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Kita-Tarifkonflikt E-Mails verzweifelter Eltern

Wochenlang mussten Hunderttausende Mütter und Väter von Kita-Kindern ohne Betreuungsplatz klarkommen. Nun beginnt die Schlichtung. E-Mails zermürbter Eltern zeigen, warum sie gelingen muss.
Von Marc Drewello

Dieser Artikel ist ein Appell: Liebe Arbeitgeber, liebe Verdi, wenn ihr mit der Schlichtung im Arbeitskampf der Kita-Erzieher beginnt, bleibt bitte so lange in euren Verhandlungszimmern sitzen, bis ihr euch geeinigt habt. Es wird sicher hart. Und nervenaufreibend. Und ihr werdet zwischendurch unendlich müde und frustriert sein. Aber genau das haben viele Eltern und Kinder in den vergangenen vier Wochen auch durchgemacht - nur schlimmer.

Seit dem 8. Mai mussten Hunderttausende Väter und Mütter wegen des Arbeitskampfes zwischen kommunalen Kita-Erziehern und ihren Arbeitgebern zusehen, wie sie ohne Betreuungsplatz für ihre Kinder klarkommen. Einige Kindertagesstätten boten zeitweise Notbetreuungen an, in anderen kümmerten sich die Eltern selbst in wechselnden Schichten um die Kleinen, doch viel zu oft blieben Eltern und Kinder völlig auf sich allein gestellt.

Die vier Wochen Streik haben viele Betroffene an ihre Grenzen gebracht. Das gilt sowohl für Väter, Mütter und ihren Nachwuchs als auch für die Kita-Mitarbeiter, die trotz des Ausstandes im Einsatz waren. Es gilt aber auch für die Erzieherinnen und Erzieher, die für ihre Rechte gekämpft haben, mit dem Gefühl, dass "ihre" Kinder und deren Eltern darunter leiden. Auf allen Seiten hat der Tarifstreit Spuren hinterlassen: verstörte Kinder, ausgelaugte Eltern, gefährdete Jobs, verpasste Examen, überarbeitete Erzieher und ein angeknackstes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Betreuern.

Die folgenden Einblicke in den Mailverkehr von Eltern einer norddeutschen Kindertagesstätte machen klar, warum das nun beginnende Schlichtungsverfahren zwischen Verdi und GEW sowie der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) nicht scheitern darf. Die Veröffentlichung der Mails erfolgt mit Zustimmung der Autoren, sämtliche dort erwähnten Namen wurden geändert.

"Wir vier können nicht mehr"

"Meine Jungs sind so durch den Wind, wir vier können nicht mehr. Meine Kinder werden nun seit vier Wochen täglich von jemand anderem, Fremden gewickelt (finde ich zu übergriffig auch irgendwie), andere Regeln, andere Zeiten, Frühstück bis zehn, Mittagessen um halb zwölf, kein richtiger Mittagsschlaf, jeden Tag neue fremde Menschen, die lieb mit ihnen umgehen, aber es sind nun mal fremde Menschen, die ihnen plötzlich wechselnde Regeln vorgeben. Die Nerven bei Groß und Klein liegen blank. Wofür denn eine gesetzlich vorgeschriebene Eingewöhnung?"

"Marlene steckt gerade in den Vorbereitungen für ihre Prüfungen im Juli. Man kann sich vorstellen wie bei uns die Meinung zu dem ganzen Streik Thema ist, wenn die eigene Zukunft bedroht ist, weil man nicht zum Lernen kommt."

"Mein Praktikumsplatz ist weg, meine Bachelorarbeit werde ich wohl im Herbst im zweiten Versuch schreiben und arbeiten werde ich erst wieder ab Juli. Hoffe ich. Ab Juli ist der Streik wohl vorbei."

"Liebe Erzieherinnen,
[…] nach nunmehr drei Wochen Kitastreik verschärft sich die Situation in unseren Familien, bei den Kindern und bei der Notbetreuung von Tag zu Tag mehr. Die tägliche Unsicherheit wer wann und wie die Kinder betreut zermürbt uns, fast täglich wechseln die Bezugspersonen und die Personaldecke an Notbetreuern ist diese Woche praktisch auf null gesunken.

