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Kontrollierte Gelüste: Das Sexualverhalten von Hunden: Leiden sie darunter, sich nicht fortpflanzen zu dürfen?

Sie heulen bei Nacht oder brechen aus, um einem möglichen Partner nachzulaufen, sie besteigen sich oder werden scheinschwanger - was fühlen Hunde, die nicht dürfen, wie sie wollen?

Von Kate Kitchenham

Das Sexualverhalten von Hunden: Leiden sie darunter, sich nicht fortpflanzen zu dürfen?

"Hunde werden so früh kastriert oder chemisch unfruchtbar gemacht, dass sie selten auch nur eine Ahnung von Gelüsten jenseits ihres Futternapfes entwickeln können."

Getty Images

Früher war alles anders. Hunde durften sich vermehren, wann und mit wem sie wollten. Einige wenige Glückspilze erreichten das Stadium der Fortpflanzungsfähigkeit, die Hundemehrheit aber überlebte wohl nicht einmal die Welpenzeit. Heute löst der Anblick kopulierender Hunde in der Öffentlichkeit Entsetzen und Hilflosigkeit aus. Die Folge: Hunde werden so früh kastriert oder chemisch unfruchtbar gemacht, dass sie selten auch nur eine Ahnung von Gelüsten jenseits ihres Futternapfes entwickeln können. Andere stehen unter Bewachung von Herrchen und Frauchen, jedes harmlose Techtelmechtel wird schon im Ansatz gestoppt. Ein Sexualleben für Hunde ist hierzulande eher eine Seltenheit. Doch leiden Hunde darunter, wenn wir ihre Fortpflanzung kontrollieren? Oder übertragen Menschen hier nur eigene Vorstellungen auf den Hund? Eine Spurensuche.

Sind Hunde die Hippies der Kaniden?

Vor hundertfünfzig Jahren stellte Charles Darwin fest, dass jede Existenz letztlich der Weitergabe von Erbgut dient und damit der Sexualtrieb ein großes Gewicht im Leben aller Arten einnimmt. Der Kanidenexperte Günther Bloch sieht die Angelegenheit heute differenziert: "Natürlich gibt es hypersexuelle Rüden, die es jedesmal quält, wenn eine Hündin in ihrer Nähe läufig ist. Aber die Mehrheit kann ganz gut mit der Sexkontrolle durch den Menschen umgehen." Denn das durch den Menschen auferlegte Hundezölibat liegt Kaniden nach Meinung des Forschers im Blut: "Sie leben in Sozialsystemen, in denen die Kontrolle des Sexualtriebs zum Dasein in der Gruppe dazugehört. Bei Wölfen entspricht es eher der Norm, dass nur Leittiere Zugang zur Ressource Sex bekommen."

Doch lässt sich der domestizierte Canis lupus familiaris hier überhaupt noch mit seinen wilden Vorfahren vergleichen? Für den österreichischen Verhaltensbiologen Professor Dr. Kurt Kotrschal stehen beim Sexualverhalten von Hund und Wolf die Unterschiede im Vordergrund: "Unsere hoch gezüchteten modernen Hunde sind darauf angewiesen, im Nahbereich des Menschen zu leben. Hier sind sie entstanden, deshalb sind sie kaum in der Lage, sich ohne menschliche Hilfe erfolgreich fortzupflanzen."

Das zeigte sich deutlich, als Günther Bloch drei Rudel wild lebender Haushunde in Italien beobachtete: Während das Sozialleben im Rudel erstaunlich gut funktionierte, zeigte der Leitrüde der großen Hundegruppe starken Sittenverfall bei der Fortpflanzung, und nur die Mütter zogen den Nachwuchs auf. "Hier unterscheiden sich Hund und Wolf", fasst Bloch zusammen: "Es gibt zwar auch Paarbindungen zwischen Rüde und Hündin, die zusammenleben. Aber die Beziehung ist nicht monogam wie bei den Wölfen. Ist in der Nachbarschaft eine Hündin läufig, geht der Rüde stiften, und auch die Hündin erhört gern andere Freier, wenn sie die Gelegenheit dazu hat."

