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Plattenbauten: Mit Marketing gegen die Abrissbirne

Befürchtungen, dass Hartz IV zu Zwangsumzügen in Plattenbauten führe, wurden als unbegründet zurückgewiesen. Marketingstrategen finden die Idee aber gar nicht so schlecht.

Wolfgang Clement war empört. "Niemand denkt daran, die Menschen in unsanierten Plattenbauten unterzubringen", hielt der Bundeswirtschaftsminister wütenden Gegnern der Hartz-Reform entgegen. Befürchtungen, dass mit den Arbeitsmarkt-Reformen Bezieher des Arbeitslosengeldes II nun der massenhafte Zwangsumzug in die "Platte" bevorsteht, seien unbegründet. Berliner Marketingstrategen finden das aber gar keine so schlechte Idee.

"Platte" hat besseres Image

Denn das Image der riesigen Plattenbaugebiete, die nach der Wende verpönt waren, bessert sich langsam. Der neueste Fürsprecher ist Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Er konnte sich erst vor kurzem bei einer Visite in Berlin-Lichtenberg davon überzeugen, dass die Menschen gern in der sanierten "Platte" wohnen. Es sei auch wegen der Kiezbindung oft richtig, zu sanieren und nicht abzureißen, sagte der SPD-Politiker.

Und noch ein prominenter Platten-Befürworter hat sich jetzt zu Wort gemeldet. Fernsehmoderator Günter Jauch sagte bei einem Besuch in Hellersdorf, die Platte sei durch viel Grün und Kinderspielplätze aufgewertet. Er könne gut verstehen, dass viele dort nicht wegziehen wollten. Schule, Kitas, Supermarkt seien oft gleich um die Ecke.

Wie Berlin Mieter in die "Platte" lockt

In Hellersdorf, nur 25 S-Bahn-Minuten vom boomenden Berliner Stadtzentrum entfernt, lassen sich die Wohnungsgesellschaften auch einiges einfallen, um Mieter zu halten. So vergibt die Genossenschaft "Grüne Mitte" mit der "Aktion Nestbau" Mietverträge an junge Paare, die ihre Wohnung nach der Sanierung selbst renovieren, dafür aber ein Jahr lang nur die Betriebskosten zahlen.

Sanitäranlagen oder Fenster wurden für die "Nest-Bauer" von der Genossenschaft schon erneuert. Vor Bewerbern kann sich Andrej Eckhardt, Vorstand der "Grünen Mitte", nicht retten. "Die rennen uns hier die Bude ein", freut er sich. Schon mehr als 100 Wohnungen wurden auf diese Weise vergeben. Doch: "Einem, der schon morgens mit einer Bierfahne hereinspaziert, geben wir keine Wohnung."

Besonders Familien werden angelockt

Eckhardt hofft, durch die "Muskelhypothek", junge Familien länger an die Wohnung zu binden. Hellersdorf verzeichnete in den letzten Jahren starke Abwanderungen. Um jüngere Menschen anzuziehen, hat sich auch die Hellersdorfer Wohnungsbaugesellschaft "Stadt und Land" etwas einfallen lassen. Durch Aktionen wie Kindertagesstätten-Bonus oder HAFöG (Hellersdorfer Ausbildungsfördergrundmiete) haben sie bereits knapp 500 neue Mietverträge auch für teilsanierte Platten-Wohnungen abgeschlossen. Junge Eltern bekommen ein Jahr lang die Kita-Gebühren bis 150 Euro geschenkt. Für Studenten und Azubis winken in Hellersdorf Ein-Raum-Wohnungen für 50 Euro Kaltmiete.

"Die Platte hat ein Imageproblem, dagegen wollen wir vorgehen", meint Dagmar Neidigk, Sprecherin von "Stadt und Land". Von "Arbeiterschließfach" oder "Wohnklo mit Kochnische" reichten die Verspottungen. Hellersdorf und das benachbarte Marzahn hatten mit ihren rund 40.000 Plattenbauwohnungen schwer mit dem schlechten Ruf zu kämpfen. Derzeit stehen rund 15 Prozent des Wohnungsbestandes leer.

Neue Mieterschichten erschließen

"Die Wohnungsbaugesellschaften spüren ganz deutlich den Zwang, sich um neue Mieter zu kümmern", sagt Joachim Günther von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Nach seinen Angaben sind in Hellersdorf und Marzahn bereits mehr als 2.000 Wohnungen der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Hochhäuser werden auch verkleinert, neue Grundrisse gebaut, um mehr Komfort zu bieten.

Annette Reuther/DPA / DPA

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