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Kampf um Flüchtlingsheim: Nichts ist in Ordnung in Hellersdorf

Nach der Bundestagswahl hat sich die Lage um das Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf etwas beruhigt. Nun will Pfarrer Wittig vermitteln. Und scheitert an alten Feindbildern.

Von Birgit Haas

Kinder spielen auf der Straße, eine Polizeistreife fährt vorbei, die Herbstsonne taucht den graubraunen Plattenbau an der Carola-Neher-Straße in ein warmes Licht. Aus dem Haus ist das Poppen eines Tischtennisballs zu hören. Alles wirkt ruhig am Flüchtlingsheim Berlin-Hellersdorf. "Ja, es ist Ruhe. Aber nichts ist in Ordnung", sagt Pfarrer Harmut Wittig. Er seufzt, die Stirn von Sorgenfalten zerfurcht. Seit den Tumulten von Neonazis Anfang Juli gegen das Flüchtlingsheim herrscht ideologischer Grabenkampf im Kiez. Rechte bedrohen Linke, Linke bedrohen Rechte, Solidaritätsveranstaltungen wechseln mit "Nein zum Heim"- Demos, die Gruppen mobben sich gegenseitig auf Facebook.

Wittig, ein überzeugter Linksdemokrat, fühlt sich zerrissen. Als Kirchenmann versucht er neutral zu bleiben, zu vermitteln und den Rechten so etwas wie "Feindesliebe" entgegenzubringen. Seine Vision: Alle müssen an einen Tisch. Und reden.

Doch mit seinem Vorschlag, die dubiose "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf" in ein Netzwerk aus Verbänden und Politikern aufzunehmen, das sich um ein friedliches Miteinander im Stadtteil bemüht, ist er zwischen die Fronten geraten. "Mit Nazis rede ich nicht", sagt Georg Classen vom Flüchtlingsrat. Die Macher der Initiative "Hellersdorf hilft" wollen das ebenfalls nicht. Sie grenzen sich ab, ignorieren die Gegenseite - und wollen das nicht einmal öffentlich begründen.

Jeder kämpft für sich

Wittig hält das für einen Fehler. Seit 28 Jahren steht er der rund 250.000 Köpfe zählenden Gemeinde vor. Er kennt Hellersdorf noch ganz ohne Platte, und er kennt es aus den guten Zeiten, als Ende der 80er viele junge Menschen in die Neubauten zogen. Er ist dem Stadtteil treu geblieben, als die Besserverdienenden in den Speckgürtel abwanderten und die ausgeweckten Alternativen nach Berlin-Mitte. "Es blieben die Schlichten", sagt Wittig. Und - zu seinem Leidwesen - die Ungläubigen. Auf die Frage, für wie realistisch er eine bunte Gesellschaft in Hellersdorf hält, antwortet Wittig mit einem skeptischen Blick.

Der Protestant zeigt seinen Stadtteil. Vom Flüchtlingsheim geht er zum Kastanienboulevard, der eigentlich zur Einkaufsmeile ausgebaut werden sollte. Aber die Geschäfte waren nicht rentabel, nun stehen sie leer. Ein Behindertenheim gibt es, eine Einrichtung für Frauen in Not, zwei Spelunken. Sonst: nichts, außer Plattenbauten und zu viel Langeweile für diejenigen, die keine Arbeit haben. "Das Problem der Menschen hier ist, dass sie zwar sehr dicht aufeinander leben, es aber kein soziales Leben gibt", sagt Wittig. Keine Nachbarschaftshilfe, keine Vereine, keine Gemeinschaft. "Sie fragen nicht, was sie für die anderen tun können. Sie fragen sich, warum sich keiner um sie kümmert."

Das Spiel mit den Ängsten

Das Flüchtlingsheim stelle für viele Hellersdorfer eine irrationale Bedrohung dar, sagt der Pfarrer. Sie haben Angst vor dem Unbekannten, sie haben Angst, ihre Lebenswelt könne in Unordnung geraten. Dieses Gefühl der Schwäche wird gerne mit nationalistischen und rassistischen Argumenten kaschiert. "Mit den Asylbewerbern wachsen Kriminalität und wilden Müllhalden", so was ist häufiger zu hören.