Sexualverhalten des Hundes: Unterschiede zum Wolf

Jeder mit jedem, das ist undenkbar bei Wölfen. "Es sei denn", weiß Günther Bloch aufgrund seiner Feldforschungen im kanadischen Banff-Nationalpark (bekannt als "Bow Valley Wolf Behaviour Study"), "die ökologische Situation im Territorium ist gut". Für Kurt Kotrschal ist das bunte Treiben eine Folge der Domestikation: "Ein Leben im Überfluss und unter dem Schutz der Menschen hat feste Fortpflanzungsregeln überflüssig gemacht und damit zum Verlust jeglicher Geburtenkontrolle geführt."

Der Fürther Verhaltensökologe Dr. Udo Gansloßer gibt zu bedenken, dass es "interessant wäre zu vergleichen, wie sich verwilderte Haushunde verhalten, wenn die Nahrungsquellen knapp werden". Seine Vermutung: Unter erschwerten Bedingungen würden rudelinterne Fortpflanzungsgesetze bei den von Bloch beobachteten Tieren verschärft.

Die Verhaltensforscherin Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen vom Zoologischen Institut der Universität Kiel sieht auch rassebedingte Unterschiede bei der Ausprägung hündischer Lust: "Natürlich sollten wir stets vorsichtig sein und Pauschalisierungen vermeiden. Aber beim Vergleich des Sexualverhaltens zwischen Hunden mit dem Rest der Kanidenfamilie kommt es auch auf die unterschiedlichen Rassen an." So seien zum Beispiel die nordischen Hunderassen am ehesten mit den Wölfen vergleichbar: "Durch die bis vor einigen Jahrzehnten harte Zuchtauswahl auf Kooperation und das bis heute dauernde Zusammenleben in verschiedensten Gruppenstrukturen sind sie wohl besser in der Lage, soziale Gruppen variabel anzupassen und einen strengen Sittenkodex einzuhalten." Das Fazit: Nicht alle, aber viele Hunde nehmen die Dinge lässig und sind so etwas wie die Hippies der Kaniden geworden.

Wie aber sollen Menschen mit der sexuellen Freiheit von Terrier, Mops und Co. umgehen? Eine hemmungslose Vermehrung will jeder vernünftige Hundehalter verhindern. Doch was ist zu tun, wenn die alte Dame mit läufiger Dackelhündin vom aufdringlichen Ridgeback verfolgt wird oder in einem Haushalt mit vier Kindern ständig die Haustür offen steht? Hier wird es schwierig mit einer entspannten Haltung zum Thema Hundesexualität.

Verhüten, um Lust zu stoppen?

Aber welche Verhütungsmethode wird Hunden gerecht? Besonders beim Thema Kastration scheiden sich die Geister. Für Verhaltensforscher kommt eine Kastration nur für dominantaggressive Hunde oder hypersexuelle Rüden, die bei jeder Läufigkeit einer Hündin leiden, infrage: "Es gibt viele Aggressionsformen, nur die Dominanzaggression wird tatsächlich vom Testosterongehalt beeinflusst. Verhaltensstörungen wie Angstaggression oder ständiges Aufreiten sind in den meisten Fällen Gewohnheit oder Stereotypen, die durch mangelhafte Sozialisierung entstehen konnten", erklärt Verhaltensökologe Gansloßer. Auch Günther Bloch sieht den Menschen in der Verantwortung, wenn Hunde mit jedem hergelaufenen Geschlechtsgenossen Streit vom Zaun brechen oder Sex haben wollen. "Der Hund muss genau wie wir lernen, sein Verhalten zu kontrollieren. Dass ihn das situativ frustrieren kann, ist klar. Aber Frustration gehört zum Leben, die Welt ist nicht immer nur nett."

