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Protest: Aufstand gegen Bio

Mit Strom und Gas aus Pflanzen soll künftig ein großer Teil des Energiebedarfs gedeckt werden. Doch nun regt sich Protest gegen Biogasanlagen. Die Anwohner fürchten Verkehr, Lärm und Gestank.

Von Roman Heflik

Fast das ganze Dorf ist gekommen. Viele haben früher Feierabend gemacht, eine Familie hat sogar das Tapezieren der Wohnung unterbrochen, der Termin hier auf dem Acker ist wichtiger. Die Bewohner von Suckow in Mecklenburg- Vorpommern wollen Flagge zeigen. "Ich bin gegen den Standort", sagt die 66-jährige Elke Fleischer, "wegen der Geruchsbelästigung." Ihr Mitstreiter, Rechtsanwalt Steffen Peters, 38, meint: "Die Landschaft verschönert das auch nicht gerade." Karen Bohn, eine 55-jährige kaufmännische Angestellte aus dem Nachbarort Strenz, fürchtet den Lastwagenverkehr, "und zwar tagsüber und in der Nacht".

Und Sven Reiter, 45, Angestellter im öffentlichen Dienst, schimpft: "Die Leute, die hergezogen sind, wussten nicht, was da drüben mal hinkommen würde." "Da drüben", da ist zurzeit noch ein Stoppelacker, ungefähr 700 Meter entfernt von den schmucken Eigenheimen der Suckower. Dort vor den Toren der Kreisstadt Güstrow will die Nawaro Bio- Energie AG aus Leipzig im kommenden Jahr eine der größten Biogasanlagen Deutschlands errichten. Das technische Prinzip der Anlage ist der Natur abgeschaut: Wie ein überdimensionierter Kuhmagen verdaut sie große Ladungen Mais, dazu ab und an einen Happen anderes Getreide und einen kräftigen Schluck Gülle. Insgesamt eine Menge von 420.000 Tonnen pro Jahr. Die Lüftchen, die den verarbeitenden Bakterien dabei in den Gärkesseln entfleuchen, bestehen zu wesentlichen Teilen aus brennbarem Methan.

Biogas liefert zuverlässig Energie

Das so gewonnene Biogas wird gereinigt und verdichtet. Es hat dann dieselben Eigenschaften wie das Erdgas, das zum Beispiel aus dem gefrorenen Boden Sibiriens gefördert wird. Bis zu 46 Millionen Kubikmeter davon könnte die Anlage in Suckow pro Jahr ins Netz des regionalen Gasversorgers einspeisen, rechnet Nawaro-Vorstand Balthasar Schramm vor. Ein weiterer Teil des Gases würde vor Ort verstromt und Strom liefern für mehr als 7200 Vierpersonenhaushalte (insgesamt knapp 3,7 Megawatt). "Das ist ein richtungweisendes Projekt", sagt Schramm. "Und die Fläche bei Suckow bietet für seine Umsetzung so optimale Bedingungen wie nur wenige andere Standorte." Das Baugelände liege an einer Ferngasleitung, in die das Biogas direkt eingespeist werden kann. Gerüche würden dabei nicht freigesetzt, versichert der Unternehmer.

Doch das Misstrauen der Suckower gegen die Biogasindustrie ist groß. Viele von ihnen haben neu gebaut oder aufwendig saniert. Auch Ronald Ostermann, 40, Besitzer mehrerer Fitnessstudios, ist vor drei Jahren ins eigene Heim gezogen: "Jetzt habe ich Angst, dass es durch Gestank aus der Anlage zu einem Wertverlust kommt." Im Internet habe er gelesen, dass Häuser dann bis zu 50 Prozent an Wert verlieren. Was Windparkbetreiber seit Jahren kennen, widerfährt jetzt auch den Biogasproduzenten: Die Zustimmung für regenerative Energie in der Bevölkerung ist so lange groß, wie die Anlagen weit weg errichtet werden. Das Konfliktpotenzial wächst: Bis 2020 will die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent steigern. Strom und Wärme aus Biogas spielen dabei eine entscheidende Rolle, denn anders als Wind und Sonne liefert Biogas zuverlässig das ganze Jahr über Energie, kann gespeichert und daher auch zu Spitzenverbrauchszeiten in größeren Mengen abgerufen werden.

