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Schule: Mädchen auf der Überholspur

Schülerinnen lassen mit ihren Leistungen die männlichen Altersgenossen hinter sich. Über die Ursachen sind sich die Experten allerdings uneins.

Als Mitte der 60er Jahre die so genannte Koedukation - der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen - in Deutschland eingeführt wurde, glaubten viele an eine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts in den Schulen. Inzwischen sind die Schülerinnen längst mit Vollgas auf der Überholspur und lassen mit ihren Leistungen die männlichen Altersgenossen hinter sich. Über die Ursachen sind sich die Experten noch uneins.

Bei den Abiturientinnen verzeichnet das Statistische Bundesamt stetige Zuwächse: Waren 1992 noch 47,6 Prozent der Abiturienten weiblich, lag der Frauenanteil im Schuljahr 2001/2002 bereits bei 53,2 Prozent. 73,8 Prozent der Abiturientinnen erwarben 2002 die Hochschulreife, die übrigen die Fachhochschulreife. Von den männlichen Abiturienten absolvierten dagegen lediglich 66,7 Prozent die Hochschulreife.

Schülerinnen wie Schüler lehnen getrennten Unterricht ab

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, mahnt in der Debatte zur Gelassenheit. Noch vor einigen Jahren habe es Forderungen gegeben, die Koedukation abzuschaffen, erinnert er. Koedukation sei "wie Diskriminierung der Mädchen buchstabiert worden". Umfragen zeigten jedoch eindeutig: "Schülerinnen wie Schüler lehnen getrennten Unterricht ab, weil er stinklangweilig wäre."

Mehrere Landespolitiker fordern, das zahlenmäßige Übergewicht der Lehrerinnen vor allem in den Grundschulen abzubauen. Denn sie sehen eine "Feminisierung des Unterrichts" als Ursache für das schlechtere Abschneiden von Jungen. So fordert etwa die Stuttgarter Bildungsministerin Annette Schavan, den Anteil der männlichen Lehrer auf mindestens 30 Prozent in den Grundschulen zu erhöhen.

Immer mehr Kinder wachsen ohne Vater auf

Solche Forderungen hält Kraus für unrealistisch, "weil nur zwei Prozent der Bewerber für ein Lehramt in der Grundschule Männer sind". Männer seien karriereorientiert und wendeten sich lieber anderen Berufen zu. Frauen dagegen bevorzugten den öffentlichen Dienst mit seiner festen Arbeitszeit und den Möglichkeiten der Teilzeit.

"Das kann nicht gut sein", mahnt Heinz Wagner vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Alle Bemühungen, den Lehrerberuf für Männer attraktiv zu gestalten, seien gescheitert, sagt Wagner, der auch Chef einer Gesamtschule in Paderborn ist. Er sieht eine Veränderung der gesellschaftlichen Normen "von der maskulinen zur femininen Gesellschaft". Bei der staatlichen Frauenförderung in den vergangenen Jahrzehnten seien "die Jungen aus dem Blickfeld gerutscht". Zudem wüchsen immer mehr Kinder ohne Vater auf. Das Männerbild spiele in den Familien kaum noch eine Rolle, ähnlich sei es dann in Kindergarten und Grundschule. Das trage nicht dazu bei, "den normalen Umgang der Geschlechter herzustellen, der Unterschiede akzeptiert und als sinnvoll ansieht".

Jungen problematischer als Mädchen

Die problematischen Schüler "sind heute mehr denn je die Jungen, nicht die Mädchen", sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Beim Problemverhalten beider Gruppen, zum Beispiel bei Gewalt, schlechten Noten, Schuleschwänzen und Abbrechen der Schule ohne Abschluss, gehe die Schere Jahr für Jahr weiter auseinander. Pfeiffer nannte dafür auf dem letzten VBE-Lehrertag "ein ganzes Bündel von Faktoren", unter anderem männliche Negativvorbilder und eine "frühkindliche Erziehung von Jungen, die ihnen emotionales Verhalten abgewöhnt", zum Beispiel Weinen, Gesten des Mitleids und extremes Freuen.

Christian Bethke-Jaenicke, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Magdeburg, verweist zudem auf organische Ursachen. Von psychischen Störungen, wie etwa der Hyperaktivität, seien mehr Jungen betroffen. Auch Lese-Rechtschreib- sowie Rechenschwäche kämen bei Jungen öfter vor.

Das Angebot geschlechterspezifischer gestalten

Eindeutig bessere Leistungen haben Schülerinnen im Alter zwischen 13 und 16, "weil bei Buben die Pubertät stürmischer verläuft", sagt Kraus. Mädchen dagegen würden häufig noch immer traditionell erzogen, seien fleißiger und angepasster. Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) räumt ein, dass die Schule möglicherweise Jungen in der Pubertät nicht erreiche.

Es gebe Diskussionen, das Angebot geschlechterspezifischer zu gestalten, sagt Demmer. Doch die Überlegungen stünden noch am Anfang, zumal es keine empirischen Untersuchungen zu den Ursachen des Problems gebe, das europaweit zu beobachten sei. So seien etwa auch in Finnland die Leistungen der Mädchen besser als die der Jungen - allerdings auf höherem Niveau als in Deutschland, wie die Pisa-Studie gezeigt habe.

Birgitt Pötzsch, AP

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