Kastration - ja oder nein?

Für Forscher stehen die Nachteile der Kastration ganz klar im Vordergrund: "Mit Entfernen der Keimdrüsen, der Orte, an denen Geschlechtshormone wie Östrogen und Testosteron gebildet werden, greifen wir massiv in den Hormonhaushalt ein", so Udo Gansloßer. "Sexualhormone korrespondieren im Körper mit vielen Hormonen. Das ist ein sehr fein abgestimmtes System, das dann aus dem Gleichgewicht kommt." Hündinnen fehlt nach der Kastration das Hormon Östrogen, ein Gegenspieler des Testosterons, das in der Nebennierenrinde produziert wird. Die Hirnanhangdrüse steuert diese Hormonproduktion, indem sie darauf achtet, dass die beiden Hormone im Gleichgewicht bleiben. "Fällt das Östrogen weg, wird unkontrolliert Testosteron produziert, diese Hündinnen können nach der Kastration dann ein männlicheres Verhalten zeigen."

Wie viele Hunde haben Sex?

Udo Kopernik, Pressesprecher des VDH, hat für DOGS überschlagen, wie viele Hunde in Deutschland mindestens ein Mal "dürfen".

5,3 Millionen Hunde leben in Deutschland. Um diesen Bestand zu erhalten, benötigen wir pro Jahr etwa 530.000 Welpen bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von zehn Jahren. Von diesem Bedarf werden etwa zwanzig Prozent aus dem Ausland gedeckt, die Tendenz dieser Importe ist steigend. Damit verbleiben 424.000 Welpen, die in Deutschland geboren und damit auch gezeugt werden.

65.000 Würfe sind nötig, bei einer durchschnittlichen Wurfstärke von sechs bis sieben Welpen pro Wurf. Da aber nicht alle Vierbeiner ein geregeltes Fortpflanzungsverhalten haben werden und vermutlich die eine oder andere Hündin auch zwei Würfe in einem Jahr haben kann, vermutet Kopernik, dass an den Würfen rund 50.000 Hündinnen beteiligt sind. Bei den Hundemännern sieht es anders aus: Da es in der Rassehundezucht üblich ist, erfolgreiche Rüden häufiger einzusetzen, wird die Zahl der am Sexualleben Beteiligten deutlich unter der der Hündinnen liegen.

Bei den Mischlingen dürfte es ähnlich sein, denn es gibt im ländlichen Raum durchaus Rüden, die sich überproportional häufig fortpflanzen, während anderen nur bleibt, die Dorfcasanovas vom eigenen Gartenzaun aus zu bewundern.

75.000 Hunde (0,14 Prozent) können sich pro Jahr in Deutschland erfolgreich fortpflanzen. Hinzu kommen natürlich die Paarungen, an denen sterilisierte Hunde beteiligt sind oder die, bei denen Trächtigkeit abgebrochen wurde.

Verhaltensforscher fordern deshalb, Hündinnen wenn überhaupt erst nach der dritten Läufigkeit zu kastrieren und Rüden mindestens zwei Jahre alt werden zu lassen. Tierärzte sehen das oft anders. Sie machen auch auf die gesundheitlichen Aspekte bei der Diskussion aufmerksam. Doch was sagt das Tierschutzgesetz? DOGS-Rechtsexperte Michael Schäfer: "Paragraf 6 des Tierschutzgesetzes lässt Geschlechtsorgan-Amputationen zu, wenn die Unfruchtbarmachung erforderlich ist, um eine unkontrollierte Fortpflanzung zu verhindern." Da die wenigsten Hunde in Deutschland Streuner sind, tritt dieser Fall selten sein, denn "Hundehalter haben die Möglichkeit, den Rüden oder die Hündin durch vorübergehendes Einsperren, Anleinen oder ständiges Beaufsichtigen zu kontrollieren", so Schäfer. "Erforderlichkeit im Sinne des Gesetzes wäre nur gegeben, wenn etwa eine Erkrankung vorliegt und diese nur durch Kastration geheilt werden kann."

