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Nachhilfe: Die neuen Streber

Nachhilfe statt Freibad: Zwar hat für die meisten Schüler bereits das neue Schuljahr angefangen, doch etliche von ihnen haben auch in den Ferien gebüffelt. Denn der steigende Leistungsdruck treibt auch gute Schüler in die Nachhilfe, die so für bessere Abi-Noten kämpfen.

Von Eva Wolfangel

Draußen herrscht schweißtreibendes Freibadwetter, die Schulfreundinnen sind im Urlaub oder im Park – und auf Katrin Schneiders Tisch stapeln sich Schulbücher: "Elementare Chemie" steht auf einem, darunter ein Buch voller Matheaufgaben, dazwischen die Formelsammlung, daneben der Taschenrechner. Katrin schlägt einen der bunten Hefter auf und überfliegt ihre Hausaufgaben. In wenigen Minuten müsste der Nachhilfelehrer klingeln, dann muss alles bereit sein. "Klar, Nachhilfe in den Ferien ist schon nicht so toll", nimmt sie die Frage vorweg, die alle stellen. "Aber es geht nicht anders." Katrin ist 17 und kommt nach den Sommerferien in die zwölfte Klasse. Erst im Mai kam sie aus den USA zurück, wo sie ein Jahr lang als Austauschschülerin eine Highschool in Nebraska besuchte. "Die sind in Mathe und Chemie nicht so weit wie wir", sagt sie. Das bekam sie nun zu spüren, als sie vor den Sommerferien in ihre alte Klasse in einem Stuttgarter Gymnasium zurückkehrte. "Das wollte ich so schnell wie möglich aufholen." Seit die Sommerferien begonnen haben, trifft sie bis zu vier Mal die Woche ihren Nachhilfelehrer.

Druck nimmt zu

Was in den Ohren mancher streberhaft klingen mag, ist längst keine Seltenheit mehr. Viele Kinder und Jugendliche nehmen Nachhilfe in den Ferien. Aktuelle Studien haben ergeben, dass die Schüler zunehmend die Eigeninitiative übernehmen - und das lange bevor es um nichtbestandene Prüfungen oder das nichterreichte Klassenziel geht. Dabei nimmt Druck zu: Seit immer mehr Studienfächer mit Numerus Clausus versehen sind, büffeln auch gute Schüler in der Freizeit, um beispielsweise nicht zu lange auf einen Medizin-Studienplatz warten zu müssen.

"Gibt's Fragen zum letzten Mal?", fragt Nachhilfelehrer Herbert Paulus, kaum hat er sich neben Katrin gesetzt. Zusammen mit ihr geht er die Hausaufgaben durch, die sie gewissenhaft erledigt hat. Eine unklare OH-Bindung im Ether (für den, der noch keine Nachhilfe genommen hat: Hier geht es um eine Bindung zwischen Wasserstoff und Sauerstoff) und zwei Fragen zur Kurvendiskussion sind schnell geklärt. "Dann weiter im Stoff", sagt Paulus und zeigt auf die nächste Aufgabe im Buch. "Solche Aufgaben kommen im Pflichtteil im Mathe-Abi dran und bringen viele Punkte, so etwas sollte sitzen." Paulus ist eigentlich Ingenieur für Luft- und Raumfahrt, hat seine Anstellung aber schon vor mehr als 20 Jahren gekündigt und sich als Dozent für Naturwissenschaften selbständig gemacht. Er arbeitet für alle größeren Institute im Stuttgarter Raum, in diesem Fall schickt ihn das Nachhilfeinstitut Acadomia. Für die Schneiders hat er den Vorteil, dass er gleich beide Fächer unterrichten kann, die Katrin Schwierigkeiten bereiten: Mathe und Chemie.

Vorbeugende Nachhilfe

Die Schülerin liegt damit im Trend: 80 Prozent aller Nachhilfeschüler werden nach Erkenntnissen des Studienkreises Nachhilfe in den Fächern Mathematik, Englisch und Deutsch gefördert, zwei Drittel davon in Mathe. Das heißt aber nicht, dass es um alles geht: Mindestens jeder vierte Nachhilfeschüler ist nicht versetzungsgefährdet, sondern nimmt Nachhilfe vorbeugend, um die Noten zu verbessern oder Zukunftschancen zu erhöhen. Ähnlich bei Katrin. "In der zwölften Klasse zählt jede Klausur zum Abitur", sagt Mutter Regine Schneider, "da kann man nicht das halbe Jahr hinterherhinken und langsam wieder reinkommen." Katrin nickt vernünftig. Sie hat sich freiwillig entschieden, die Nachhilfe in den Ferien zu machen. Sie ist eine gute Schülerin und kann es nicht leiden, in der Schule nicht mitzukommen.

