HOME

Wolfshybrid: Der Wolfshund geht um! Kann dieses Raubtier in unseren Breitengraden überleben?

Fabelwesen, Bestie, Inbegriff der Freiheit: Wölfe haben viele Imagewechsel hinter sich. Derzeit üben Wolf-Hund- Mixe eine gefährliche Faszination aus.

Von Dr. Bianca Klement

Der Wolfshund geht um! Kann er hier bei uns überleben?

Sehnsucht nach Wolfshunden: Die Vorstellung von einem pflegeleichten Hund im Wolfspelz scheitert allzu oft an der Realität (Symbolfoto)

Laternen aus Stein flankieren den Waldweg hoch in den Bergen westlich von Tokio. Hier und da fällt Licht durch das dichte Grün. Der Wind lässt die Bäume flüstern. Immer höher führt der Pfad hinauf, bis schließlich ein weißes Holztor zwischen Lärchen und Zedern auftaucht. Goldene Ornamente glitzern in der Sonne. Rechts und links des Tors sitzen steinerne Wölfe, aufrecht, mit geöffnetem Maul, Zähne zeigend. Sie hüten den Aufgang zu einem besonderen Heiligtum: zum Mitsumine-Schrein, nur einer von vielen Wolfsschreinen in Japan. Seit fast zweitausend Jahren pilgern Gläubige dorthin, um bei den Wölfen um Schutz zu bitten. Die japanischen Bauern schätzten die Raubtiere einst und waren dankbar für ihre Dienste. Der Wolf regulierte die Wildbestände und jagte Hirsche und Rehe, die die Ernte bedrohten. Trotzdem gibt es heute keine Wölfe mehr in Japan. Als sich die Rinderhaltung etablierte, begannen Viehhalter, die Tiere zu fürchten und zu töten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Wolf ausgerottet.

Begegnung auf Augenhöhe

Weltweit wird kaum ein Tier so hitzig diskutiert wie der Wolf, doch die wenigsten kennen ihn wirklich. Der Wolf hat ein Imageproblem und das ist nicht mal seine Schuld. Vielleicht ist es seine Lebensweise, die irrationale Ängste schürt. Tagsüber deuten höchstens Spuren auf seine Gegenwart. Man weiß, dass er da ist, doch wie ein Geist bleibt er unsichtbar. Erst in der Nacht streift er umher. Seine Sinne sind für ein Leben in der Wildnis geschärft. In der Finsternis sieht er ausgezeichnet, seine bernsteinfarbenen Augen haben einen Blickwinkel von 250 Grad. Mit kleinen, dreieckigen Ohren hört er den Herzschlag seiner Beute, selbst Töne im Ultraschallbereich von 40 Kilohertz nimmt er wahr. Beute oder einen Menschen wittert er kilometerweit. Er ist der perfekte Jäger und er arbeitet nie allein. Auf seinem Speiseplan stehen Mäuse, Rehe oder Wildschweine. Er lauert keinen Spaziergängern, hilflosen Großmüttern und kleinen Mädchen auf. Die Geschichte vom bösen Wolf ist nichts anderes als ein Märchen. Die Wissenschaft beweist es. Laut Studien sind Übergriffe von Wölfen auf Menschen extrem selten: Zwischen 1950 und 2000 gab es in ganz Europa insgesamt 59 Angriffe durch Wölfe, 21 davon durch tollwütige Tiere. Zieht man in Betracht, dass 2017 in Deutschland allein 7370 Unfälle mit Rindern dokumentiert wurden, neun davon tödlich, erscheint die Dämonisierung des Wolfs übertrieben.

Gut möglich, dass Futterneid hinter diesem schlechten Ruf steckt. "Für Menschen waren Wölfe immer auch Konkurrenten, wenn es um Beutetiere ging", sagt Dr. Zófia Virányi vom Wolf Science Center in Ernstbrunn bei Wien. Die Verhaltensforscherin betont, dass Wölfe intelligente, scheue Tiere sind, die den Menschen instinktiv meiden. "Sie entwickeln schon sehr früh, im Alter von vier Wochen, eine angeborene Angst vor dem Menschen." Nur bei permanentem Sozialkontakt verlieren die wilden Tiere ihre natürliche Furcht.

