HOME

Modellversuch: Die Gemeindeschwester soll's richten

Der drohende Ärztemangel zwingt zu neuen Modellen: Die "Halbgötter in Weiß" sollen einen Teil ihrer Aufgaben abgeben. Ärztliche Lobbys wittern Entmachtung durch eine "Frau Dr. Krankenschwester" und wettern gegen solche "Medizin light".

Von Brigitte Zander

Kerstin Arndt, Gemeindeschwester im sächsischen Geringswalde, packt morgens gegen halb acht in der Hausarztpraxis ihre Arbeitstasche: Patientenmappen, Blutdruck- und Blutzuckermessgerät, vorbereitete Laborkarten, Laptop, Fotoapparat, und das Handy, um Probleme vor Ort gleich mit dem Doktor zu klären. Außerdem nimmt sie heute alle Utensilien für die geplante Ohrenspülung bei einer bettlägrigen Patientin mit, sowie die von Dr. Stolz gestern noch unterschriebenen Rezepte. Dann braust die 50jährige in ihrem Skoda ins nächste Dorf.

Der Arzt wird entlastet

Sechs Adressen stehen heute Vormittag auf ihrem Besuchsprogramm, das sie gestern Abend noch mit dem Doktor abgesprochen hat. Der alte Herr P. braucht wieder eine Schmerzinjektion wegen seiner akuten Rückenschmerzen. Bei einer 72jährigen multimorbiden Frau will sie das Schachtelchaos in der Hausapotheke sortieren, Abgelaufenes ausmisten und den Bestand im Laptop auflisten. Einen Ausdruck bekommt der Gemeindeapotheker, um mögliche Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Medikamenten zu beurteilen. Bei den nächsten Patienten müssen routinemäßig Blut-, Puls-, Zuckerwerte gemessen und Verbände gewechselt werden. Das offene Bein eines Kranken gefällt ihr gar nicht. Schwester Kerstin macht ein Foto, um die Wunde dem Doktor zu zeigen.

Während sie von einem immobilen Kranken zum nächsten fährt, kann Dr. Uwe Stolz in Ruhe seine Sprechstunden abhalten. 1700 Patienten suchen monatlich Hilfe in seiner Gemeinschaftspraxis, der einzigen Anlaufstelle für Kranke aus mehreren Dörfern im Radius von 20 Kilometern.

Brisantes Modellprojekt

Diese Arbeitsteilung zwischen Arzt und einer qualifizierten Gemeindeschwester macht viel Sinn, ist aber im deutschen Gesundheitssystem keinesfalls normal. Schwester Kerstin und Doktor Stolz beteiligen sich an einem höchst brisanten Modellprojekt, das in diesem Frühjahr mit sechs hausärztlichen Praxen in Sachsen gestartet ist und bei ärztlichen Standesorganisationen in ganz Deutschland für Aufregung sorgt.

Viele "Halbgötter in Weiß" fürchten um ihre Spitzenstellung im Gesundheitssystem, wenn es zur Regel wird, dass rangniedere Mitarbeiter der medizinischen Berufsskala originäre ärztliche Arbeiten übernehmen. "Eben eine Machtfrage", sagt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung KBV.

Die Schwester setzt die Spritze

Anlass zu den "knallharten Verteilungskonflikten" (so die "Ärztezeitung") ist das jüngste Gutachten des Sachverständigenrates, das am Sockel der medizinischen Hierarchie rüttelt. Die Gesundheitsweisen fordern langfristig mehr Rechte für nicht-ärztliche Berufe und deren entsprechend weitere Qualifizierung. Um die Versorgung der Patienten angesichts des drohenden Ärztemangels zu sichern und generell zu verbessern, sollen auch andere Mitarbeiter der Heilbranche selbständig Tätigkeiten ausüben, die bisher den Ärzten vorbehalten waren. Wie Spritzen setzen, Wunden behandeln, EKG's anlegen, bestimmte Medikamentengruppen und Hilfsmittel verordnen, Laborbefunde interpretieren, erste Diagnosen stellen, und dokumentieren.

Nach Ansicht der Sachverständigen könnten Pflegekräfte die eigenständige Verantwortung für ihre Klienten übernehmen. Klinikärzte sollten sich weiter spezialisieren und mit Assistenten und anderen Berufsgruppen arbeitsteilige Behandlungsteams bilden. Fall-Manager würden die einheitliche Krankenbetreuung über Sektorengrenzen hinweg organisieren. Bisherige Arzthelfer müssten weitergeschult und neue Medizin-Berufe wie klinische Codier-Assistenten etabliert werden, fordern die Sachverständigen.

Gemeindeschwester-Test weckt Interesse

Das sächsische Modell mit Schwester Kerstin Arndt ist einer der ersten Versuche, das Gesundheitssystem umzukrempeln. Mit Erfolg laufen ähnliche Forschungsprojekte bereits in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Auch Sachsen-Anhalt plant einen Gemeindeschwestern-Test. Entwickelt und durchgeführt werden die Projekte vom Institut für Community Medicine der Universität Greifswald. "Bisher stößt das Konzept auf beste Resonanz", sagt die wissenschaftliche Koordinatorin Dr. Neeltje van der Berg, die bereits Nachfragen von Gesundheitsministerien in Schleswig Holstein und Rheinland Pfalz erhielt.

