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Frauenverachtung: "Arsch oder Mund auf, Kleines" - darum lesen diese Frauen sexistische Raptexte vor

Machos und schwere Jungs regieren den Deutschrap und drücken in ihren Texten ihren Hass aus. Frauen werden in den Songs benutzt, misshandelt, unterdrückt. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes lässt Frauen solche Liedzeilen vorlesen – und das wirkt sehr verstörend.

Plakat mit Gesichtern von Frauen

Mit der Kampagne #UnhateWomen macht Terre des Femmes auf die sprachlichen Aggressionen aufmerksam, die Frauen zum Beispiel in Songtexten widerfahren

Steter Tropfen höhlt den Stein, das wussten schon die alten Römer. Und Sprache formt unser Denken sowie unser Bewusstsein, da sind sich nicht nur viele Wissenschaftler sicher. Was also passiert, wenn einem täglich in Songtexten Gewalt an Frauen entgegenschallt? Wenn Zeilen wie "Bring deine Alte mit, sie wird backstage zerfetzt, ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz" (Gzuz, "Was hast du gedacht") ganz normal werden. Oder Worte wie "Die Bitches heute wollen Jungfrau bleiben? Zwei Optionen: Arsch oder Mund auf, Kleines" (Kollegah & Farid Bang, "Dynamit") von Kindern und Teenagern mitgesungen werden. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes zeigt in einem Videoclip, wie verstörend frauenfeindliche Zeilen im Deutschrap klingen, wenn sie einmal von Frauen dargeboten werden.

Kunst muss provozieren, Kunst kann mehr als Spuren von Ironie und Satire enthalten. Das macht ihr Wesen aus. Aber manche Songtexte sind einfach keine Kunst oder Provokation, sondern verbreiten lediglich Verachtung und Gewalt. Kollegah und Farid Bang haben es 2018 erlebt, als ihr Album "JBG 3" als jugendgefährdend indiziert wurde und schließlich zur Abschaffung des Echos führte, ein Musikpreis, der die Verkaufszahlen repräsentierte. Die Zeile "Mein Körper definierter als vom Auschwitzinsassen" in dem Song "0815" war damals der Grund, diese Konsequenzen zu ziehen. Farid Bang entschuldigte sich damals via Facebook.

Nachdem uns tausende Nachrichten von unseren Hörern jeglicher Religion und Herkunft erreicht haben, die uns bestätigten,...

Gepostet von Farid Bang am Montag, 2. April 2018

Die Kritik ist angekommen, doch Frauen werden immer noch gedisst

Die Aufmerksamkeit bei dieser textlichen Entgleisung, die das Überschreiten jeder ethischen Grenze in "0815" bestrafte, war wichtig und richtig. Gut zwei Jahre sind seitdem vergangen. Die meisten der im #UnhateWomen-Video zitierten Textstellen sind zwischen 2012 und 2018 veröffentlicht worden, also bis zu dem Zeitpunkt, als zum ersten Mal eine Konsequenz gezogen wurde, die mehr Aufmerksamkeit erregte als eine Indizierung. Lediglich die letzte im Video zitierte Textstelle aus "Fame" von Fler ist deutlich nach dem Eklat um Kollegah & Farid Bang entstanden, der Song kam Ende Oktober 2019 raus.

Fler fiel zuletzt in der vergangenen Woche unangenehm auf: Wüste Beschimpfungen und Drohungen gegen den Komiker Shahak Shapira und gegen eine Frau, die sich als Feministin zu erkennen gab, hatten die Frage aufgeworfen, wie schnell aus Songtexten Realität werden kann. Die Frau hatte bei Instagram auf die Kampagne und Fler verlinkt. Der griff daraufhin die Frau an: "ich kann ja mal Täter werden wenn du mir weiter auf die Eier gehst." Die Polizei ermittelt in diesem Fall.

Die Rap- und Hip-Hop-Szene ist zum größten Teil eine männliche Domäne und die meisten ihrer erfolgreichsten Musiker sind machogeprägt. Wer sich die 25 besten deutschen Rapper bei "Popkultur.de" ansieht, stellt fest, dass die ersten Plätze von den schwersten Jungs belegt werden. Capital Bra, Kollegah, Bushido, Sido, Farid Bang rangieren auf Platz 1 bis 5, die "Intellektuellen" wie Marteria, Samy Deluxe und Cro hingegen tummeln sich auf den Plätzen 23, 24 und 25. Die Liste spiegelt wieder, welche Kennzeichen diese Musikrichtung prägen: Härte, dicke Autos und dicke Hosen. Daran wird und soll sich auch gar nichts ändern. In eine andere Liga aber gehören menschenverachtende Texte – und das sind entwertende Texte über Frauen, die von der "Mami" bis zur "Bitch" sprachlich missbraucht werden.

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"Sexismus gilt immer noch als Kavaliersdelikt"

"Als weiblicher Hip-Hop-Fan kann ich mir diese Texte nicht anhören. Ich höre lieber Künstlerinnen und Künstler, die in ihrer Musik keinen Sexismus verbreiten", sagt Lina Burghausen der Deutschen Presse Agentur (DPA). Sie ist Musikmanagerin und arbeitet unter anderem mit vielen Rapperinnen zusammen. Burghausen sieht das Problem unter anderem in der gesamten Branche: "Man ist sich seit langem einig, dass Rassismus nicht geht. Aber Sexismus gilt immer noch als Kavaliersdelikt." Das betreffe aber nicht nur den Hip-Hop, sondern auch Schlager und Popmusik.

Verbale Grenzüberschreitungen gehören zwar zu bestimmten Rapgenres dazu, erklärt Sina Nitzsche vom European Hiphop Studies Network an der Ruhr-Universität Bochum der DPA. "Die performative Grenzüberschreitung, Gewaltverherrlichung und Herabsetzung verleihen den Künstlern eine gewisse Authentizität." Nitzsche warnt aber auch: Sprache schaffe Realität. Die Gefahr, dass Gewalt und Frauenhass so normalisiert würden, sei groß.

Steter Tropfen höhlt den Stein.

mit DPA

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