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Weihnachten mit der Familie: Wer nimmt Oma?

Die Organisation der Festtage ist eine logistische Herausforderung für die ganze Familie. Da heißt es: Bloß keine Fehler machen!

Eine Glosse von Kester Schlenz

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Ein Mann und eine Frau sitzen über einem komplexen Organigramm. Eine Schreibtischunterlage ist mit Pfeilen und Kreisen vollgemalt. Sie streichen Namen, fügen neue hinzu, schaffen Verbindungen und schließen andere aus. Das Ganze sieht aus wie ein weitverzweigter Stammbaum. Denn die Eheleute sind in diesem Jahr dran mit der Ausrichtung des Weihnachtsfests. Klingt erst mal harmlos. Aber schnell wird klar: Das Fest der Liebe droht – wie eigentlich jedes Mal – zu einem Krisenherd zu werden.

Es geht schon los mit der Frage, wer wann zu wem kommt. Denn wie auf dem Balkan kann in Sippen beileibe nicht jeder mit jedem. Diplomatie ist gefordert. Nur erfahrene familiäre Außenpolitiker vermögen das sensible Geflecht, in das Großmächte, Separatisten und lokale Rebellengruppen verwickelt sind, zu entwirren und die Beteiligten zu einvernehmlichen Treffen zu bewegen. Die Ausgangslage ist klar: Wenn Sven mit seiner neuen Frau Ina erscheint, kommt seine Ex Anne mit den Kindern nicht. Die wollen Heiligabend aber ihren Papa sehen. Allein schon wegen der Geschenke. Sven kommt aber ohne Ina nicht. Können die beiden dann nicht am ersten Weihnachtstag kommen? Geht nicht, da sind die Kinder bei Annes Eltern. Und am zweiten Weihnachtstag ist Sven bei Inas Mutter, die frisch von ihrem Mann geschieden ist, der wiederum am "dritten Weihnachtstag" gern seine Tochter samt neuem Gatten gesondert träfe.

Dieses Jahr soll - bitte - Frieden sein

Drei bis vier mögliche Szenarien werden aufgemalt und wieder verworfen. Kurzzeitig wird sogar ein Splitting des Heiligen Abends erwogen. Ein Teil der Familie könnte im Wohnzimmer feiern, der andere im Anbau. Vor dem Durchgang würde Security stehen. Videoübertragungen in den jeweils anderen Raum könnten Gemeinschaft suggerieren, wo Konflikte den direkten Kontakt unmöglich machen. Doch nein – es gibt Grenzen. Auch das Catering würde ja schwierig werden. Und zwei Tannenbäume will auch keiner. Lösungen müssen her, Angebote gemacht, manchmal Sanktionen angedroht werden. Die Außenminister der beteiligten Mächte werden kontaktiert und gelegentlich einbestellt.

Schließlich werden die Festtage nach einem komplizierten Plan in nachmittägliche Kaffeerunden und Abendessen zerlegt, um das Aufeinandertreffen verfeindeter Sippenteile zu verhindern. Dieses Jahr soll – bitte – Frieden sein. Aber der Preis ist hoch. Da Kaffeerunden nicht so viel wert sind wie Abendessen, müssen die nachmittäglichen Runden wieder durch zusätzliche, wenngleich später durchzuführende Abendessen aufgewertet werden. Eine zünftige Silvestereinladung kann als Ausgleichstermin manchen befrieden. Doch beileibe nicht alle. Anne hasst dieses Fest, seit ihr mal beim Bleigießen das Zeug über den Unterarm gelaufen ist. Und der greise Onkel Franz knallt ja gern und fackelt bis zu 100 Kanonenschläge ab. Leider auch drinnen. Der muss an Weihnachten versorgt werden. Bis in den Januar werden die Wirren wohl insgesamt andauern und die Wochenenden mit Einladungen verstopfen. Aber der Friedensplan trägt. Die groben Linien stehen.

Jetzt muss noch eine wichtige Frage geklärt werden: Wer nimmt Oma? Und wann? Sie ist ja ein Schatz. Aber leider auch anstrengend. Das Gehör. Mit Oma zu reden heißt: entfesselt über den Tisch zu brüllen wie ein cholerischer Irrer. Das stresst alle. Und spätestens gegen 20 Uhr will Oma los nach Hause, was heißt, dass jemand sie fahren muss, der dann zum Essen nichts trinken kann. Und seit Oma Ende 80 ist, hat sie auch beschlossen, dass sie keine Kompromisse mehr zu machen braucht. An der Verbal- Flak wird nur noch scharf (und laut) geschossen ("Der Karpfen schmeckt wie Hund hinten!").