Wir teilen Eure Meinung, dass Eure Jobs viel mehr Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen erhalten sollen! Wer, wenn nicht wir, weiß, welch wertvolle Arbeit Ihr jeden Tag vollbringt! Jedoch, und deshalb schreiben wir Euch, sind wir auch der Meinung, dass dieser Streik leider die Falschen trifft - nämlich nicht die Entscheider, sondern nur unsere Kinder und uns Eltern! Wir fühlen uns machtlos und müssen ohnmächtig irgendwie die täglichen Konsequenzen abfedern.

Seit drei Wochen unterstützen wir Euch, indem einige von uns gar nicht arbeiten, andere Urlaub nehmen oder spätabends arbeiten. Das Betreuungschaos ist groß und unsere Kinder sind immer wieder tapfer, aber sie leiden unter dem unsicheren Hin und Her genauso wie wir. [...] Unsere Kinder brauchen Stabilität und feste Bezugspersonen - sie brauchen Euch!"

"Die Erzieherinnen Frau Sander und Frau Zingst haben mich gestern beide mit tränenerstickter Stimme begrüßt, beide also nervlich am Rande, Frau Sander mehr als Frau Zingst."

"Ich kann mir nicht mal 'nen Babysitter leisten"

"Montag früh vor der Kita zu erfahren, dass man keine Notbetreuung hat, war ein Albtraum […] So was tun wir uns nie wieder an. Nächste Woche gehen die Kinder abwechselnd mit uns ins Büro (langweilig für die Kinder, schlecht für den Arbeitgeber, aber was will man machen)."

"Meine Kinder vermissen die Erzieherinnen, sind unterfordert und ich bin echt am Ende mit den Nerven und Finanzen, aber ich ertrage es einfach nicht mehr, jeden Morgen ein oder zwei heulende Kinder in der Kita zu lassen, auf Arbeit die ganze Zeit an sie zu denken, mich die ganze Zeit zu ärgern, und jeden Abend stundenlanges Geheule und überhaupt. Zu Hause wollen sie sich nur noch von mir Wickeln und Umziehen lassen. Sprachlich sind sie wieder zurückgefallen, dafür ungewöhnlich aggressiv und weinerlich."

"Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Kleinkindern, […] können meine Kinder die Kita nicht besuchen, kann ich weder meinem Studium noch meiner Arbeit nachgehen. Dies zieht in Form von Zusatzsemestern und Extra-Kinderbetreuung weitere Kosten mit sich.

Hinzu kommen der Verdienstausfall und eine drohende Kündigung […] Als alleinerziehende Mutter wird man auf dem Arbeitsmarkt ohnehin nachteilig behandelt […] Kann ich mein Studium nicht wie gewohnt fortführen, benötige ich weitere Semester. Die Regelstudienzeit könnte aufgrund der Streiks überschritten werden.

Sowohl nach dem Hochschulgesetz als auch der Bafög-Regelung wird ein Streik, für den ich absolut keine Verantwortung trage, aber nicht als Grund für Studienverlängerung anerkannt. Dies kann zum Verlust des Anspruchs auf Bafög führen. Dies würde einen Abbruch des Studiums bedeuten, da ich nicht noch mehr arbeiten kann, neben Uni und Kindern."

"Ich kann mir nicht mal 'nen Babysitter leisten, habe die zusätzlichen Kosten für Kinderessen zu Hause, aber zahle trotzdem Gebühr und Essenszuschlag."

"Ich bräuchte mal wieder einige Tage Ruhe und normalen Alltag. Dann könnte ich auch wieder besser schlafen. Diese Woche war für uns ganz hart. Die zentrale Notbetreuung hat in eine dezentrale gewechselt. Das hat m. E. Fr. Zingst ziemlich unvorbereitet getroffen. Sie kennt keine Eltern, ihr Team und die Abläufe in der Kita nicht. Dementsprechend war die Vergabe der Kitaplätze ziemlich chaotisch. Einige Eltern haben die Mail zu spät gelesen und keinen Platz erhalten, einige Eltern haben sich rechtzeitig gemeldet und trotzdem keinen Platz erhalten. Einige Eltern sollten einen Elterndienst (Eltern passen auf Kinder auf) machen, obwohl ihre Kinder dann keine Betreuung gehabt hätten, etc. Mein Eindruck ist: Die Kita verspielt sich momentan ihr dickes Vetrauens-Plus der Eltern. [...]

