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Spielzeug aus China: Zum Pfuschen gehören immer zwei

Lebensbedrohliches Spielzeug aus China kommt nur in den Handel, wenn der Importeur schläft. Doch die Kontrollen werden besser – und die Qualität wird es auch.

Wer neue Horrormeldungen über gefährliche Produkte aus China sucht, wird jeden Freitag zuverlässig bedient. Dann stellen Beamte der EU die sogenannte Rapex-Liste ins Netz. Sie nennt Produkte, die wegen irgendwelcher Mängel aufgefallen sind. Bei rund der Hälfte der Waren lautet die Herstellerangabe tatsächlich "made in China". Die in den vergangenen Wochen auf allen Kanälen verbreitete Botschaft scheint klar: Die Chinesen gefährden mit ihren Billigprodukten nicht nur unsere Jobs. Sondern auch unsere Kinder, denen sie unsicheres Spielzeug andrehen. Unsere Hunde, die durch giftiges Futter krank werden. Und unsere Handys, deren Akkus eine fatale Tendenz entwickeln können, uns ums Ohr zu fliegen.

Auf den zweiten Blick sieht die Welt ungleich komplizierter aus. "Natürlich fällt China durch die vielen Nennungen bei Rapex auf ", sagt Jochen Heimberg vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, "aber das muss man in Relation zu den Produktionsmengen setzen." Gerade bei den für Fehler besonders anfälligen Billigprodukten dominieren Waren aus China den Markt. Spielzeug kommt fast immer aus der Volksrepublik. "Man kann nicht sagen, dass die Chinesen nur Mist produzieren", meint Karlheinz Hieronymus, der das Prüflabor der Landesgewerbeanstalt in Nürnberg leitet.

"Denn dann würde in den Spielwarenläden zu 80 Prozent Mist stehen - und das ist nicht so." Auf der Rapex-Liste der vergangenen Woche findet sich trotzdem wieder viel Billigkram aus China - aber nicht nur. Gerügt werden auch Firmen wie Daimler- Chrysler - da gab es Probleme mit dem Seitenairbag eines Kleintransporters. Bei einem Basslautsprecher von Loewe wurde bemängelt, dass er sich entzünden könne. Auch bei der Creme der europäischen Hersteller von Dingen, die gut und teuer sind, klappt eben nicht alles. Zudem lässt sich bei vielen Produkten kaum noch ein Herkunftsland bestimmen - aus zu vielen Ländern kommen Komponenten und Vorprodukte.

Der Handygigant Nokia etwa gab Anfang August eine Warnung heraus, die 46 Millionen Akkus betraf. Sie stecken in so populären Mobiltelefonen wie dem Modell N70 und können sich erhitzen. Aber woher kamen die Akkus, die der japanische Matsushita-Konzern geliefert hat? Zunächst hieß es, sie seien in China hergestellt worden. Dann teilte Nokia mit, sie kämen aus "Werken in der ganzen Welt", darunter auch aus chinesischen.

Die sind nicht schlechter

als die Fabriken an anderen Billigstandorten. Und werden immer besser. "Die Qualität ist in den vergangenen Jahren gestiegen", heißt es beim Bundesverband Technik des Einzelhandels. Kontinuierlich gehe die Reparaturanfälligkeit zurück. Der Handelskonzern Metro, zu dem unter anderem die geizgeilen Saturn-Kaufhäuser gehören, hat 70 Mitarbeiter nach China geschickt, die potenzielle Lieferanten prüfen. "Wer nicht die erforderliche Qualität liefert, kommt mit uns gar nicht erst ins Geschäft", sagt ein Unternehmenssprecher. Genau das haben auch die Chinesen erkannt: Die Regierung reagiert äußerst gereizt auf Meldungen, dass chinesische Produkte gefährlich seien - sie verweist auf die riesigen Ausfuhren des Landes, die fast eine Billion Dollar im Jahr wert seien. Im Vergleich dazu handele es sich bei den Problemfällen um Peanuts. Es sei nicht "wissenschaftlich", alle chinesischen Produkte anzuzweifeln, ereiferte sich der stellvertretende Handelsminister Gao Hucheng.