So unverständlich solche Abwehrreflexe für Menschen mit intaktem humanitären Verständnis auch sind: Wer sie ignoriert, potenziere sie nur, befürchtet Wittig. NPD und andere rechte Gruppierungen profitieren davon, wie am Ergebnis der Bundestagswahl abzulesen ist. Da holte die NPD - nach einem wüsten, zum Teil von Ausschreitungen begleiteten Wahlkampf - 10,2 Prozent im Bereich um das Flüchtlingsheim und 9,1 Prozent im Nachbarkiez.

Ein rechter Nicht-Nazi

André Kiebis hält sich nicht für einen Nazi. Er hat die "Bürgerinitiative für ein lebenswertes Marzahn-Hellersdorf" gegründet und nach eigenen Angaben 35 Strafanzeigen gegen Menschen gestellt, die ihn als "Rassist" bezeichnet haben. An seine Haustüre hat jemand "Nazi" gesprüht. Kiebis wehrt sich und hat sogar eidesstattliche Erklärungen zu seiner politischen Haltung abgegeben. Trotzdem wollen die Linken nicht ihm sprechen. Für sie ist er der Feind.

Zum Beispiel, weil er zusammen mit Anwohnern mit Kreide "Nein zum Heim" auf die Straße schrieb - ein Slogan, den die NPD im Wahlkampf verwendet hat. Zum Beispiel, weil er Strafanzeige wegen Verleumdung gegen Parteimitglieder der Linken gestellt hat. Und weil er nicht gegen den Neonazi vorgeht, der auf Facebook unter dem seiner Initiative sehr ähnlichen Profilnamen "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf" rassistische und rechtideologische Hetze verbreitet. "Mit dem habe ich aber nichts zu tun", sagt Kiebis. Er fordert, dass in dem Heim nur 200 Flüchtlinge untergebracht werden sollen und nicht, wie geplant, maximal 450 bis Jahresende.

"Niemandem wird etwas genommen"

Wer mit Kiebis spricht, hört keine rechtsextremen Parolen. Er sagt, die Leute müssten darüber aufgeklärt werden, dass der Bund und nicht der Bezirk das Flüchtlingsheim finanziert. Der "Sozialneid" seiner Nachbarn sei unbegründet, "es wird ihnen nichts weggenommen." Doch der Sozialneid grassiert: Auch dank der medialen Aufmerksamkeit erfahren die Flüchtlinge in Hellersdorf viel Zuwendung: Spenden, Gratis-Deutschkurse und Zugang zu den Computerräumen der Alice-Salomon-Hochschule. "Ein Hartz-4-Empfänger muss dafür erst umständliche Formulare ausfüllen. Das ärgert die", sagt Kiebis. Sie hätten das Gefühl leer auszugehen.

Die Anwohner müssten erfahren woher die Flüchtlinge kämen und wie ihre Asylverfahren funktionierten. Kiebis will das Flüchtlingsheim als Initialzündung für ein neues soziales Miteinander im Kiez sehen und hat ein Herbstfest organisiert. "Da waren auch Flüchtlingskinder und die hatten viel Spaß." Genau das - mehr Sozialleben und Aufklärung –wollen auch der Berliner Flüchtlingsrat, die "Mobile Beratung gegen Rechts" und der Verband "Hellersdorf hilft", der zum Großteil aus jungen Anwohnern besteht. Aber mit Kiebis reden, das will keiner.

Weitermachen, irgendwie

So kämpft Pfarrer Hartmut Wittig einsam für die Integration - der Flüchtlinge, und der Hellersdorfer. "Wenn das Netzwerk eine Zukunft haben will, dann müssen wir alle Bedürfnisse berücksichtigen", sagt er. Auch bei politischen Entscheidungen, wenn es um den Bau von Begegnungsstätten oder die Einrichtung eines Quartiersmanagements geht, müssten alle mitgenommen werden. Man dürfe die Menschen nicht allein lassen - sie würden sonst zu leicht Opfer politischer Instrumentalisierung durch die Rechte.

#link;www.stern.de/panorama/fluechtlingsheim-in-berlin-hellersdorf-700-menschen-demonstrieren-gegen-npd-kundgebung-2053301.html;Die nächste Etappe im ideologischen Grabenkrieg# von Hellersdorf ist schon absehbar. Derzeit wird das Gebäude saniert, in dem bis zu 250 weitere Flüchtlinge einziehen sollen.