Ein wenig Stabilität für uns Eltern und insbesondere für die Kleinen wäre wichtig. In der Krippe könnte es für die Hälfte der Kinder wohl auf eine neue Eingewöhnungsphase hinauslaufen. Einige Ele-Kinder sind seit vier Wochen nicht mehr in der Kita und vermissen ihre Freunde sehr."

"Meine Kinder sind mir wichtiger als mein Job"

"Solange gestreikt wird werde ich meine Kinder nicht mehr in die Notbetreuung geben. Meine Kinder sind mir wichtiger als mein Job, mein Studium und überhaupt."

"Liebe Milena, liebe Finja, liebe Andrea, liebe Stefanie, liebe alle Erzieherinnen,
[...] ICH VERMISSE EUCH. Heute habe ich meine Mama gefragt, wann Finja wieder in die Kita kommt, und die Mama hat gesagt, dass Finja bestimmt immer noch an mich denkt und bestimmt auch bald wieder in die Kita kommt und der Streik vorbei ist.

Was das ist dieser komische Streik, über den die Großen immerfort reden? Für mich bedeutet Streik, dass in der Kita meine Freunde nicht sind, die ich so mag, und nicht die Erzieherinnen, die ich so mag. Die Stefanie, die hat mal neulich gesagt: "Hey, ich bin der Kobold!“ (großes langanhaltendes Kichern). Und Milena kann doch nicht immer nur auf ihren kleinen Hund aufpassen! Das geht doch nicht.

Wisst ihr, was komisch ist: Die Erzieherinnen sind nicht da, aber dafür waren ein paarmal andere Kinder da, aus ANDEREN KITAS. Die kennen ja unsere Regeln gar nicht, wie man die Tische abräumt und so. Das haben wir denen dann mal erklärt. Aber, wisst ihr was, sie waren trotzdem nicht so fröhlich.

In dieser Woche waren [...] plötzlich Papas und Mamas da, echt MAMAS UND PAPAS IN DER KITA! Das ist doch komisch, warum sind die jetzt da und nicht die Erzieherinnen? Ein Kind hat arg geweint, weil seine Mama in der Kita war, aber oben bei den Krippis, warum kommt sie denn nicht runter?

Jeanette kennt coole Lieder und Reime, und wenigstens Martina ist da, das ist schön. Aber der Maulwurf begrüßt niemanden mehr und wir gehen NIE auf den Markt und noch nicht mal auf den Spielplatz. Da war ich mit Mama neulich mal nach der Kita. Und wisst ihr was, endlich treffe ich da meine Freunde, die ich schon sooo lange nicht gesehen habe. Und die sind ganz traurig, weil sie gar nicht in die KITA GEHEN DÜRFEN! Echt jetzt.

Neulich durfte ich mal mit der Mama an die Uni. Da gibt es sogar ein Kinderzimmer! Aber die Puzzles da sind babyeierleicht. Echt jetzt. Und man darf nicht singen! Und nicht Blitz und Donner machen mit Trampeln, weil nebenan ist eine Prüfung, sagt Mama, und die können nicht gut denken wenn so ein Krach ist.

Die Kita soll wieder so sein mit Erzieherinnen. Kommt wieder.
Eure Lara"

"Ich bin noch hin- und hergerissen, ob wir die Kita wechseln, Gebühren zurückfordern oder einfach nur alles Scheiße finden sollen."

"Nach dem Streik werden wir entscheiden ob wir die Kita wechseln oder nicht, jetzt bin ich zu emotionsgeladen."

"Vielleicht noch was Schönes zum Schluss: Die Kinder haben den heutigen Tag gut gemeistert, soweit mein Eindruck. Ich war ja in der Krippe eingesetzt. [...] Alle waren lieb, selbst die Kleinsten haben sich gegenseitig geholfen, viel gelacht, gut gegessen, kennen die Regeln, usw. was natürlich ein großer Verdienst derjenigen ist, die täglich diese Strukturen in der Kita für die Kinder schaffen, aber eben auch zum Ausdruck bringt, dass unsere Kinder in dieser speziellen Einrichtung, sehr viel familiäres Behütetsein mitbringen. Es gibt schlechtere Arbeitsplätze …. Mit schlechterer Bezahlung."

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