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Nach Lewitscharoff-Debatte: Wo bleibt das verdammte Kind?

Vergessen wir die grausige Provokation Sibylle Lewitscharoffs. Reden wir lieber über eine Kultur, in der die Schattenseiten der Reproduktionsmedizin gern verdrängt werden.

Von Sylvia Margret Steinitz

Fehlt nur noch das Kind

Fehlt nur noch das Kind

Bis vor knapp zwei Wochen war die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff den meisten Deutschen unbekannt. Dann erklärte sie in einer durchaus gewollten Provokation Kinder, die durch In-vitro-Fertilisation gezeugt werden, zu "Halbwesen". Jetzt kennt man sie, die Entrüstungswellen schlugen hoch und begruben, so befürchte ich, bis auf Weiteres eine differenzierte Diskussion über Sinn und Grenzen der Reproduktionsmedizin. Das, vor allem, nehme ich Frau Lewitscharoff übel. Mich beschleicht nämlich angesichts eines boomenden Kinderwunsch-Business ein Unbehagen. Ich hätte gern eine Debatte darüber - auf menschlicher, nicht menschenverachtender Ebene.

Die Reproduktionsmedizin hat viele Menschen zu glücklichen Eltern von Wunschkindern gemacht. Aber in einem Klima, in dem Ärzte munter drauflos fertilisieren können, ohne befürchten zu müssen, dass jemand wegen Nicht-schwanger- Werdens klagt - leider gibt es keine Garantie, dass es klappt, gnädige Frau -, gedeihen zwischen den redlichen Medizinern zwangsläufig auch die Abkassierer. Ich möchte nicht wissen, wie viele Frauen sich noch eine In-vitro-Behandlung antun und noch eine, angestachelt von einer Nachwuchsindustrie, die mit ihrer Hoffnung Millionen macht. Von Medizinstudenten hörte ich in letzter Zeit mehr als einmal: "Ich mach eine Kinderwunschklinik auf", das sei "eine Gelddruckmaschine wie ein McDonald's-Restaurant", wie der Sohn einer Kollegin sagt.

Die Hoffnungsindustrie

Ich habe eine Bekannte, die gerade den vierten In-vitro-Versuch hinter sich hat. Zum vierten Mal die Hormonbehandlung, die sie körperlich und nervlich an ihre Grenzen brachte, wieder haarscharf an der Trennung vorbeigeschrammt, weil der Mann sich immer mehr zurückziehe und sie mit allem allein ließe. Dabei sei er doch derjenige, der sie in diese Bredouille gebracht hätte, er mit seinen Waschlappen von Spermien, wo bleibt das verdammte Kind? Ach Scheiße ... Aber einmal probiere sie es noch, da gibt es diese Hollywoodschauspielerin, bei der hat's beim sechsten Mal geklappt.

Ob sie nicht ein Kind adoptieren wolle, statt sich weiter zu quälen, fragte ich. Nimm mich, sagte ich, ich bin Pflegemutter, in meiner näheren Verwandtschaft gibt's zwei adoptierte Kinder, wo die herkommen, ist kein Thema. Meine Bekannte sah mich an, als wolle sie mir eine scheuern. Dann lieber gar kein Kind, erklärte sie. Sie wolle kein adoptiertes und schon gar keins, wie ich es habe – ein "fremdes" Kind, das nicht mal meinen Namen trägt, mit einer leiblichen Mutter, die sich ständig ins Bild drängt und der es womöglich noch ähnlich sieht.

Ich habe einmal eine neonatologische Abteilung besucht. Da lagen die Frühchen, zwei von ihnen in der 25. Woche geboren, ob sie dadurch bleibend beeinträchtigt sein würden, war noch nicht klar. "In-vitro-Kinder", sagte der Oberarzt, "die kommen gern zu früh." Er musterte mich. "Sie sind nicht mehr die Jüngste. Ab 40 riskieren Sie das auch und noch viel mehr, egal, was man Ihnen sagt." Ich fand den Arzt kaltherzig und hoffe, dass er eine Ausnahme bildet. Aber was er sagte, blieb hängen. Von da an dachte ich öfter darüber nach, welchem Gesundheitsrisiko ich künftiges Leben aussetzen wollte, wenn ich es darauf anlegte, mit über 40 noch ein leibliches Kind zu bekommen. Auch deshalb habe ich mich gegen das Schwangerwerden entschieden, was eine Kollegin mit einem entgeisterten "Aber du hast es doch gar nicht probiert!" quittierte.

Haus bauen, Sohn zeugen

Meine Entscheidung, Pflegemutter zu werden, stößt auf Bewunderung, oft aber auf mehr Erstaunen, als wenn ich einen Termin bei einer dänischen Samenbank vereinbart hätte. Auf Schritt und Tritt wird uns suggeriert, Kinder zu gebären sei die "richtige" Variante und alles andere nur Ersatzhandlung. Die Verherrlichung von Schwangerschaft und Geburt, die anlässlich der Entbindung irgendwelcher Prinzessinnen am deutlichsten wird, lässt Frauen nur wenig Raum, darüber nachzudenken, ob sie das Schwangersein wirklich brauchen. Ich kenne Mütter, die mir im Vertrauen steckten, sie hätten auf "das alles" liebend gern verzichtet. Und dann dieses "Haus bauen, Baum pflanzen, Sohn zeugen", mit dem Männer angeblich erst zu solchen werden – treibt diese Kultur unfreiwillig Kinderlose nicht geradewegs in die Arme der Reproduktionsmediziner?

Ich wünsche mir, dass wegen der Worte einer verkopften Schriftstellerin nicht ab sofort jeder Mensch in Acht und Bann gelegt wird, der laut über die Hintergründe und Schattenseiten des Kinderwunsch- Business nachdenkt. Erst das komplette Bild hilft, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Wie die dann aussieht, geht allerdings niemanden etwas an. Mich nicht und Frau Lewitscharoff auch nicht.

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