Unter allen Nachhilfeschülern sind Gymnasiasten am stärksten vertreten. Das liegt nach Expertenansicht nicht nur daran, dass diese länger zur Schule gehen und sich der Stoff häuft. "Das Bildungssystem ist wenig durchlässig und stark vom Elternhaus abhängig", sagt Wolfgang Jenter von der gemeinnützigen Initiative Aktion Bildungsinformation e.V. So handelten Eltern mit einem hohen Bildungshintergrund schneller, wenn ihr Kind in der Schule Defizite habe. "Der Wert der Bildung wird hier sehr hoch gehalten." Dadurch steigt aber auch die soziale Ausdifferenzierung zwischen den Schularten immer weiter.

Nachfrage steigt

Jenter hat zudem die Beobachtung gemacht, dass die Nachfrage nach Nachhilfe zunimmt. "Das hat sicherlich auch mit dem erhöhten Leistungsdruck im Zuge der G-8-Einführung zu tun", vermutet er. Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre in einigen Bundesländern habe keine Verminderung des Stoffes mit sich gebracht, sondern nur den Stress erhöht. Kerstin Griese vom Studienkreis Nachhilfe hingegen beobachtet unterschiedliche Folgen von G 8: "In manchen Bundesländern wird dadurch mehr Nachhilfe in Anspruch genommen, in anderen wiederum stöhnen die Schüler, dass sie nicht einmal dafür Zeit haben." Das Thema Nachhilfe sei außerdem spätestens seit Pisa stärker in den Medien, auch Eltern redeten mehr darüber: "Es ist kein Tabuthema mehr." Davon profitieren die Schüler, glaubt die Studienkreissprecherin. Denn wenn Eltern darüber reden, werden Angebote der Institute verglichen und diejenigen empfohlen, die gute Arbeit leisten.

Auch Schneiders haben sich das Institut von ihren Nachbarn empfehlen lassen. "Wir hatten nicht viel Zeit, auszuprobieren", erklärt Mutter Regine Schneider. "Das nächste Schuljahr fängt schließlich bald an und dann sollte Katrin alles aufgeholt haben." Statt im Freibad oder am Strand sitzt sie deshalb nun im elterlichen Wohnzimmer zwischen dem Regal mit den Brockhaus-Bänden und dem Klavier mit Metronom darauf und lernt das "Aufstellen von ganzrationalen Funktionen n-ten Grades." Lehrer Paulus hangelt sich am Lehrplan der elften Klasse entlang und filtert die Inhalte heraus, der für die Oberstufe wichtig sind. So holt Katrin in zehn bis zwölf Doppelstunden nahezu den gesamten verpassten Stoff nach. "Sie ist einerseits sehr schnell und andererseits geht in der Schule viel Zeit mit Nachfragen verloren", begründet Paulus das hohe Tempo. Ein guter Nachhilfelehrer müsse immer auf dem Laufenden sein, was in den Schulen gerade verlangt wird und nach welchen Methoden die Lehrer unterrichten. "Deshalb fällt es Eltern oft schwer, ihren Kindern in der Schule zu helfen", sagt er, "allein wenn jemand Mathematik kann, heißt das noch lange nicht, dass er auch Nachhilfe geben kann."

Die Verbesserung der Schüler hängt direkt mit der Qualifikation des Nachhilfelehrers zusammen, wie eine aktuelle Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums ergeben hat: Während Lehrer durchschnittlich eine Notenverbesserung von 1,3 Notenstufen erzielen, beträgt die Verbesserung bei von Schülern erteilter Nachhilfe nur 0,9 Notenstufen. Doch nicht nur die Noten spielen nach Ansicht der Wissenschaftler eine Rolle. "Nachhilfe kann gezielt auf den Aufbau und den Einsatz von Lernstrategien wirken", heißt es in der Studie, "sie kann positiv auf kognitive und motivationale Prozesse wirken."

Nach 90 Minuten hat Katrin wieder einige Schulstunden aufgeholt und ihr Wissen über rationale Funktionen und ihre Schaubilder, über Alkohole und Ether erweitert. Draußen sind dunkle Wolken aufgezogen, ein erleichterndes Gewitter kündigt sich an. "Oh nein, ich wollte doch noch ins Freibad", sagt Katrin enttäuscht. Gute Noten haben eben ihren Preis.

Einzel oder Gruppenunterricht?

