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Sandwich-Mütter zwischen Kind und Karriere: Mach mal langsam, Mama!

Sie muten sich zu viel zu und wollen stets perfekt sein: Mütter. Das mündet irgendwann in totaler Erschöpfung. Vorbeugen lässt sich dabei nur auf eine Art: Kompromisse machen.

Von Nikola Sellmair

Überfordert und gestresst: Mütter muten sich viel zu viel zu. Dagegen hilft nur eins: mal alle Fünfe gerade sein lassen.

Überfordert und gestresst: Mütter muten sich viel zu viel zu. Dagegen hilft nur eins: mal alle Fünfe gerade sein lassen.

Kürzlich erzählte eine Topfinanzwissenschaftlerin aus ihrem Alltag: Isabel Schnabel, frisch berufen als eine der fünf Wirtschaftsweisen, 43, drei Töchter. Sie berichtete von der aufreibenden Pendelei zwischen Arbeitsplatz und Wohnort mit einem sechs Wochen alten Stillbaby und dass es Nächte gebe, in denen sie nicht schlafe, sondern durcharbeite. Ihre Töchter habe sie, als sie noch klein waren, abends fast fertig angezogen ins Bett gelegt, damit morgens alle ratzfatz in den Tag starten konnten. Sie habe sich nichts dabei gedacht, so Schnabel - bis ihre Mutter rief: "Wie kannst du nur - Füße müssen doch atmen!"

Isabel Schnabel hat offenbar ihr Privatleben konsequent so auf Effizienz getrimmt, wie sie es auch der Bundesregierung empfiehlt, die sie berät.

Seltsam, diese Frauen, aber doch so super

Irritierend an der Darstellung der Ökonomin war weniger der Inhalt als der Duktus des Porträts: "Die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel lebt vor, wie sich Karriere und Familie vereinbaren lassen. Auch wenn das manchmal ganz schön hart sein kann", heißt es im Vorspann. Ein Leben im Turbotakt als Vorbild. Schön hart.

Sei es Isabel Schnabel oder die bei Amtsantritt hochschwangere Yahoo-Vorsitzende Marissa Meyer - die Geschichten über erfolgreiche Frauen, die nicht nur Job, sondern auch noch Kinder managen, ähneln sich: Sie werden erzählt in einer Mischung aus Erstaunen und Heldinnenverehrung - irgendwie seltsam, diese Frauen, aber doch so super. Die Spitzenfrauen werden präsentiert als Rollenmodelle und geben Tipps für die Karriere.

Es gibt da nur einen Haken: Topmanagerinnen können sich ein anderes Leben leisten. Sie können die Kinderfrau anrufen, wenn die Erzieherinnen im Kindergarten streiken. Und wenn sie keinen Mann zu Hause haben, dann haben sie zumindest Personal. Vor wichtigen Pressekonferenzen lassen sie ihre Augenringe überschminken, ein Büro koordiniert die Termine und schaufelt, wenn es sein muss, auch den Time-Slot für den Elternabend frei. Topkarrierefrauen pendeln nicht zwischen Vorstandssitzung und Vollwertbrei, zwischen Konferenz und Kita-Streik. Ihr Alltag ist gut abgefedert. Sie konzentrieren sich auf eine Rolle.

Glucke und Karrierefrau: Super-Mom

Den Spagat zwischen Arbeits- und Berufswelt erleben andere, die Normalo-Mütter mit Normalo-Gehalt - und sie stellen fest: autsch, tut weh.

Die neuen Rollenbilder ersetzen nicht die alten. Stattdessen addieren sich die Ansprüche.

Die kongeniale Kreuzung aus Glucke und Karrierefrau ist: Super-Mom. Dieses Wunderweib hat sieben Hände und braucht nur 40 Minuten Schlaf. Den Kreißsaal verlässt sie in High Heels und sieht auch nach zwölf Stunden Wehen aus wie frisch aus dem Spa. Sie macht Überstunden im Job, hetzt danach zur Kita, checkt am Spielplatz noch schnell 100 Mails und kocht abends Quitten ein, die sie vor der Arbeit auf dem Markt besorgt hat. Nach dem "La Le Lu" für die Kinder sprintet sie sofort ins Schlafzimmer. Ihr nächster Programmpunkt: Sex, aufregend. Außerdem kümmert sie sich um ihre kranken Eltern, trifft Freunde und hält sich mit Sport fit - wann, weiß sie selbst nicht genau. Arbeitgeber lieben Super-Mom. Auch der Mann an ihrer Seite ist zufrieden, denn sie hält ihm nach wie vor den Rücken frei.

