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Virales Video: Ein Mann rasiert sich im Zug. Alle lachen. Doch die Geschichte dahinter ist traurig

Das Netz spottet über einen Mann, der sich im Zug rasiert. Dann stellt sich heraus: Der Mann ist obdachlos und kämpft um seine Zukunft. Ein Lehrstück über Social Media, das Leben und den Umgang mit Menschen.

Anthony Torres

Anthony Torres wurde unfreiwillig zum Internetphänomen

Picture Alliance

Vor einigen Tagen verbreitete sich ein Video aus den USA über die sozialen Netzwerke. Darin zu sehen war ein Mann mittleren Alters in einem Zug. Er rasiert sich während der Fahrt, mit Klinge und Schaum. Ein anderer Fahrgast filmte ihn, stellte das Video online, mehr als zwei Millionen klicken es auf Twitter und Facebook an. Was dann folgt, ist eine Lektion – für Social Media, für das Leben, für den Umgang mit anderen Menschen.

Verschiedene Medien in der ganzen Welt griffen das kuriose Video auf. Der User, der es gefilmt und gepostet hatte, sagte: "Ich fahre seit fast 20 Jahren mit dieser Linie und es ist eines der seltsamsten Dinge, die ich in dieser Zeit gesehen habe." Viele machen sich über den Mann im Zug lustig. "Kann ihm nicht jemand mal einen elektrischen Rasierapparat schenken?", fragte jemand. "Er würde wohl auch noch im Zug duschen, wenn es dort Wasser gäbe", lästert ein anderer Twitter-User. Das sind noch die geistreicheren Kommentare.

Über Nacht ist der Mann mit der Rasierklinge eine kleine Internet-Berühmtheit – unfreiwillig. Nachdem er ohne sein Wissen gefilmt wurde, sprach das Netz über ihn. Und zwar nicht besonders schmeichelhaft. Irgendwann bekam er selbst Wind davon und entschloss sich, die ganze Geschichte dahinter zu erzählen. Das war der Punkt, an dem allen, die sich über ihn lustig gemacht hatten, das Lachen im Hals stecken blieb.

Obdachloser wird zum Gespött im Netz

Der Name des Mannes im Zug ist Anthony Torres. "Ich hätte nie gedacht, das ich mal viral gehen würde und dass sich Menschen so über mich lustig machen würden", erzählte er der Nachrichtenagentur AP. "Mein Leben ist komplett ruiniert. Nur deshalb habe ich mich im Zug rasiert." 

Der 56-jährige New Yorker hat aktuell keinen festen Wohnsitz und hatte zuvor einige Tage in einem Obdachlosenheim verbracht. Dafür schämt sich Torres, doch endlich hatte er den Mut aufgebracht, seine Familie um Hilfe zu bitten.

Als er auf der Fahrt von New York nach New Jersey gefilmt wurde, war er gerade auf dem Weg zu seinem älteren Bruder Thomas, das Zugticket hatte ihm ein anderer Bruder bezahlt. "Ich möchte nicht verraten, dass ich obdachlos bin", gesteht Torres. "Darum habe ich mich rasiert." Er habe "vorzeigbar" aussehen wollen.

Gemeinsam mit seinem Bruder hat er sich nun an die Medien gewandt, um den Hintergrund des Videos klarzustellen. "Vielleicht haben die Menschen mehr Mitgefühl, wenn sie wissen, was mein Bruder durchgemacht hat", sagte Thomas Torres der AP. "Es ist hart, sein Leben zu sehen." Anthony habe gesundheitliche Probleme und lebe schon lange auf der Straße.

Anthony Torres (r.) und sein Bruder Thomas

Anthony Torres (r.) und sein Bruder Thomas

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Ein Lehrstück über Social Media und das Leben

So wird aus dem scheinbaren Exzentriker, der sich in der Öffentlichkeit rasiert, eine tragische Figur. Natürlich fand auch die Geschichte von Anthony Torres ihren Weg in die sozialen Netzwerke und löste dort, wo man ihn eben noch verspottet hatte, beschämte Reaktionen aus. "Wir kennen nie die ganze Geschichte. In Zeiten von viralen Videos können unschuldige Aktionen Menschen schaden. Lasst uns vorsichtiger sein", mahnt eine Userin. "Seid freundlicher zueinander. Jeder Mensch kämpft einen Kampf, von dem ihr nicht wisst", schreibt jemand.

In der rasanten Social-Media-Welt verflüchtigen sich solche Erkenntnisse leider oft so schnell, wie sie auftauchen. Trotzdem zeigt die Geschichte von Anthony Torres nicht nur, wie falsch es sein kann, Menschen auf den ersten Blick in eine Schublade zu stecken.

Sie macht auch die Gefahren deutlich, wenn fremde Menschen ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung an öffentlichen Plätzen gefilmt werden und diese Videos sich dann online verselbstständigen. Der User, der Anthony Torres im Zug gefilmt hat, hat die entsprechenden Posts mittlerweile gelöscht.

Vielleicht aber kann das Internet noch etwas wieder gutmachen bei Anthony Torres. Auf der Spendenplattform "GoFundMe" wurde eine Crowdfunding-Aktion für den Obdachlosen gestartet. Mit dem Geld, das dort zusammenkommt, soll Torres ein neues Leben beginnen können. Bisher wurden innerhalb von zwei Tagen schon mehr als 36.000 Dollar gespendet. So kann die öffentliche Demütigung für Anthony Torres vielleicht doch noch der Beginn von etwas Gutem werden.

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