Die Entscheidung, ob die Kastration mit der Fortpflanzungskontrolle im Einzelfall vernünftig begründet werden kann, muss letztendlich der Tierarzt fällen. Pauschale Empfehlungen zum Thema Kastration lehnt die auf Reproduktionsmedizin spezialisierte Fachtierärztin Dr. Anja Seefeldt deshalb ab: "Man muss immer die Situation im Blick haben." Auch der Deutsche Tierschutzbund befürwortet eine Kastration bei medizinischer Notwendigkeit und "wenn damit unerwünschte Fortpflanzung verhindert wird".

Zum Testen, ob die Kastration überhaupt der richtige Weg zu mehr Entspannung im Alltag von Mensch und Hund sein kann, bietet sich ein neues Verhütungsmittel für Rüden an: Ein Implantat der Firma Virbac dient der chemischen Kastration. "Hier wird dem Hund ein Chip unter die Haut gesetzt, der den Testosterongehalt absenkt. So kann man erfahren, ob und mit welchen Verhaltensumstellungen der Rüde auf die Kastration reagiert", erklärt Dr. Anja Seefeldt - Kosten um 85 Euro. Für Hündinnen gibt es ebenfalls eine hormonelle Läufigkeitsverhinderung, "allerdings mit möglichen Nebenwirkungen wie Gebärmutterentzündung." Von Sterilisationen rät die Tierärztin bei Hündinnen ab: "Mit jedem Deckakt werden Keime eingeschleppt, dazu muss man das Verletzungsrisiko einkalkulieren, zum Beispiel bei extremen Größenunterschieden."

Welcher Verhütungsschutz passt, hängt also von der Persönlichkeit des Tieres ab, seiner Lebenssituation - und wie tolerant sich sein Mensch zeigt. "Sexualverhalten gehört zum Hund dazu. Wer damit ein Problem hat, sollte sich keinen Hund halten", findet Kurt Kotrschal.

Eingriff in das Hormonsystem

Besonders skeptisch sehen Verhaltensforscher Frühkastrationen: "Bei früh kastrierten Tieren sorgt der Wegfall der Hormone für einen Entwicklungsstopp im Gehirn, da während der Pubertät durch den Hormonschub die Hirnarchitektur umgebaut, die Leitungsgeschwindigkeit der Axone verbessert und neue Verschaltungswege geschlossen werden", weiß Dr. Udo Gansloßer. "Nehmen wir einem Hund noch vor diesem Stadium die Geschlechtsorgane, findet diese Hirnentwicklung nicht oder nur abgeschwächt statt, es kommt zu einer permanenten Verjugendlichung." Werden die Keimdrüsen erst später im Hundeleben entfernt, können Hunde aber meist ihr normales Sexualverhalten ausbilden. So kommt es dazu, dass Rüden nach ihrer Kastration weiter den dreibeinigen Stand beim Markieren zeigen oder auch weiterhin decken, wenn sie es vorher einmal gemacht haben. Eine Verhaltenskorrektur, wie sie sich viele Hundehalter von einer Kastration erhoffen, bleibt deshalb oftmals aus.

Scham des Menschen

Doch warum tun Menschen sich überhaupt so schwer beim Anblick kopulierender Hunde, zumal in der Öffentlichkeit? Der niederländische Biologe Midas Dekkers hat sich im Lauf seiner Forschungszeit besonders der Beziehung zwischen Mensch und Haustier gewidmet. Eine seiner Theorien lautet: Haustiere sind für Menschen häufig wie kleine Kinder, die zu ihrer Erheiterung fröhlich über die Wiese tollen sollen. Spätestens mit dem Beginn der Pubertät wird aber deutlich, dass es auch bei Hunden Männchen und Weibchen gibt, die eigene Interessen verfolgen und sich gern fortpflanzen würden. Doch nicht immer ist die Paarungshaltung ernst gemeint, gibt der Kanidenforscher Günther Bloch zu bedenken: "Das spielerische Aufreiten ist eine Sequenz aus dem normalen Sexualverhalten, das schon ganz kleine Welpen zeigen. Doch beim Spielen kommt es ständig zur Vermischung von mehreren Funktionskreisen. Eine Jagdsequenz wird von einer Kampfsequenz abgelöst, die wiederum in ein Aufreiten mündet. Das ist ganz normales Hundeverhalten, da sollten sich Menschen heraushalten!"