Eltern in Zahlen
Geld verdienen

69 Prozent der deutschen Eltern leben das Zuverdienermodell. Er: Vollzeit, sie: Teilzeit

Haushalt

37 Stunden pro Woche verbringen Frauen mit Hausarbeit. Männer weniger als die Hälfte: 16

Zu Hause

10 bis 15 Prozent sind in Deutschland Hausfrauen

Burnout

30 Prozent mehr Mütter kommen im Vergleich zum Jahr 2002 mit Erschöpfungssymptomen in eine Klinik

Unterschiedliche Lebensmodelle

Der stern hat mit Müttern gesprochen, die grundverschieden leben, aber eines gemein haben: Sie wollen nicht die Super-Mom spielen. Sie wollen ein Leben führen, das zu ihren Wünschen und Zwängen möglichst gut passt. Romy Richter will erst mal zu Hause sein, bis die Kinder größer sind - dafür verzichtet sie auf Urlaube, telefoniert mit einem zwölf Jahre alten Handy und nimmt bewusst eine kleinere Rente und die Abhängigkeit von ihrem Mann in Kauf. Bei der Sozialpädagaogin Dayané Bianco wiederum ist es der Mann, der zu Hause bleibt: Sie verdient allein das Geld, während Gino Bianco sich um die gemeinsame Tochter kümmert. Letztlich leben diese beiden Frauen das klassische Modell: Einer kümmert sich ums Kind, der andere kann sich ganz auf den Beruf konzentrieren. Eine klare Sache, auch für die Kinder.

Eva Finkeldei und ihr Mann Rainer dagegen arbeiten beide Vollzeit, in Führungspositionen beim Autokonzern Daimler. Haushalt und Kinderbetreuung teilen sie sich gerecht und partnerschaftlich, bei ihnen sind Organisation und ständige Absprachen alles: Wer verbringt heute mehr Zeit im Job, wer bei den Kindern? Einer von beiden ist immer um 18 Uhr zu Hause, löst das Au-pair-Mädchen ab, isst mit den Kindern und bringt sie ins Bett - wer das sein wird, entscheiden sie je nach aktueller Arbeitssituation. Und jeder darf mal auf Dienstreise - nur nicht beide zur selben Zeit. Ihr Mann hält ihr den Rücken frei für den Job, ihr Chef für die Kinder. Eva Finkeldeis Vorgesetzter legt keinen Wert auf Dauerpräsenz.

Alle müssen Kompromisse eingehen

Ganz im Gegensatz zum ehemaligen Chef von Jeannine Böttcher: Abend- und Wochenendarbeit waren für die Architektin selbstverständlich, dazu kamen die häufigen Besuche auf Baustellen. Nach der Geburt des ersten Kindes machte sie sich selbstständig, weil sie hoffte, so freier über ihre Zeit bestimmen zu können: "Aus einer Notsituation hat sich etwas Schönes entwickelt", sagt sie heute. Alle der befragten Frauen müssen Kompromisse eingehen und auf etwas verzichten - auf Konsum und Komfort, auf Zeit mit den Kindern, auf die große Karriere oder den Beruf, den sie eigentlich gelernt hatten.

In den vergangenen Monaten erschienen gleich mehrere Bücher, die die angebliche Unvereinbarkeit von Familie und Job beschreiben. Die "Alles ist möglich-Lüge" heißt das Buch zweier Mütter. Zwei Väter wählen einen ähnlichen Titel: "Geht alles gar nicht". "Ich will raus hier", ruft die Autorin Nataly Bleuel und möchte Schluss machen mit der "beknackten Selbstoptimierung zwischen Rama-Familie und Karrierekollaps". Hier beklagen sich ernüchterte Hochqualifizierte, die nach dem Studium noch dachten: Kind und Beruf - geht doch, wir müssen uns nur anstrengen. Jetzt, mit Mitte 40, sind sie vor allem: erschöpft. Manche ihrer Einwürfe kommen einem vertraut vor, sie gleichen den Argumenten der Traditionalisten: Die Familie braucht Zeit und Stabilität, sagten diese alten Männer aus Politik und Klerus, die selbst nie ein Kind großgezogen hatten, und meinten damit: Die Mutter gehört an den Herd.