Immer mehr Deutschen stinkt der Biogasboom

Laut Fachverband Biogas könnten bis 2020 im Idealfall 17 Prozent des deutschen Stroms vom Acker stammen, derzeit ist es noch rund ein Prozent. Die Zahl der Biogasanlagen hat sich von 1999 bis 2006 auf 3.500 vervierfacht. Und der Trend dauert an. Das Problem ist nur: Immer mehr Deutschen stinkt der Biogasboom. Soll irgendwo ein neuer Biogasmeiler errichtet werden, formieren sich meist auch Bürgerinitiativen, ob nun im mecklenburgischen Güstrow, im oberpfälzischen Mintraching oder in Nemitz im Wendland - bekannt durch die Proteste gegen das Atomendlager Gorleben. Nicht selten gelingt es den Bürgern, die Projekte zu stoppen. So musste beispielsweise Jacob Peters, Bürgermeister der 1000-Seelen-Gemeinde Tating in Nordfriesland, im vergangenen Jahr erleben, wie eine Bürgerversammlung den Vorschlag zu einem geplanten Ein- Megawatt-Kraftwerk förmlich in der Luft zerriss - und zwar "noch bevor irgendwelche möglichen Belastungen durch die Anlage geprüft werden konnten", wie der Lokalpolitiker betont.

Peters ist enttäuscht, hatte er sich doch für die Gemeinde Gewerbesteuereinnahmen und für die Landwirte einen zusätzlichen Abnehmer ihrer Produkte erhofft. Doch vor allem eine Bevölkerungsgruppe machte Stimmung gegen den Plan: "Viele Leute mit einem Zweitwohnsitz in der Gemeinde hatten Angst um ihre Ruhe", berichtet Peters. Dass der geplante Standort immerhin drei Kilometer vom Dorfrand entfernt gewesen sei, habe niemanden besänftigt. Die Firma, die das Biokraftwerk bei Tating bauen wollte, verstand die Botschaft und zog ihren Antrag zurück. Zuvor war sie schon im nahen Sankt Peter-Ording abgeblitzt. Christof Thoss vom Deutschen Verband für Landschaftspflege (DVL) bestätigt: "Wir beobachten derzeit einen Rückgang bei der regionalen Akzeptanz der Biomasse." Auch Günther Schulz, Vorstandsvorsitzender des Anlagenbauers Seva Energie AG, räumt ein, dass es oft schwer sei, eine Baugenehmigung zu bekommen: "Die Zustimmung in der Bevölkerung fehlt vielerorts."

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisieren, durch den Biogasboom würden sich viele Felder in Maismonokulturen verwandeln. Wegen deren Anfälligkeiten für Schädlinge würden viele Bauern gentechnisch manipulierte Pflanzen einsetzen. "Außerdem werden wichtige Rückzugsgebiete für Vögel und Wildtiere knapper", sagt Christof Thoss. "Denn die gestiegene Nachfrage nach Energiepflanzen führt dazu, dass die Bauern wieder verstärkt stillgelegte Ackerflächen bewirtschaften." Die stark gestiegenen Getreidepreise hätten allerdings denselben Effekt, räumt Thoss ein. Momentan entwickeln DVL und NABU einen Leitfaden, wie Biomasse umweltverträglich angebaut werden kann. Doch auch das Profitstreben einiger Landwirte hat die Sympathiekrise der grünen Energie mit ausgelöst: Viele haben ihre Biogasanlagen nah an Wohngebieten gebaut, eben da, wo ihre Höfe liegen

Ein Bioreaktor ist kein Feierabendhobby

Unerfahren im Umgang mit der Technologie kümmerten sie sich in erster Linie um Felder und Vieh. Doch ein Bioreaktor ist kein Feierabendhobby: Er bedarf der ständigen Aufsicht, sonst verwandelt er sich in eine gewaltige Stinkbombe. Und Geschichten von müffelnden Gastanks und Silomasse verbreiten sich unter Biogasskeptikern schnell. Ist Biogas also ein Albtraum für Acker und Anwohner? Im vorpommerschen Penkun, kurz vor der polnischen Grenze, hat die Nawaro vor wenigen Wochen den nach eigenen Angaben größten Bioenergiepark der Welt in Betrieb genommen. Tatsächlich riecht es im Umkreis der Anlage leicht nach Rindenmulch. "Also, vom Geruch her kenne ich schlimmere Orte", sagt Dieter Schünemann, technischer Leiter der 20 Hektar großen Anlage. Ende des Jahres werden Penkuns 40 Bioreaktoren und deren Blockheizkraftwerke ganz hochgefahren sein und dann 20 Megawatt elektrische Leistung produzieren - genug, um fast 40.000 Vierpersonenhaushalte mit Strom zu versorgen.

