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Sachsen: Pendlerpauschale mal ganz anders

Gerade Pendler leiden unter den rasant gestiegenen Spritkosten. Im sächsischen Altenberg hat sich der Bürgermeister deshalb etwas ganz besonders ausgedacht, um die Bürger zu entlasten und gleichzeitig am Umzug in die große Stadt zu hindern.

Von Thomas Matsche

Wer auf dem Land lebt, hat es oft sehr schön und ruhig aber auch unter Umständen sehr weit zur Arbeit. In Zeiten steigender Benzinpreise überlegen sich da einige die Provinz zu verlassen und in die Stadt zu ziehen. Auch das sächsische Altenberg muss sich mit Provinzflucht auseinandersetzen. Denn die einstige Bergbaustadt, aus der eine wunderschöne Kur- und Sportstadt geworden ist (Stefan Raab veranstaltete hier seine letzte Wok-WM) hat seit der Wende 1500 Einwohner verloren. Das sind rund 20 Prozent. Damit nicht auch die restlichen spritpreisgeplagten Pendler die Stadt verlassen, will Altenbergs Bürgermeister Thomas Kirsten ihnen ein besonderes Angebot machen.

Noch ist nicht viel zu erkennen auf der kleinen Baustelle neben dem Autohaus in Altenberg. Aus einer frisch gegossenen Betonplatte ragt ein Bündel Stromkabel. Davor wird der Boden geebnet, um einen kleinen Teerweg zu bauen. Hier soll in Kürze eine Flüssiggastankstelle ihren Dienst aufnehmen, von der in Zukunft vor allem die Pendlerkunden der Region profitieren sollen. Denn sonst seien die weg, glaubt Autohauschef Henry Siebeneicher. "Die Leute suchen sich dann Wohnungen, die näher am Arbeitsort liegen, wo der Arbeitsweg kürzer ist und folglich weniger Kosten entstehen. Das wäre schlecht für die Region."

Fraktionsübergreifender Ideenzwang

Der Meinung ist auch Bürgermeister Thomas Kirsten. Der 54-Jährige, der die Geschicke der kleinen Stadt im Erzgebirge seit der Wende lenkt, hat, trotz boomenden Tourismusgeschäfts mit jährlich 500.000 Übernachtungen, auch mit Abwanderung, Fachkräftemangel und Überalterung zu kämpfen. Da braucht es kreative Ideen, um die Menschen im ländlichen Raum zu halten. Derzeit sorgt er sich deshalb besonders um seine 800 spritpreisgeplagten Pendler, die täglich hin und zurück fast 100 Kilometer zur Arbeit nach Dresden fahren. Damit die nicht dem Job nachziehen, will Kirsten ihnen den Einbau eines Gasmotors schmackhaft machen. Denn ein Liter Flüssiggas kostet derzeit nur rund 70 Cent. Also die Hälfe vom Spritpreis. Und das gesetzlich garantiert bis 2018.

Jedoch würde der Einbau mit 2500 Euro zu Buche schlagen und nicht jeder kann sich das leisten. Deshalb hat der Stadtrat fraktionsübergreifend beschlossen, den Einbau eines Gasmotors mit rund tausend Euro zu unterstützen. "Bei uns gibt es keinen Parteienproporz. Wenn jemand eine gute Idee hat, ist es zweitrangig welches Parteibuch er hat." Zudem betrachtet er die Pendlersubvention gleichzeitig als regionale Wirtschaftsförderung, denn die Nutzer verpflichten sich, den Auftrag von einem örtlichen Unternehmen durchführen zu lassen. Und tanken könne man demnächst auch gleich vor Ort, so Thomas Kirsten selbstbewusst.

"Es geht uns darum, die Leute hier nicht alleine zu lassen. Wir wollen unseren Menschen ein deutliches Signal geben, dass sie bei uns bleiben sollen. Dafür sind wir auch bereit was zu geben, was sie unterstützt." Für das Gasmotorensponsoring fordern die Stadtväter allerdings von ihren Einwohnern, dass sie mindestens zehn Jahre in Altenberg wohnen bleiben. Das soll vertraglich fixiert werden. Schließlich gibt's für jeden Einwohner Geld vom Land und natürlich die Einahmen aus der Einkommenssteuer. "Und wer dennoch zum Beispiel nach fünf Jahren wegziehen muss, mit dem reden wir, wie er die rund 500 Euro zurückzahlen kann." Aber bevor entsprechende Verträge ausgearbeitet werden können, braucht Thomas Kirsten erst einmal Grünes Licht von der Kommunalaufsicht. Denn immerhin werden für rund 800 Pendler fast eine Million Euro benötigt. Die Entscheidung fällt in den kommenden Wochen.

Gasmotoreinbau nicht ohne Risiko

Doch nicht alle sind von der Idee des Gasmotoren-Sponsorings überzeugt. So wie Kfz-Meister Rainer Leuteritz, der eine Auto-Werkstatt im Nachbarort Bärenstein betreibt. "Ich sehe dahingehend ein Problem, dass der Gaseinbau nicht bei allen Modellen ohne Risiko ist." Die Hersteller der Gasanlagen gewährten zwar zwei Jahre Werksgarantie, danach könne es aber passieren, dass der Kunde bei einem Motorproblem auf den Kosten sitzen bleibt. Und für einen neuen Motor müsse man zwischen 4000 bis 6000 Euro berappen. Wenn überhaupt rät Leuteritz zu einem Neuwagenkauf denn dann haftet der Fahrzeughersteller bei Motorproblemen. Außerdem seien Gasmotoren nicht so langlebig wie Benziner, was unter anderem daran liege, dass die Temperaturen im Verbrennungsraum höher seien, so dass sich die Ventile schneller abnutzten. "Ich schätze Bürgermeister Kirsten für seine Ideen aber das Nachrüsten der Autos könnte ein Schnellschuss sein", meint Leuteritz.

Dass Gasmotoren nicht die Ideallösung sind, weiß auch Thomas Kirsten aber er will die Aktion mehr als Für- und Vorsorgesignal an die Bürger verstanden wissen. Und bei vielen von ihnen kommt das auch an. "Ich finde es in Ordnung, dass da was gemacht wird und, dass die, die weit auf Arbeit fahren müssen, entschädigt werden. Denn die jungen Leute sollen ja hier bleiben in der Region", sagt eine ältere Frau. Und ein junger Pendler hatte von der Aktion noch gar nichts gehört. "Also ich find die Idee genial und ich würde dann auch zehn Jahre in Altenberg bleiben."

500 Interessenten hofft Kirsten für seine Idee begeistern zu können. Doch für den Fall, dass es mit der Pendlerpauschale nach "Altenberger Art" nicht klappen sollte, hat Thomas Kirsten schon die nächste Idee im Kopf. Um günstig Strom und Wärmeenergie zu erzeugen, will er für 12 Millionen Euro ein Blockheizkraftwerk in der Region errichten lassen.

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