Gut, dass Onkel Franz so ein Schweiger ist. Er wird wieder dösend auf einem Sessel sitzen, vor sich hin stieren und nur ab und an zur Unzeit Sätze wie "Was wollten wir in Russland?" einwerfen. Die Lösung ist, dass Oma und Onkel Franz in einem fairen Lastenausgleich auf verschiedene Tage und Familiensparten verteilt werden. Heiligabend wird ausgewürfelt.

"Sag doch gleich fette Sau zu mir!"

Auf einem anderen Zettel werden jetzt die potenziellen Geschenke notiert. Mit Preisen. Denn eins ist klar: Am Ende wird abgerechnet. Da ist es besser, wenn der familieninterne Rechnungshof gleich vorab genau niederlegt, ob die Finanzen gerecht verteilt wurden. Wobei zu beachten ist, dass Blutsverwandte teurer zu beschenken sind als angeheiratete.

Bei gemeinsamen Präsenten für Eheleute müssen die Ausgaben für das leibliche Kind mit drei Viertel des Preises verrechnet werden. Wenn der Haushalt einigermaßen ausgeglichen ist, kann eingekauft werden. Aber bitte mit Bedacht. Geschenke können subtile Botschaften sein oder zumindest als solche gedeutet werden. Unvergessen ist allen die Szene, die Anne Sven gemacht hat, weil er ihr eine Bluse in Größe 40 geschenkt hat, wo sie doch 36 hat. Höchstens 38. "Sag doch gleich fette Sau zu mir!", schrie Anne. Der Rest war Schweigen.

Niemand hat die Absicht ...

Nun zur Planung des festlichen Essens. Auch hier muss ein neuer, sehr großer Zettel her. Die Vorbereitung der Mahlzeiten ist genauso kompliziert wie das Zusammenstellen der Gästelisten. Früher wurde ja gegessen, was auf den Tisch kam. Heutzutage muss die Hausfrau – denn an der bleibt ja meist alles hängen – kochen wie Bocuse bei einem UN-Bankett. Es gilt Vorlieben, Abneigungen, Lebensmittelunverträglichkeiten und Weltanschauungen unter einen Hut zu bringen.

Thomas mag keinen Karpfen. Horst kein rotes Fleisch. Franka ist Vegetarierin. Marie gar Veganerin. Und Margot isst nichts, was einen Schatten wirft. Tante Gerda hat Laktose, Anne speist salzlos. Ina verdaut nur Glutenfreies, und Leo kollabiert bei Nuss. Kompromisse müssen her, politisch korrekte Nebengerichte flankierend zur Hauptspeise gereicht werden. Statt Karpfen wird Thomas ein Putenschnitzel kriegen. Horst darf eine alternative Forelle vertilgen. Die Vegetarierin bekommt Pilze, die Veganerin Baumrinde im Separee, und Leo wird nusslos bleiben, aber wohl maulen, weil man ihm zum Nachtisch keine Torte, sondern "gesunde" Kekse aus grobem Dinkel reichen wird.

So, drei große Diagramme sind fertig. Alles ist vorbereitet. Weihnachten kann kommen. Aber es bleibt ein Restrisiko. Wenn das Essen über die Bühne gebracht ist, könnte der gemütliche Teil des Abends beginnen. Aber dann werden wohl wieder die Jugendlichen unruhig werden. Mitternächtliche Feuerzangenbowlen bei irgendwelchen Kumpeln locken, so etwas trinken die tatsächlich heute wieder. Schweren Herzens hat man sie letztes Jahr ziehen lassen. Mit dem Ergebnis, dass die lieben Kinder beim Mittagessen am ersten Weihnachtstag immer noch stramm wie die Haubitzen am Tisch kauerten und lustlos am Schweinebraten nagten.

Und auch bei den Geschenken muss weiter aufgepasst werden. Die harmlose Frage, ob Mutti oder Papa helfen könnten, die Lego-Raumstation aufzubauen, kann im Horror münden. So mancher hat schon an Heiligabend schwitzend gegen 24 Uhr über Hunderten von Kleinstteilen gesessen und deprimiert registriert, dass noch nicht mal ein Drittel der Astronautenbehausung fertig ist. Das Kind ist dann traurig, und der Partner beschwert sich, dass man wieder den halben Abend nicht zu Gesprächen am Tisch bereit war. Da hilft nur der entschlossen vorgetragene präventive Satz: Niemand hat die Absicht, eine Raumstation zu errichten!

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