Ein Braunkohlekraftwerk würde pro Jahr etwa 175.000 Tonnen des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) emittieren, um die gleiche Menge Strom zu erzeugen. Anders als bei vielen älteren oder kleineren Biokraftwerken wird auch die anfallende Wärme (nochmals 20 Megawatt) genutzt, um in der angeschlossenen Düngemittelfabrik die Gärreste zu Pellets einzudampfen. Die sollen künftig als Düngerkonzentrat verkauft werden. Nicht etwa aus den Gärtanks entweicht der Mulchgeruch, sondern er strömt aus den mit Wurzelholz gefüllten Luftfiltern der 40 Entladehallen. Lastwagen fahren vor diese Hallen, ein Rolltor öffnet sich, der Lkw fährt ein und entlädt die Maissilage in ein Depot. Das Fahrzeug verlässt die Halle, das Tor schließt sich wieder. 300.000 Tonnen Mais, 20.000 Tonnen Getreide und 60.000 Tonnen Gülle verarbeitet die Anlage binnen eines Jahres. Wegen dieses enormen Bedarfs bezweifeln Kritiker immer wieder, dass industriell arbeitende Werke wie in Penkun ökologisch sinnvoll sind - zu weit seien die Anfahrtswege.

Der Biogasgewinnung gehört die Zukunft

Sogar beim Fachverband Biogas ist man skeptisch: "Vom Konzept her ist Biogas ja eher regional", sagt eine Sprecherin. "Dezentral ist es uns daher lieber." Betreiber Schramm verweist dagegen auf eine Studie des Leipziger Instituts für Energetik und des Darmstädter Öko-Instituts, derzufolge große Kraftwerke effizienter arbeiten können. "Penkun leistet so viel wie 40 einzelne Hofanlagen, stößt aber beim Transport 90 Prozent weniger Feinstaub aus", versichert er. Schramm, dessen Nawaro AG neben Penkun und Güstrow gerade eine dritte Großanlage plant, ist überzeugt, dass der industriellen Biogasgewinnung die Zukunft gehören wird: Ein Großteil der Landwirte könne sich keine eigenen Anlagen leisten, dort könnten Großabnehmer wie Nawaro einspringen. "Und wir können die Anlagen professionell betreuen, dadurch steigen Qualität und Sicherheit." So sind auf dem Gelände in Penkun rund um die Uhr jeweils zwei Mitarbeiter unterwegs, um Störungen schnell zu beheben. Auch die örtliche BUND-Vertreterin bestätigt: "Im Moment läuft hier alles im grünen Bereich, Beschwerden oder Opposition gibt es keine."

Auch Großbauer Harald Nitschke ist zufrieden. Mit dem nahe gelegenen Bioenergiepark hat er einen Abnehmer für einen Teil seiner Maisernte gefunden. "Für uns Landwirte ist das doch gut und sorgt für stabile Preise." Rund 5.000 Tonnen Mais liefert Nitschke nun jährlich an Nawaro. Der Großteil aber bleibt im eigenen Betrieb: 19.000 Tonnen fressen die 3.200 Rinder, während mit den restlichen 6.000 Tonnen die eigene 500-Kilowatt-Biogasanlage befüllt wird. Die Gentechnik, sagt er, habe durch die Suche nach der besten Energiepflanze einen Schub bekommen. "Aber dieser Geist ist doch schon längst aus der Flasche." Nitschke hat auf 150 seiner insgesamt 3.300 Hektar Genmais stehen. Balthasar Schramm weiß, dass man ihm nicht überall so wohlgesinnt ist wie in der strukturschwachen Region um Penkun.

"Wir möchten es weiter schön haben"

"Wenn man aber das klimapolitische Ziel, den Ausbau der Bioenergien, wirklich will, muss ein Bewusstseinswandel in der Landwirtschaft und der Bevölkerung einsetzen." Mit dieser Forderung steht er allerdings im Konflikt mit dem neuen Traditionalismus, der sich unter deutschen Landbewohnern breitmacht. Deren Credo formuliert der Sprecher einer Fehmarner Bürgerinitiative: "Wir möchten es weiter schön haben." Wie schwierig die Standortsuche werden kann, erfuhr im vergangenen Jahr auch Karl- August Morisse, Bürgermeister der Stadt Pulheim westlich von Köln. Etwa 600 Meter vom Ortsrand entfernt sollte eine 625-Kilowatt-Biogasanlage entstehen - "als deutliches Ja unserer Stadt zu erneuerbaren Energien", wie Morisse damals warb. Doch dann gab es "massivsten Bürgerprotest". Eine Biogasanlage wird es daher in Pulheim nicht geben. Dafür hat Kraftwerksriese RWE angekündigt, das Braunkohlekraftwerk wenige Kilometer vor der Stadt massiv auszubauen. Von acht bis zehn Kraftwerksblöcken ist die Rede. Widerstand in Pulheim gegen die CO2- Schleuder? Bislang Fehlanzeige.

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