Bespringt der eigene Hund aber Artgenossen, die seinem Geschlecht angehören, ist für manche Halter die Schmerzgrenze erreicht. Dorit Feddersen-Petersen erklärt das so: "Für einige ist der Hund ein erweitertes Ich. Die nehmen so ein Verhalten sehr persönlich und schämen sich in Grund und Boden." Dabei denken sich die Tiere überhaupt nichts dabei. Udo Gansloßer: "Homosexualität gehört im Tierreich zum festen Verhaltensrepertoire sozialer Tiere."

Zum Problem wird Aufreiten erst dann, wenn ein Hund ständig das Tischbein, Menschen oder wehrlose Kollegen zur Triebabfuhr auswählt. "Dann müssen wir eingreifen", meint Günther Bloch. Sein Vorgehen in so einem Fall ist resolut: "den übersteuerten Schnösel in die Schulterpartie stoßen, von seinem Opfer ziehen und die ganze Aktion mit der deutlichen Ansage Nein! verbinden. Das machen Sie fünf bis sechs Mal, dann hat der Hund das verstanden. In einem Familienverband würden die Leittiere extremes Aufreiten auch nicht durchgehen lassen. Da brauchen hormonübersteuerte Jungspunde auch die deutliche Ansage von uns."

Sexualverhalten des Hundes: Gummipuppen für Hunde?

Doch weil sich manche Hundebesitzer mit dieser Aufgabe der Korrektur überfordert fühlen oder sogar sichtlich stolz auf ihren Macho auf vier Beinen sind, haben findige Geschäftsleute ein besonderes Spielzeug für Hunde entwickelt. So wirbt die französische Firma Inouy mit dem Slogan "sex toys for trendy dogs", und unter www.hotdollfordog.com kann die stabile Puppe in Größe M für 399 Euro bestellt werden. Günther Bloch findet das nicht so problematisch: "Wenn dadurch das Sofakissen verschont wird und es den Hund glücklich macht - warum nicht?" Auch Udo Gansloßer hält nichts davon, den Sexualtrieb nur zu unterdrücken: "Neben einem lockeren Umgang mit der Hundesexualität muss dem Tier aber ein Ausgleich geboten werden. Viele Hunde sind so sexbesessen, weil sie keine befriedigenden Tätigkeiten kennengelernt haben." 

Ein gesundes Maß an Lust sollten wir unseren Hunden also zugestehen - die meisten der sexuellen Handlungen auf der Hundewiese bleiben dank Kastration oder Sterilisation ohnehin ohne konkrete Folgen. Nur einer hat nach Erfahrung von Udo Kopernik, Pressesprecher des Verbands für das Deutsche Hundewesen, den größten Fortpflanzungserfolg: "In ländlichen Gegenden ist das immer noch der klassische Dorfcasanova." Die Wahrscheinlichkeit, dass er im Lauf seines Stromerlebens auf einige Hundedamen trifft, die ebenso wie er unkontrolliert im Revier herumlaufen, ist relativ hoch.

Den Menschen als Partner entdecken?

Auf der Rangliste der Sexaktivität wird die hündische Landbevölkerung von Rassehunden gefolgt, die sich mit dem Segen ihrer Besitzer fortpflanzen. Wenn sie denn wollen: "Leider haben Hündinnen auch mal ihren eigenen Kopf und entscheiden sich gegen eine Affäre, die für sie arrangiert wurde", weiß Professor Kotrschal aus Erfahrung. Er wollte seine Bolita zum zweiten Mal decken lassen. "Aber sie hat den armen Kerl nicht an sich herangelassen."