Die Ossis kennen den Beruf einer festangestellten Gemeindeschwester schon aus der DDR. Und sie erinnern sich an den kultigen Fernsehfilm aus der DEFA-Mottenkiste über eine solche patente, liebenswerte "Schwester Agnes", die mit ihrer "Schwalbe" über die Dörfer knatterte und überall helfend eingriff. Diese populäre Figur der "Schwester Agnes" wurde das Synonym für die moderne Gemeindeschwestern-Idee. Die heißt nun ziemlich gequält: "Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Health-gestützte Systemische Intervention". AGnES eben. Manche sagen auch Betreuungsassistentin.

Patienten sind begeistert

Die Patienten sind begeistert, weil "jetzt öfter einer vorbei kommt und Zeit zum Reden hat". Die Hausärzte in den unterversorgten Regionen begrüßen die Entlastung, die in der Testphase von örtlichen Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen, Sozialministerien, und der EU finanziert wird. Mancherorts übernimmt "Schwester Agnes" schon die Hälfte der Hausbesuche.

Konsequent weitergeschult und mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet darf sie nun mehr erledigen als die Standardarbeiten einer Schwester. Sie macht Gewichtskontrolle und Ernährungsberatung, eine Anamnese der Hausapotheke, kümmert sich um das häusliche Umfeld der Patienten bis hin zu den Stolperfallen in der Wohnung. Schwester Agnes hält Kontakt zu den Verwandten, lokalen Apotheken und ambulanten Pflegedienstes vor Ort. Das Notebook ist immer dabei. Und wenn sie nicht weiter weiß, kann sie den Doktor in der Praxis anrufen, anmailen oder per Videokonferenz ins Krankenzimmer holen.

Arzt behält die Kontrolle

"Ich habe immer noch den Hut auf", sagt Doktor Stolz, Vorstandsmitglied des Hausarztverbandes Sachsen und Chef von Schwester Arndt zufrieden. Westliche Kollegen reagieren eher skeptisch. "Ärztliche Verantwortung ist nicht teilbar", protestiert der Hartmannbund-Vorsitzende Kuno Winn. Eigenständige kurative Kompetenzen für Pflegeberufe lehnt er kategorisch ab. KBV-Chef Andreas Köhler hegt Bedenken, die hausärztliche Versorgung schleichend durch "Barfußmedizin" zu ersetzt: "Die Haftungsfragen sind völlig ungeklärt."

Auch Hellmut Koch, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, warnt vor einer "konkurrierende Berufsgemeinschaft". Die Qualität der Patientenversorgung leide, wenn daran zu viele beteiligt seien. Trotzdem laufen in einigen Münchner Kliniken Versuche, dem Pflegepersonal mehr ärztliche Aufgaben zu übertragen. Deren Routinejobs wie Essenausteilen sollen wiederum an billigere Service-Helfer delegiert werden. Am Hochschul-Klinikum rechts der Isar entlasten versuchsweise Stations- und Dokumentations-Assistenten die Ärzte.

Auf der Suche nach neuen Versorungsformen

Wer übernimmt künftig welche Aufgaben in der Patientenversorgung? Das wird das Generalthema des Ärztetages im kommenden Jahr in Ulm sein. Angesichts des drohenden Ärztemangels müssen neue Versorgungsformen gefunden werden. Wobei viele Fragen offen sind: Was kann der Arzt delegieren? Was wird eigenständig von anderen Gesundheitsberufen bearbeitet? Wo liegt überhaupt die Kernkompetenz des Arztes? Und wer zahlt, wenn der Kassentopf neu verteilt wird?

Dabei schielen die deutschen Gesundheitspolitiker ins Ausland, wo die gescholtenen "Mediziner light" längst Realität sind. In den USA, Kanada, Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und Skandinavien praktizieren längst "Nurse Practioners" (NP's), eigenständig arbeitende Pfleger/innen mit weit reichenden Befugnissen. Sie stellen Diagnosen, verschreiben Medikamente und überweisen Patienten zu Facharztpraxen und Kliniken. Daneben agieren Physician Assistants (PA's) die ein zweijähriges Medizinkurzstudium absolviert haben. Danach dürfen sie Diagnosen stellen, Laboruntersuchungen anordnen, Medikamente verschreiben, überweisen und als "zweiter Mann" bei Operation assistieren.

Neuordnung der Branche ist überfällig

Kooperation ist angesagt, eine Neuordnung der Heilberufe-Branche überfällig. "Die Arztzentriertheit" sei "nicht immer effizient", heißt es dazu aus dem Bundesgesundheitsministerium. Allerdings kalkuliert Franz Knieps, Leiter der Krankenversicherungsabteilung in Berlin, bei einem solchen Systemwandel mit Zeiträumen von zehn bis zwanzig Jahren.

Wissenscommunity