Eltern sollten auf kleine Gruppen achten, die nicht allzu bunt zusammengewürfelt sind. "Was besser ist, kann man nicht eindeutig sagen", erklärt Wolfgang Jenter von der gemeinnützigen Initiative Aktion Bildungsinformation e.V.. Hat ein Kind eher persönliche als rein fachliche Schwierigkeiten, sei Einzelnachhilfe auf jeden Fall besser. Ebenso Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom ADS: "Das kann in der Gruppe gut gehen, einzeln ist hier aber besser." Oft entscheidet hier aber auch der Geldbeutel, denn Einzelunterricht ist deutlich teurer.

Für welche Kinder macht Nachhilfe Sinn?

Kinder müssen selbst wollen. Um langfristig gute Noten zu schreiben, brauchen Kinder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ein Nachhilfelehrer sollte also nicht nur fachlich auf dem Laufenden sein, sondern auch motivieren können. Ein Kind, das zur Nachhofe geschickt wird, selbst aber nicht lernen will, wird auch nicht lernen.

Welche Kosten entstehen?

Laut Stiftung Warentest sollte der Unterricht bei einem Nachhilfeinstitut nicht mehr als 100 bis maximal 150 Euro monatlich kosten. Das gilt für zwei Unterrichtseinheiten a 90 Minuten pro Woche. Die Anmeldegebühren sollten bei nicht mehr als 35 Euro liegen. Eltern sollten zudem darauf achten, dass die Kündigungsfrist zwei, maximal drei Monate und die Mindestlaufzeit sechs Monate nicht übersteigt. Für Privatlehrer gibt es keine Richtwerte. Allerdings haben Befragungen der Stiftung Warentest ergeben, dass Eltern bis zu 750 Euro im Monat für die Dienste eines Privatlehrers ausgeben.

In den Ferien oder in der Schulzeit: Wann macht Nachhilfe Sinn?

Die Experten empfehlen die Nachhilfe während der Schulzeit. Denn die Kinder sollten möglichst die Ferien zur Erholung nutzen. Aber um vor einer wichtigen Prüfung oder nach einer längeren Abwesenheit (etwa wegen Krankheit oder nach einem Auslandsaufenthalt) bestimmte Defizite wettzumachen, können auch Crashkurse während der Ferien sinnvoll sein.

Ab welchem Alter macht Nachhilfe Sinn?

Generell empfehlen Experten Kindern spezielle Nachhilfestunden noch nicht in der Grundschule sondern erst ab der 5. Klasse. Ein wichtiger Grund: Der Leistungs- und Konkurrenzgedanke wird womöglich zu früh in den Schulalltag hineingetragen. Aber: Sollten sich schon in der Grundschule etwa Rechenschwächen offenbaren, kann eine wohldosierte Nachhilfe Sinn machen. Denn: Je früher ein Defizit erkannt wird, desto leichter lässt es sich beheben.

Wie lange sollte die Nachhilfe dauern?

Nachhilfestunden sollten für die Kinder nur eine begrenzte Unterstützung bei schulischen Problemen sein und nicht zur Dauereinrichtung werden. Denn dann lernen Kinder nicht, sich selbst zu helfen, sie verlassen sich womöglich zu sehr auf die externe Unterstützung und sind unaufmerksamer im eigentlichen Schulunterricht. Deshalb empfehlen Experten, die Nachhilfe für ein bestimmtes Fach auf maximal ein Jahr zu begrenzen.

Wie erkennt man gute Nachhilfeschulen?

Die Räume sollten hell und freundlich sein. Die Unterrichtseinheiten sollten auf die individuellen Probleme und Vorraussetzungen der Schüler abgestimmt werden. Diese sollten durch Gespräche oder gar einen informellen Test erfasst werden, empfiehlt die "Initiative Aktion Bildungsinformation". Zudem sollte der Anbieter den Unterricht flexibel gestalten und geänderten Bedingungen bei den Kindern anpassen. Regelmäßige Gespräche der Eltern mit den Lehrkräften sollten angeboten werden. Die Lehrkräfte sollten ihre Qualifikation nachweisen können und die Schule sollte Bücher für die Schüler bereithalten.

Die Experten raten unbedingt dazu, einige Probestunden zu vereinbaren, um die Schule kennen zu lernen. Ein bundesweit einheitliches Gütesiegel gibt es nicht. Eine kleine Gruppe von Nachilfeanbietern hat sich aber etwa zur Gütegemeinschaft INA-Nachhilfeschulen zusammengeschlossen. Gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung werden sie überprüft und nach objektiv vergleichbaren Qualitätskriterien mit einem Gütezeichen ausgezeichnet.

Mitarbeit: Malte Arnsperger
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