Die Wölfe im Wildpark Lüneburger Heide haben sich an Menschen gewöhnt. Trotzdem sind sie wild. Mit einem Biss können sie Knochen brechen. Tanja Askani verspürt jedoch keinerlei Angst, wenn sie sich den klugen Jägern nähert. Wenn sie das Wildgehege betritt, setzt sie sich entspannt auf den Boden und begegnet den Raubtieren auf Augenhöhe. Jaulend und fiepend drängen sich die Polarwölfe dann an die dunkelhaarige Frau, schlecken ihr über das Gesicht und drücken sich dicht an sie. Lächelnd vergräbt Tanja ihre Hände in dem dichten weißen Fell und genießt die Liebesbekundungen. Sie weiß, wie sie jede Bewegung, jeden Laut zu deuten hat. Mit viel Geduld und Liebe hat sie die Tiere im niedersächsischen Wildpark großgezogen. Sie alle stammen aus anderen Tierparks, die die Tiere aus unterschiedlichen Gründen zur Handaufzucht weggeben mussten, um ihr Leben zu retten. Seit über 25 Jahren begleitet Tanja nun die Tiere, von den ersten tapsigen Schritten bis zu ihrem Tod. Währenddessen hat sie viel gelernt.

Botschafter ihrer freien Artgenossen

Sie weiß, wenn sie nur einmal das Vertrauen eines Wolfs bricht, bekommt sie es nie wieder. Sie hat erlebt, wie eng die Bande unter den Tieren sind. Wölfe sind Familienwesen. Ein Rudel ist immer eine Wolfsfamilie, Elternpaare bleiben für immer zusammen. Vor allem die vielen vermeintlich unvereinbaren Charaktereigenschaften beeindrucken die Expertin. "Wölfe sind voller Kraft, jedoch immer elegant und geschmeidig. Vorsichtig und bedächtig, aber zugleich kompromisslos und souverän. Sie wirken friedlich und verspielt, liebevoll und verschmust, sind dabei aber unbändig und unzähmbar", sagt sie begeistert. Ihre Mission ist, die Akzeptanz für die Raubtiere zu steigern. "Meine Gehegewölfe sind Botschafter ihrer freien Artgenossen", betont sie. Denn wenn Menschen die Tiere verteufeln, werden sie kaum eine Chance haben zu bestehen. 

Dabei sind Wölfe wahre Überlebenskünstler. Knochenfunde belegen, dass sie seit über 400.000 Jahren existieren. Sie sind extrem anpassungsfähig und können beinahe überall leben, von der Tundra über Berggebiete bis hin zur Wüste. Sie sind Opportunisten und bleiben dort, wo es Beute gibt. Vor allem aber sind sie kluge Strategen, die stets im Team arbeiten. "Wölfe sind uns Menschen in ihrer sozialen Organisation sehr ähnlich. Sie leben in Familien, sie arbeiten bei der Jagd zusammen, verteidigen das Territorium miteinander, kümmern sich gemeinsam um den Nachwuchs", erklärt die Verhaltensforscherin Zsófia Virányi.

Die soziale Kompetenz der Wildtiere ist bemerkenswert. Ein Rudel hat im Schnitt fünf bis sieben Mitglieder und besteht zumeist aus Eltern und Nachkommen. Es sei denn, die Lebensumstände erfordern es, Allianzen zu schließen. In kälteren Klimazonen, etwa in Alaska, sind die Wölfe selbst nicht nur größer, auch die Rudel sind es. Denn um einen Elch oder ein tonnenschweres Bison zu erlegen, reicht ein einfacher Familienverband nicht aus. Die Wölfe verbünden sich und es können Rudel von bis zu dreißig Tieren entstehen.

Gefürchtetes Raubtier und bester Freund

Flexibilität und die Bereitschaft zur Kooperation  führten den Wolf auch zu uns. Vor etwa 15.000 bis 30.000 Jahren begannen Mensch und Wolf, gemeinsame Wege zu gehen. "Man kann den Zeitpunkt nicht genau bestimmen. Es gibt eine große Debatte darüber, wann und vor allem wieso sich Mensch und Wolf annäherten", so Forscherin Zsófia Virányi. Eine Theorie besagt, dass wir irgendwann so viele Abfälle produzierten, dass diese eine Nahrungsquelle für die Wölfe boten und sie deshalb unsere Nähe suchten. Eine andere Hypothese geht in die Richtung, dass unsere Vorfahren sahen, welch gute Jäger Wölfe waren, und anfingen, mit ihnen Beute aufzuspüren. Auch den Wölfen nutzte die Verbindung: So waren sie erfolgreicher und konnten konkurrierende Rudel besser auf Abstand halten.

