgung gehörte zum Konzept. Nicht nur, weil ohnehin kein Supermarkt in der Nähe gewesen wäre. "Einmal im Jahr sind wir zum Bauern gegangen und durften uns dort zwei Reihen Kartoffeln aussuchen. Das waren sechs, sieben Doppelzentner, die wir mit den Kindern gesammelt haben. Die haben wir im Keller eingelagert, das waren die Kartoffeln für ein Jahr", erzählt Johannes. "Und dann gab's Butterkuchen mit schwarzen Fingern", grinst seine Mutter. "'Wir müssen die nicht waschen?', haben die Kinder gefragt. Nein, auf dem Kartoffelacker darf man die so essen."

Hannah sitzt auf einem Kartoffelsack

Kartoffelernte beim Bauern nebenan: Erst wird gesammelt, dann gibt's Butterkuchen. Marion Lüdemanns Tochter Hannah (l.) bewacht solange schon mal die Ernte, Nicole (r.) hilft noch.

Besonders gern erinnert sich Marion Lüdemann an Ausflüge in die Natur: "Wir sind in den Wald gegangen und haben Hütten gebaut. Einmal kam plötzlich ein Bauer. Oh, Schiet, da habe ich gleich einen Schreck gekriegt. Aber er sagte: 'Ich finde das so klasse, was Sie hier machen, dass heute noch einer mit den Kindern in den Wald geht und aus alten Ästen Hütten baut. Darf ich meine Tochter mal vorbeischicken, wenn ich sehe, dass Sie da sind?'"

Das Vorbild prägt

Aber wie ist es für die eigenen Kinder, mit immer wieder neuen "Geschwistern" mit psychischen und/oder physischen Beeinträchtigungen in einem so engen Familiengeflecht aufzuwachsen? Mama Lüdemann sieht das heute etwas kritischer. Sie glaubt, dass ihre beiden großen Söhne zum Beispiel in der Pubertät viel mit sich selbst ausmachen mussten, weil die Bedürfnisse der bedürftigeren Kinder existenzieller waren. Johannes sieht vor allem die positiven Folgen. "Meine Schwester Hannah studiert Gebärdendolmetscherin und hat, selbst in Bezug auf ihre älteren Brüder, einen unglaublichen Beschützerinstinkt. Und mich bewegt das auch: das Gefühl, etwas für andere tun zu müssen. Deswegen bin ich auch in den Einsatz gegangen."

Johannes ist Bundeswehrsoldat und von seinem Einsatz in Afghanistan mit einem schweren Trauma zurückgekehrt. Trotz des Trubels zu Hause – all die Pflegegeschwister, die Trennung der Eltern, die Trauer der christlich geprägten Mutter, die an die eine Ehe geglaubt hatte –, kehrt auch er immer wieder gern an den Ort zurück, wo so viele ein Zuhause fanden. Zu Mama. Egal, wo sie gerade wohnt. Seit seiner Rückkehr versucht Johannes, Soldaten und Zivilisten aufzuklären, mit Vorträgen, aber auch in seinem Buch "4 Tage im November" – es wurde ein Bestseller. 

In der Pflegefamilie: Johannes bringt Helge ins Bett

Lukas hat einmal zu seiner Mutter gesagt: "Ich bin froh, dass ich das so kennenlernen durfte, damit ich eine vernünftige Sicht auf alles habe." Hannahs Weg nimmt ebenfalls eine klare Richtung und was Ruben angeht, muss man nur Helge fragen. Denn wenn der 15-Jährige nicht im Raum ist, kommt im Zehn-Minuten-Takt die Frage: "Ruben?" Und stets die geduldige Antwort: "Ruben ist oben."

(*Name von der Redaktion geändert.)

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