Apropos Vorlieben und Abneigungen eines Hundes: Wie nimmt Bolita eigentlich ihr Herrchen wahr? Als geschlechtsloses Wesen? Oder sogar als Paarpartner, den sie ebenfalls kontrollieren möchte? Der Verhaltensbiologe hat sich in den letzten Jahren im Rahmen seiner Forschungsgruppe Mensch-Tier-Beziehung intensiv mit der Geschlechterbeziehung von Mensch und Hund auseinandergesetzt und festgestellt, dass Hunde durchaus deutlich zwischen Frauen und Männern unterscheiden. Der Grund für diese artübergreifende Geschlechtererkennung sieht Professor Kotrschal im ähnlichen biologischen und psychologischen Hintergrund von Mensch und Hund. Ob ein Leben in Sippe oder Rudel, die Unterschiede sind nicht groß, der Hund hat dadurch wenig Probleme, sein Verhalten dem Geschlecht und der Persönlichkeit der Menschenpartner anzupassen.

So konnte Kotrschal in einer aktuellen Studie bestätigen, dass Rüden je nach Besitzergeschlecht andere Verhaltensmuster zeigen. Während sie bei Frauchen zu Verteidigungsverhalten neigen, pflegen sie zu Herrchen meist ein kumpelhaftes Verhältnis. Außerdem "wissen Rüden mit ziemlicher Sicherheit, in welchem Zyklusstadium Frauchen sich befindet", hat der Forscher festgestellt. Schwangerschaften können von den Hunden ebenfalls wahrgenommen werden, meint Verhaltensökologe Udo Gansloßer: "Viele Frauen haben beobachtet, dass sich ihr Rüde während einer Schwangerschaft misstrauisch und wachsam verhalten hat." Doch ändern Hunde ihr Verhalten, sobald aus Kindern Jugendliche werden, die dank ihrer eigenen hormonellen Veränderung nach Mann oder Frau duften? Kurt Kotrschal sieht keine Gefahr: "Kinder werden von Hunden nicht ernst genommen oder sie behaupten sich allmählich gegenüber dem Hund." Ein schleichender Prozess, der bei gut sozialisierten Tieren kein Problem darstellt.

Eifersucht

Viel schwieriger kann es werden, wenn Hunde in einer Paarbeziehung zum Menschen leben und sich ein neuer Lebensgefährte zwischen das enge Mensch-Hund-Duo drängt. "Ein Rüde, dem ein menschlicher Liebhaber vorgestellt wird, kann entsetzt und eifersüchtig reagieren", meint Gansloßer. "Für ihn ist Frauchen seine soziale Gefährtin." Deshalb muss der Zuzug eines neuen Partners in das Leben eines Mensch-Hund-Duos gut vorbereitet erfolgen, rät der Forscher, "am besten mit Hilfe eines erfahrenen Trainers".

Und wie fühlt sich der Hund, wenn er dann miterleben muss, dass Menschen ausleben dürfen, was ihm versagt bleibt? Wahrscheinlich nichts, glauben die Verhaltensforscher, denn zum Sexualtrieb gehört immer ein Objekt der Begierde. Und das sind Menschen für Hunde im Normalfall nicht. Waren sie früher also besser dran, als Hunde sich ohne jegliche Einschränkung miteinander vereinigen konnten? Günther Bloch wiegelt ab: "Hunde und Wölfe haben bestimmt Spaß an Sex. Aber ob sie ihn brauchen, um glücklich zu sein, hängt von uns ab: wie entspannt wir mit ihrer Sexualität umgehen und ob wir ihnen einen anderen Sinn im Leben bieten können. Wichtiger als viel Sex ist für Hunde, anerkanntes Mitglied einer starken, harmonischen Gemeinschaft zu sein."

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