Sachsen-Anhalt: Wolf reißt Schafe – Jäger filmt Raubtier mit Wärmebildkamera

Über die Zeit wurde das wilde Tier gezähmt und das gefürchtete Raubtier zum besten Freund des Menschen, dem Hund. Zwar passte sich im Lauf der Jahrtausende der Hund immer mehr uns an, doch der Wolf in ihm existiert noch. Genetisch betrachtet, ist selbst ein Dackel beinahe ein Wolf. "Die genetischen Unterschiede liegen im Promillebereich", sagt der Naturschutzgenetiker Dr. Carsten Nowak vom Senckenberg-Institut in Frankfurt. "Haushund und Wolf unterscheiden sich zu höchstens 0,04 Prozent." Doch die Evolution hat Spuren hinterlassen. Nicht nur äußerlich gibt es mittlerweile gravierende Unterschiede. Während Wölfe sehr gut miteinander kooperieren, sind Hunde auf den Menschen angewiesen und entwickelten den sogenannten Will to please, den Wunsch zu gefallen. Längst haben wir die Fellnasen in unser Herz geschlossen. Ihre wilden Verwandten hingegen mutierten mit Beginn der Viehhaltung zu verhassten Konkurrenten. Beinahe überall auf der Welt wurden sie gnadenlos gejagt und vielerorts ausgerottet. In England verschwanden sie bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts, in Dänemark starb 1813 der letzte Wolf, in Deutschland 1904.

Mittlerweile sind die Tiere streng geschützt und die Bestände erholen sich. Im Jahr 2000 wurde offiziell wieder das erste Wolfsrudel in Deutschland dokumentiert, inzwischen leben in der Bundesrepublik 73 Rudel und wenigstens 29 Wolfspaare, eine Erfolgsgeschichte. Doch die Rückkehr der Wölfe lässt alte Ängste aufkommen. Manche befürchten, der Wolf könnte den Menschen zu nah kommen. Landwirte bangen um ihre Schafe und so mancher Jäger ärgert sich über scheues Wild. Der König des Waldes ist zurück und mit ihm die alten Vorurteile. Doch wo es Gegner gibt, gibt es auch Anhänger.

Wölfische Charakterzüge

Wölfe schüren nicht nur Ängste, sie symbolisieren auch Freiheit, Wildheit und Abenteuer. Sie werden bewundert und romantisiert für ihren Mut und ihre Schönheit. Und immer mehr Menschen träumen von einem treuen Wolfsblut an ihrer Seite. Monika Braun weiß um diese Sehnsucht. Wenn sie mit einem ihrer Hunde spazieren geht, hört sie nicht selten den Ausruf: "Mama, guck mal, ein Wolf!" Die Reaktion gefällt ihr. Denn Monika Braun züchtet in der Nähe von Trier Tschechoslowakische Wolfhunde, kurz THW, die wilden Wölfen zum Verwechseln ähnlich sehen. Ihr Rüde Igor ist ein Prachtexemplar: Mit seinen langen Beinen und dem silbergrauen Fell lässt er sich kaum von seinem wilden Vorfahren unterscheiden. Einzig die etwas zu großen Ohren verraten ihn als Hund. TWH sind das Resultat einer Kreuzung aus Schäferhund und Karpartenwolf. Neben dem Saarlooswolfhund ist es die einzige Wolfsmischung, die als eine Hunderasse anerkannt ist. Igor stammt in der sechsten Generation vom Wolf ab. Wolf-Hund- Mixe, auch Wolfshybriden genannt, stehen in Deutschland bis einschließlich der vierten Generation unter Artenschutz und zählen als Wolf. Igor gilt als Hund, obwohl er 37 Prozent Wolfsblutanteil hat, wie Monika Braun stolz erzählt.

Ab 4. März im Handel: Die Ausgabe 2/2019 von Dogs.

Ab 4. März im Handel: Die Ausgabe 2/2019 von Dogs.