Unendliche Vielfalt

Heute fordert niemand mehr laut, dass Papa draußen das Mammut erlegt und Mama drinnen die Höhle fegt. Es gibt nicht mehr nur ein einziges, gesellschaftlich akzeptiertes Modell. Es gibt die Hausfrau, die Ernährerin und die Zuverdienerin, es gibt die alleinerziehende und die lesbische Mutter, die späte und die Patchwork-Mutter - es gibt eine unendliche Vielfalt an unterschiedlichen Familienentwürfen.

Eigentlich könnten Frauen heute in Freiheit ihr individuelles Modell von Familie und Beruf leben. Doch viele fühlen sich nicht frei, sondern überfordert und zerrissen. Sind die neuen Mütter und auch die paar neuen Väter wirklich einer "Vereinbarkeitslüge" aufgesessen? Oder lamentieren hier Hedonisten, die alles zur gleichen Zeit wollen? Sind ihre Ansprüche zu hoch und sie selbst zu unflexibel? Sind es die Mütter, die sich anpassen sollen - oder muss sich die Welt um sie herum verändern?

Was brauchen Mütter?

Mutige Männer

Seit es Geld für die Elternzeit gibt, bleiben immer mehr Väter beim Kind - für zwei Monate. Danach schauen sie meist erst nach Feierabend vorbei: Gerade mal sechs Prozent der deutschen Väter arbeiten Teilzeit - gegenüber 69 Prozent Frauen. Der Vollzeit-Mann als letzte Bastion, das ist in allen europäischen Ländern so. Einzige Ausnahme: die Niederlande.

Dabei würden angeblich rund 40 Prozent der deutschen Väter gern Teilzeit arbeiten. Und die meisten Kinder wünschen sich mehr Zeit mit ihren Vätern. Viele scheinen es nicht zu wissen: Der gesetzliche Anspruch auf Teilzeit gilt auch für Männer. Sie müssen ihr Recht nur einfordern. Vielleicht ist der Chef dann sauer, vielleicht ist weniger Geld für Urlaube da - Nachteile und Kompromisse, mit denen sich Frauen seit Jahren herumschlagen.

Wenn mehr Männer länger zu Hause blieben, kranke Kinder und Eltern pflegten und abendliche Konferenzen boykottierten, würde sich die Arbeitswelt schneller verändern. Man würde nicht die arbeitsplatzfreundliche Familie fördern, sondern den familienfreundlichen Arbeitsplatz.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie es mit einem fairen Gehalt und flexiblen Arbeitszeiten aussieht. Weitere Protokolle von Müttern und ihren Geschichten finden Sie im aktuellen stern. Außerdem im Heft: Wie ein Coach Mütter für die Rückkehr in den Job fit macht - um sie gegen Kollegenmobbing zu schützen.

Flexible Arbeitszeiten, ein Leben lang

30- bis 40-Jährige hetzen durch die Rush Hour des Lebens, in dieser Phase ballt sich alles. Warum ist es nicht öfter möglich, in dieser Zeit kürzerzutreten oder eine Verschnaufpause einzulegen? Schließlich arbeiten alle noch lang genug. Wären Karriereschritte auch noch jenseits der 50 leichter möglich, wäre die Lebensphase davor nicht so überfrachtet.

Beim schwäbischen Maschinenbauunternehmen Trumpf können sich Mitarbeiter alle zwei Jahre neu entscheiden, wie viel sie arbeiten wollen; zwischen 15 und 40 Wochenstunden ist alles möglich. Trumpf-Geschäftsführerin Nicola Leibinger-Kammüller ist Mutter von vier Kindern und Chefin von weltweit rund 11.000 Mitarbeitern. Sie sagt: "Auch Führungskräfte dürfen mal Teilzeit arbeiten. Sitzungen lieber morgens!" Vor einer Weile sei ein junger Vater zu ihr gekommen, dem sein Vorgesetzter keine Elternzeit genehmigen wollte. Nicola Leibinger-Kammüller setzte sich dafür ein, dass es doch klappte: "Die Abteilung steht noch und Trumpf auch." Den Mann habe die Elternzeit "total bereichert", so Leibinger-Kammüller: "Der sagte: Auf ein Kind aufzupassen ist ein Knochenjob. Der ist jetzt Frauenversteher!"

Ein faires Gehalt

Noch immer bekommen Frauen weniger Geld für die gleiche Arbeit - schon das macht eine faire Aufgabenverteilung innerhalb einer Familie oft unmöglich. Bei alleinerziehenden Frauen wird es erst recht zum Problem - und auch bei den Paaren, bei denen etwa der Mann arbeitslos ist oder in einem Niedriglohnjob arbeitet.