Jenseits aller Panikmache gibt es dennoch echte Probleme. Korruption und Kriminalität gehören ebenso dazu wie die Folgen des rasanten und unkontrollierten Wachstums. So kommt es immer wieder vor, dass heimlich minderwertige Komponenten eingesetzt werden. Der TÜV Rheinland stieß auf Kabeltrommeln, bei denen die dreiadrige Leitung durch eine zweiadrige ausgetauscht worden war. Das spart Kupfer. Aber bei einem Kurzschluss fliegt die Sicherung nicht raus, und das kann tödlich enden. Bei Mehrfach-Steckerleisten aus einem Schnäppchenladen war es genauso. "Jemand hat die ganze Charge abgefangen, aufgeschraubt und die billigen Kabel angebracht", vermutet Ralf Diekmann vom TÜV Rheinland. Er rät beim Kauf von Waren: "Riech dran, nimm's in die Hand, schau nach, ob da scharfe Kanten und Ecken sind oder Teile, die sich lösen können." Das sei beim Handel im Internet nicht möglich. Anonyme Billiganbieter, die No-name- Produkte nur über den Preis verkaufen, werden damit zum eigentlichen Problem.

Diekmann kennt alle Arten von Pfusch. Aus China kam etwa ein Toaster, dessen Plastik in Flammen aufging. Oder eine Inliner- Rolle, die so heiß wurde, dass sie in voller Fahrt platzte. "In China werden jetzt ähnliche Sünden begangen wie in Deutschland in den 70er Jahren", beobachtet der Sicherheitsexperte. Im ersten Anlauf fielen noch immer 50 Prozent der chinesischen Waren bei der Prüfung für das Sicherheitssiegel GS durch. Aber es bewegt sich etwas. Fast 1000 Mitarbeiter des TÜV Rheinland arbeiten in China. "Den Prüfzentren werden dort die Türen eingerannt", sagt der TÜV-Mann.

Andere Kontrolleure machen die gleiche Erfahrung. Mehrere Hundert chinesische Produkte im Jahr bemängeln die Hohensteiner Institute, die für Textilunternehmen Waren testen. Dennoch sagt der zuständige Abteilungsleiter Rainer Weckmann angesichts der gigantischen Menge der Einfuhren: "Die Qualität ist überraschend gut." Im nächsten Jahr wird China Deutschland voraussichtlich den inoffiziellen Titel des Exportweltmeisters abnehmen. 2006 wurden Waren im Wert von 192 Milliarden Euro aus der Volksrepublik in die EU eingeführt, darunter für 49 Milliarden nach Deutschland.

Wie der TÜV sieht auch das Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens, das Schuhe und Leder untersucht, den Druck der westlichen Handelspartner als Hauptgrund für die Verbesserungen. Es ist immer das gleiche Muster: Auf den Importeur kommt es an. Und auf dessen Standards und Kontrollen. Für Markenartikler wie den USKonzern Mattel, der Millionen Puppen aus dem Verkehr ziehen musste, ist es ein Desaster, wenn sie gesundheitsgefährdende Produkte verkaufen. Die ganze Branche ist alarmiert. Der Händler "Toys'R'Us" rief mit Blei belastete Kinderlätzchen zurück, auch wenn die Schadstoffkonzentrationen nach Angaben des Unternehmens unter dem US-Grenzwert lagen.

Eine verstörende Meldung

kam nach Bekanntwerden der Probleme bei Mattel aus China: Zhang Shuhong, Teilhaber der chinesischen Fabrik, die dem amerikanischen Unternehmen Puppen mit verschluckbaren Magneten geliefert hatte, nahm sich das Leben. Wenn es nicht so makaber wäre, müsste man sagen: Daran kann man erkennen, wie ernst es den Chinesen ist. Natürlich muss alles getan werden, damit kein unsicheres Spielzeug Kindern schadet. Doch am Ende könnte eine ganz andere Gefahr stehen: "China ist längst kein Lowtech-Land mehr, sondern macht uns zunehmend mit Hightech Konkurrenz", sagt der Asien-Pazifik-Koordinator des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Friedolin Strack. "Darauf müssen wir uns einstellen, denn das ist die eigentliche Herausforderung für die deutsche Wirtschaft."

Stefan Schmitz, Roman Heflik, Dirk Liedtke, Martin Ochmann

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