Nie wieder ... ... Aktien-E-Mails öffnen!


Im Internet kursieren "heiße Börsentipps". Es locken irrwitzige Gewinne - und viele Gefahren. Der Totalverlust des eigenen Geldes ist nicht ausgeschlossen.
Von Carsten Görig

Ich habe Erektionsprobleme, surfe gern auf nicht jugendfreien Seiten und suche heiße Bekanntschaften im Internet. Das zumindest scheinen die Menschen zu denken, die mir freundliche E-Mails schicken. Donnell Granger oder Amelia Guerra heißen sie, und in den Betreffzeilen geben sie sich geheimnisvoll: "Bitte zurück Rufen" oder "Just listen to u Heart" heißt es da. Seit einiger Zeit aber habe ich neue Freunde gefunden. Sie wollen nicht mein Sexualleben bereichern, sondern mein Konto füllen, denn sie senden mir Aktientipps. Heiße Insiderinformationen werden mir da versprochen, Kursraketen vor der Zündung und sichere Gewinne. Und Si Hirani oder Rudy Katajavuori sind hartnäckig: Mehrmals am Tag schicken sie mir neue Hinweise. Sie wollen, dass ich meine Chance nicht verpasse, richtig Geld mitzunehmen. Geheimnisvoll tarnen sie die E-Mails als "seegenaz" oder "sednef ", bevor sie erst im Inhalt ihr Geheimnis preisgeben: Über 1.000 Prozent Gewinnsteigerung versprechen sie bei der "Oncology Med, Inc.".

Zeit, die Aktie zu kaufen, bevor es andere erfahren. Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Denn warum sollten diese Unbekanntenmir Gutes wollen? Eines habe ich schließlich gelernt: Menschen, die E-Mails verschicken, sind oft böse. Das Viagra, das so verkauft wird, ist gefälscht oder wird erst gar nicht geliefert, obwohl man Geld dafür bezahlt hat. Die so verheißungsvollen Seiten mit den entblößten Frauen sind nicht umsonst: Entweder zahlt man mit richtig viel Geld oder mit einem Virus, der sich auf dem eigenen Computer installiert. Bei den Bekanntschaften sieht es ähnlich aus: Die Wahrscheinlichkeit, dass es Maria Webber, die in letzter Zeit um meine Aufmerksamkeit buhlt, tatsächlich gibt, ist gering. Geringer ist nur noch die Möglichkeit, dass sie mich tatsächlich kennenlernen möchte. Sie möchte mir nur eine Datei unterschieben, mit der ich die Kontrolle über meinen Computer verliere. Misstrauisch untersuche ich deshalb die Aktien-E-Mails, die im Fachjargon Aktienspam genannt werden, auf Viren: nichts zu finden, selbst die PDF-Dokumente, die zwischenzeitlich geschickt wurden, sind sauber.

Die Masse macht’s

Auch die Firmen gibt es, und ihre Aktienkurse bewegen sich in den angegebenen Höhen beziehungsweise Tiefen des Marktes: Sie kosten fast nichts. Und darin liegt der Trick der Versender: Sie kaufen diese billigen Aktien massenhaft auf, verschicken Mails, in denen sie Wunder ankündigen, und hoffen, dass möglichst viele Empfänger kaufen. Dann nämlich steigt der Kurs, und die Aktien können mit Gewinn verkauft werden. Und selbst wenn der pro Aktie nur gering ist: Die Masse macht’s. Das funktioniert anscheinend so gut, dass die amerikanische Börsenaufsicht bereits einmal den Handel mit betroffenen Aktien aussetzen musste und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Anleger gewarnt hat. Eigentlich ist diese Art der Manipulation nichts Neues. "Scalping" nennt man das Verfahren in Finanzkreisen - Skalpieren. Kurse werden künstlich in die Höhe getrieben, die Initiatoren verkaufen rechtzeitig, die anderen gehen leer aus. Weshalb es reizt, es selbst auszuprobieren.

Immerhin könnte man dabei gewinnen. Vor allem, weil ich gelernt habe: Nur die Versender können gerichtlich belangt werden, nicht die Empfänger, die auf den Zug aufspringen. Aber dann wiederum: Wie viele Aktien müsste ich kaufen, um Gewinn zu machen? 25 Cent war zum Beispiel die Aktie von Talktech Telemedia wert, bevor sie zur Zielscheibe der Aktienspammer wurde. Mit 35 Cent erreichte sie ihren Höchststand. Ich sehe vor mir, wie sich mein Depot mit Aktien füllt, es langsam aufquillt. Bei 100 Aktien wären es 10 Euro Gewinn, bei 1.000 Aktien 100 Euro. Und auch das lohnt sich noch nicht wirklich. Dicker und dicker wird das Aktienpaket, wenn ich die Augen schließe. Und dann platzt es mit einem lauten Knall. Nie wieder, schwöre ich mir beim Aufwachen, nie wieder werde ich über E-Mails nachdenken, die ich von Unbekannten bekomme. Auch wenn ich mich gerade frage, warum mir Thomas Beal unter dem Betreff "( )[[!*)(-(* : ! :(]*- [" schreibt: "Ti ck(eeer F D]E G Last 0.04 Ta]rg:et 0.12"

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