In jeder zehnten Beziehung in Deutschland bringt inzwischen die Frau mehr Gehalt nach Hause als der Mann. Besonders bei jungen Paaren mit kleinen Kindern nimmt die Zahl der Ernährerinnen zu. Oft sind das Frauen in schlecht bezahlten, befristeten Jobs: Kassiererinnen, Lageristinnen, Erzieherinnen. "Niedrige Gehälter für Frauen stürzen jetzt ganze Familien in Armut", sagt Ute Klammer, Politikprofessorin an der Universität Duisburg-Essen. Sie hat die neuen Ernährerinnen in einer großen Studie befragt und kennt "erschütternde Fälle von Frauen mit fünf Jobs und zwei Kindern, kurz vor dem Burnout". Das Gerede von der Vereinbarkeit von Kind und Job oder die Klagen einiger Eltern, dass man doch auch ein bisschen Zeit für Yoga und gute Gespräche haben wolle - für diese Frauen ist das eine abgehobene Mittelschichtsdebatte. Immer wieder weinten Mütter bei den Interviews der Forscherinnen. Ute Klammers Fazit: "Das ist kein Sieg der Emanzipation."

Wütend kritisiert die 28-jährige britische Autorin Laurie Penny in ihrem Buch "Unsagbare Dinge" die Anpassung der Frauen, die, so Penny, oft schlecht bezahlt und ausgebrannt im Hamsterrad des Neoliberalismus treten. Es könne nicht sein, dass nur weiße, schlanke, heterosexuelle Karrierefrauen als Vorbilder fungieren. Penny fordert einen neuen Feminismus, einen für arme, unterbezahlte, alleinerziehende Frauen.

Echte Familienfreundlichkeit im Job

Auch wenn es mittlerweile fast kein Unternehmen mehr gibt, das sich nicht mit dem Attribut "familienfreundlich" schmückt - immer noch werden Schwangere, Mütter und auch Väter, die in Elternzeit gehen wollen, gemobbt. Dem stern berichteten Frauen, wie Arbeitgeber sie unter Druck setzten: Vollzeit oder gar kein Job. Ein Chef in Berlin sagte zu einer Mutter, es gebe doch jetzt einen Kindergarten, der über Nacht offen habe, da könne man sein Kind 24 Stunden abgeben. Die Leiterin einer Kindertagesstätte in Hamburg sagt, sie erlebe regelmäßig "Eltern unter Druck": "Die bringen uns ihre Kinder, auch wenn die am Vortag noch Fieber hatten und besser im Bett aufgehoben wären." Häufig höre sie den Satz: "Mein Chef dreht durch, wenn ich noch einen Tag zu Hause bleibe."

Babys im Büro

Kinder, so empfindet es eine berufstätige Mutter, seien "in unserer Leistungsgesellschaft ein Zeichen von Verwundbarkeit". Deshalb verstecke man sie. Kerstin Jürgens, Arbeitssoziologin an der Universität Kassel, sagt: "In Deutschland gelten Privatleben und Beruf als streng getrennte Bereiche."

Offenbar haben auch viele Mütter diese Trennung verinnerlicht. Das zeigen die Reaktionen auf eine Begegnung mit einem Baby in Berlin: Ein Interviewtermin bei der #link;http://www.stern.de/politik/deutschland/kristina-schroeder-91194025t.html;damaligen CDU-Familienministerin Kristina Schröder#. Sie im schwarzen Hosenanzug. Auf ihrem Schoß, im grünen Frotteehöschen: Tochter Lotte, gerade ein paar Monate alt. Bei dem Interview ging es auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Lotte machte das unruhig, sie knurrte. Kristina Schröder antwortete ruhig und konzentriert auf die Fragen, wedelte nur zwischendurch mal mit Schnuffeltuch und Stoffhase. Dann brachte sie Lotte in den Nebenraum, dort sollte sie schlafen. "Brauchen Sie nicht den Hasen?" Schröder rief zurück: "Es geht auch ohne Hase!"

Irritierend war nicht das Interview selbst, sondern die Reaktion von Frauen, die davon erfuhren. Viele schäumten - und das nicht wegen Kristina Schröders wertkonservativer Familienpolitik: "Unmöglich und total unprofessionell" sei das Baby im Büro. Während andere Mütter ihr Kind wegorganisierten mittels Kita, Papa, Oma, verschwende diese Frau ihre Arbeitszeit und die ihrer Mitarbeiter. Dabei hatte sie nur einen Tag ihr Kind mit ins Büro genommen! Bestimmt hat sie an diesem Tag nicht perfekt gearbeitet, bestimmt hat das Kind gestört. Aber das darf so sein, denn ein schönes Motto wäre doch ...

