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Kampf ums Überleben: Überschuldet und obdachlos: Das traurige Leben von New Yorks Taxifahrern

Das Leben als Taxifahrer in New York galt lange als Eintrittstor in die Mittelschicht Amerikas. Doch mittlerweile plagen viele Taxifahrer Geldsorgen. Einige sind bereits obdachlos. Der Kampf um Passagiere wurde längst zum Kampf ums Überleben.

Das Leben wird immer härter für New Yorks Taxifahrer

Das Leben wird immer härter für New Yorks Taxifahrer

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Sie gehören zu New Yorks Stadtbild wie die Wolkenkratzer und der Central Park: Mehr als 13.000 der ikonischen gelben Taxis - genannt Yellow Cabs - rollen jeden Tag durch die Straßen der Stadt, die niemals schläft. Ein Platz hinterm Steuer galt lange Zeit als Tor zur amerikanischen Mittelschicht. Vor allem für jene Fahrer, die eine der begehrten 11.787 Plaketten (Medaillon) besaßen, die ihnen erlaubte, ein eigenes zu fahren, statt es von jemanden zu leasen.

Weil die Zahl der Medaillons begrenzt ist - die Zahl wurde per Gesetz auf 11.787 begrenzt -, die Nachfrage aber immer weiter stieg, schnellten die Preise immer höher. 2014 wurde ein einzelnes Taxi-Medaillon für die Rekordsumme von 1,3 Millionen verkauft. So wurden die Plaketten über die Jahrzehnte zur sicheren Altersvorsorge. Doch mittlerweile werden die Lizenzen für einen Bruchteil verkauft: Im Januar wechselten sieben Stück für jeweils 200.000 US-Dollar den Besitzer. Ein herber Absturz. Für viele Taxifahrer bedeutet das den Ruin, denn die meisten mussten riesige Kredite aufnehmen, die sie nun nicht abzahlen können.

Einige Taxifahrer sind bereits obdachlos

Doch es ist nicht nur der Wertverlust der Marken, der den Taxifahrern zu schaffen macht. Es ist auch der immer härtere Wettbewerb. Konkurrierten bis vor ein paar Jahren nur die Taxifahrer untereinander, drängen nun noch weitere Player wie Uber oder Lyft auf den Markt. Die rapide steigende Zahl von Vehikeln macht ein anständiges Leben in einer teuren Stadt wie unmöglich. "Früher arbeitete man neun Stunden und verdiente 200 US-Dollar", sagt Noureddine Afsi dem US-Magazin "Wired". Heute könne man froh sein, wenn am Ende der Schicht "50 bis 60 Dollar" hängen bleiben, erklärt der Mann, der seit 2001 in New York Taxi fährt.

Uppkar Thind, 46 Jahre alt, ein Immigrant aus Indien, bezahlte 2006 357.000 US-Dollar für eine Plakette. Das Geld lieh er sich bei Verwandten, Freunden und der Bank. Doch weil das Geld hinten und vorne nicht mehr reicht, fährt er nun jeden Tag 11 bis 13 Stunden. "Ich arbeitete wirklich hart", sagte er der "New York Times", "ich habe meinen Amerikanischen Traum erreicht. Doch er wurde zum Albtraum."

Einer seiner Kollegen berichtet ähnliches: Beresford Simmons sitzt seit mehr als 50 Jahren hinterm Steuer, mit 71 Jahren hatte er nun eine Herz-OP und ist auf Dialyse angewiesen. Eine Auszeit kann er nicht nehmen, er ist zu sehr auf das Geld angewiesen. Manche würden bereits ihre Häuser verlieren, weil sie nicht mehr in der Lage sind, die Raten abzustottern. Anderen geht es noch schlimmer: "Ich kenne Taxifahrer, die bereits heute obdachlos sind", so Simmons. Das Taxi, das einst ein Versprechen auf ein besseres Leben war, wird nun zur Fessel.

"Stoppt Ubers Gier"

Der Druck wächst seit Jahren, Besserung ist kaum in Sicht. Weil einige Taxifahrer offenbar keinen Ausweg mehr sahen, kam es bereits zu Suiziden. Am vergangenen Mittwoch gedachten viele Kollegen den Verstorbenen und platzierten vier symbolische, mit weißen Blumen gesäumte Särge vor den Stufen der New York City Hall, um die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen. "Hört auf uns zu Sklaven zu machen", schrien sie, "Stoppt Ubers Gier".

Hierzulande ist das Unternehmen beinahe unbekannt, in den USA ist der Smartphone-fokussierte Dienst dagegen milliardenschwer und bringt die ganze Taxibranche ins Wanken. Denn seit einigen Jahren konkurrieren erfahrene Taxifahrer, die jede Ecke ihrer Stadt kennen, mit günstigeren, häufig unerfahrenen Fahrern, die sich teilweise nur in ihrer Freizeit hinters Lenkrad setzen. Während die Zahl der Taxis jedoch begrenzt ist, ist die Zahl der Uber-Fahrer unreguliert. Das schafft ein Ungleichgewicht. Zum Vergleich: Zum Start 2011 gab es 105 Uber-Fahrzeuge, 2015 waren es schon 20.000. Mittlerweile gibt es mehr als 63.000 Black Cars, die für Uber, aber auch andere Dienste wie Lyft tätig sind.

Die große Zahl geht zu Lasten aller Fahrer, die nun mit Niedriglöhnen immer länger arbeiten müssen. Es ist ein Teufelskreis. "Es geht nicht mehr um den Wettbewerb. Es geht ums Überleben", sagt Taxifahrer Afsi.

Die Stadt muss einschreiten - aber wie

Die Branche hofft nun, dass die Stadt angesichts der jüngsten Reihe von Selbstmorden die Bremse zieht und die Industrie reguliert. Eine Möglichkeit wäre eine Begrenzung der Fahrzeuge, Uber ist natürlich dagegen. Je mehr Autos auf den Straßen unterwegs sind, desto mehr verdient der Konzern.

Eine andere Möglichkeit, zumindest die Taxifahrer zu entlasten, wäre eine Anpassung der Plaketten: Einige Politiker schlugen etwa vor, künftig zwei Fahrzeuge unter einer Plakette fahren zu lassen, was den Wert der Medaillons erhöhen würde. Andere Politiker fordern eine jährliche Gebühr für jedes Fahrzeug, das seine Dienste App-basiert wie bei Uber zur Verfügung stellt.

Klar ist nur: Selbst wird sich der Markt nicht regulieren. Konzerne wie Uber haben kein Interesse daran, die Einstiegshürden zu erhöhen. Wenn die Politik nicht einschreitet, verliert New York nicht nur eines seiner bekanntesten Wahrzeichen. Es stehen auch die Existenzen tausender Männer und Frauen auf dem Spiel.

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