Tatsächlich verfügt Igor auch über wölfische Charakterzüge und sieht nicht nur so aus. Ähnlich wie Wölfen fehlt ihm der hundetypische Wille, dem Menschen zu gefallen. "Man muss bei diesen Hunden konsequent bleiben und darf nicht zu emotional sein", sagt Braun. Sie ist fasziniert von der Ursprünglichkeit der Tiere, trotzdem ist sie angesichts des zunehmenden Hypes um Wölfe beunruhigt. "Viele züchten auch bei uns Amerikanische Wolfhunde und geben sie zu leichtfertig ab", so Braun. Amerikanische Wolfhunde, AWH, entstehen aus der Verpaarung von Husky und Timberwolf. "Es werden in Deutschland Hunde mit einem sehr hohen Wolfsanteil aus Amerika eingeführt", weiß Monika Braun. "Das sind fast reine Wölfe, Wildtiere. Die gehören nicht in private Hände." Je mehr Wolf im Hund steckt, desto schwieriger ist die Haltung. Denn je älter sie werden, desto stärker treten ihre wilden Eigenschaften in den Vordergrund: Sie zeigen sich oft ängstlich, scheu und unkontrollierbar. Die Vorstellung von einem pflegeleichten Hund im Wolfspelz scheitert allzu oft an der Realität.

Sehnsucht nach Wolfshunden

Doch die Sehnsucht nach den Wolfshunden zeigt einmal mehr, dass der Wolf polarisiert. Letztlich ist er weder Fabelwesen noch Bestie. Betrachtet man ihn ohne rosarote Brille oder irrationaler Sorge, bleibt er ein wildes Tier mit ausgeprägtem Familiensinn. Ein Raubtier, das gezeigt hat, dass es sich anpassen kann, wenn man es lässt. In Japan wünschen sich inzwischen viele den Wolf zurück angesichts immer größer werdender Rehpopulationen, die dramatische Schäden auf Feldern und in den Wäldern anrichten. Der Wolf hat eine unübersehbare Lücke hinterlassen. Ohne ihn ist das ökologische Gleichgewicht gestört.

Mehr spannende Artikel lesen Sie in der neuen DOGS!

Heft bestellen

Zum Vorteilsabo

Vierbeinige Gäste sind hier willkommen: Für einen perfekten Urlaub mit dem Tier: Die sechs schönsten Hotels für Hund und Mensch
Teneriffa - Mascots Resort: Haben Sie sich mal gefragt, ob Ihr Hund vielleicht ohne Sie Urlaub machen möchte? Ausschließlich unter seinesgleichen? Schwimmen, schlemmen, toben, massiert werden oder eine neue Frisur bekommen? Ja, das gibt es jetzt. In Las Zocas auf der Kanareninsel Teneriffa hat das erste Luxushotel samt Club für Hunde und Katzen eröffnet. Dort machen die Tiere längere Ferien oder sie werden tagesbetreut. Neben Wasserpark, Spielwiese und Indoorpool bietet das Hundeparadies Aromatherapie, Friseur und Welpentraining. Wer mag, kann im Café zuschauen, wie der Vierbeiner im Pool tollt, oder in der hauseigenen Boutique ein neues Körbchen kaufen. Wie Disneyland für Vierbeiner mit hohem Spaßfaktor. Ab ca. 25 Euro pro Tag. Infos: www.mascotsresort.com

Teneriffa - Mascots Resort: Haben Sie sich mal gefragt, ob Ihr Hund vielleicht ohne Sie Urlaub machen möchte? Ausschließlich unter seinesgleichen? Schwimmen, schlemmen, toben, massiert werden oder eine neue Frisur bekommen? Ja, das gibt es jetzt. In Las Zocas auf der Kanareninsel Teneriffa hat das erste Luxushotel samt Club für Hunde und Katzen eröffnet. Dort machen die Tiere längere Ferien oder sie werden tagesbetreut. Neben Wasserpark, Spielwiese und Indoorpool bietet das Hundeparadies Aromatherapie, Friseur und Welpentraining. Wer mag, kann im Café zuschauen, wie der Vierbeiner im Pool tollt, oder in der hauseigenen Boutique ein neues Körbchen kaufen. Wie Disneyland für Vierbeiner mit hohem Spaßfaktor. Ab ca. 25 Euro pro Tag. Infos: www.mascotsresort.com

Wissenscommunity