Leben statt Vereinbarkeit

Kinder lassen sich nicht vereinbaren. Wo sie sind, ist Chaos, wird getrödelt, gekleckert und getrotzt. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag von 2005 wurden Kinder als "Hindernis für Beruf und Karriere" bezeichnet. Das klingt gemein, ist aber wahr. Kinder sind auch nur bedingt geeignet für exotische Urlaube. Ein Langstreckenflug macht mit schreienden Kindern keinen Spaß. Kinder kosten Geld, sie haben Kinderkrankheiten und brechen sich Arme und Beine.

Das Leben mit Nachwuchs ist nicht so wie das davor, und die Last und die Überforderung, die Kinder auch bedeuten, kann einem niemand abnehmen. Das Hamsterrad stoppen können nur die Eltern selbst.

Politikprofessorin Ute Klammer hat Mütter in Deutschland und Frankreich verglichen: "In Frankreich ist das Kind selbstverständlicher Teil des Lebensplans. Mütter machen es sich einfacher: Keine Französin würde eine Schultüte selbst basteln." In Frankreich gebe es mehr Betreuungsangebote, aber das sei nicht der Hauptgrund für die andere Einstellung der Mütter: In Deutschland gelte ein Kind als eine "Herstellungsleistung", so bezeichnet es Klammer, als "Last und Aufgabe". Wenn eine Frau verkünde, dass sie schwanger sei, folge nach der Gratulation oft die Frage: "Und wie willst du das alles hinkriegen?"

In der Vereinbarkeitsdebatte geht es merkwürdigerweise immer nur am Rande um die Kinder. Dabei kann man von ihnen etwas lernen: Wenn ein Kindergartenkind sich morgens nicht anziehen will, bringt es wenig, genervt aufs Kind einzureden, es wird dann nur umso heftiger weinen. Stattdessen muss man erst mal einen Gang zurückschalten: das Kind in den Arm nehmen und mit ihm ein Pixi-Buch lesen - oder ein Wettrennen veranstalten: Wer von uns ist schneller angezogen? Improvisation und Humor statt Tempo und Druck.

Den meisten Stress verursacht ohnehin nicht der Zeitmangel - sondern der eigene Perfektionismus. Früher waren auch die Kinder von Hausfrauen stundenlang sich selbst überlassen. Heute müssen manche Grundschullehrer den Eltern von Drittklässlern verbieten, ihre Kinder bis in den Klassenraum zu bringen. Der Nachwuchs wird zur Schule, zum Flöten, zum Sport gekarrt. Grundschulkinder ziehen nicht mehr einfach los, sie werden miteinander verabredet - von ihren Eltern.

Hauptsache, alle sind entspannt

Das hat alles seine Gründe - der ungebremste Verkehr, der fehlende öffentliche Raum für Kinder -, aber vieles ist auch hausgemacht. Vielleicht reicht es ja, wenn die Kinder erst mal nur zweisprachig aufwachsen - Deutsch, dazu noch Bayerisch oder Sächsisch -, vielleicht müssen sie nicht noch zum Early-English-Kurs. Vielleicht ist es nicht so wichtig, dass die Wohnung aussieht wie ein Saustall - vielleicht zählt, dass in diesem Saustall viel gelacht wird. Vielleicht ist es nicht entscheidend, wie oft man seine Freunde trifft - solange sie wissen, dass sie jederzeit anrufen können, wenn sie Hilfe brauchen.

Stephanie Nowak, eine der Mütter, die der stern befragt hat, bringt es so auf den Punkt: "Wenn ich 20 Jahre älter bin und zurückgucke, dann ist es doch völlig egal, ob alles immer tipptopp war," sagt sie und ergänzt: "Was hängen bleibt, ist die Zeit, die man mit den Kindern verbracht hat."

Kein Mensch braucht eine perfekte Mutter. Kindern ist es wahrscheinlich ziemlich egal, ob sie im Schlafanzug, in Jeans oder nur in Unterhose ins Bett gebracht werden. Hauptsache, alle sind entspannt.

Dann können nicht nur die Füße atmen. Sondern die ganze Familie.

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