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Wirtschaftsethiker Thielemann: "Faktor 25"

Gibt es den gerechten Lohn? Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann macht einen Vorschlag, von dem nicht nur die Chefs profitieren würden.

Herr Thielemann, ab wann ist ein Managergehalt unverschämt hoch?

Das lässt sich nicht vom Schreibtisch des Wissenschaftlers aus festlegen. Aber blicken wir zurück: Vor etwa acht Jahren verdiente ein Konzernvorstandschef etwa 30- bis 50- mal so viel wie seine Mitarbeiter. Im Zuge der New Economy explodierte dieser Faktor auf bis zu 400. Ist das fair? Ich sehe kein ethisches Argument, das dafür spricht. Es ist unplausibel, dass ein Mitarbeiter 400-mal leistungsfähiger sein sollte als ein anderer.

Werden Manager immer raffgieriger?

Vieles deutet darauf hin, wenn es auch Ausnahmen gibt. Aber Maßlosigkeit ist nur der eine Grund für die hohen Gehälter. Der andere ist die Radikalisierung des Managements, vorangetrieben durch Unternehmensberater wie McKinsey: Warum sich mit 12 Prozent Rendite zufriedengeben, wenn doch 25 machbar sind, und sei es durch die Verlagerung ganzer Betriebe ins billige Ausland? Und für diese ökonomische Radikalität wird das Management dann fürstlich entlohnt.

Sind die Millionen nicht eher ein Anreiz, Großes zu leisten?

Wer erst ab ein paar Millionen motiviert ist, sich für das Unternehmen einzusetzen, der disqualifiziert sich streng genommen damit selbst für den äußerst verantwortungsvollen Posten des Vorstandchefs. Er dokumentiert damit, dass er eher geldgesteuert ist, als dass ihm die gute Entwicklung des Unternehmens ein Anliegen wäre.

Was nutzt es einem Manager eigentlich, mehr Geld zu verdienen, als man nach menschlichem Ermessen ausgeben kann?

Es geht Managern nicht ums Ausgeben. Die Millionen sind ein Symbol, zu den Auserwählten zu gehören, die Milliardenumsätze und -gewinne für ihr Unternehmen generieren. Das glauben sie zumindest.

Stimmt es denn nicht, wenn ein Vorstandschef argumentiert: Ich habe Milliardengewinne geschaffen, da ist es nur gerecht, wenn ich einen Bruchteil davon als Gehalt kassiere?

Die Kausalität ist falsch. Nicht der Vorstand hat die Milliarden geschaffen, sondern die arbeitsteilige Organisation, der er lediglich vorsteht. Aus ökonomischer Sicht ist es völlig offen, wie hoch der Anteil eines Vorstandsvorsitzenden an der Wertschöpfung im Unternehmen ist und welches Einkommen sich für ihn daraus ableiten lässt. Das müsste man in jedem Einzelfall prüfen, was schwierig ist.

Ist das nicht ein typisches Neidargument?

Die wenigsten dürften Neid empfinden. Die Menschen sind vielmehr zu Recht empört, wenn ein Manager suggeriert, er allein habe die Gewinne erzielt. Denn damit verletzt er den grundlegenden Teamgedanken bei der Wertschöpfung und degradiert die Mitarbeiter zur reinen Manövriermasse. Und so fühlen sie sich ja dann auch häufig behandelt.

Die Deutschen sind auch erzürnt, weil sich Aufsichtsräte und Vorstände offenbar gegenseitig die Millionen zuschustern.

Hier könnte man in der Tat von einer Art Kartell sprechen. Aber wären die Managergehälter gerechter, wenn der freie Markt sie bestimmen würde? Ich finde, wir sollten die äußerst verantwortungsvolle Position eines Top-Managers und dessen Vergütung nicht den anonymen Kräften des Marktes überlassen. Vielmehr sind die Beteiligten selbst aufgerufen, ein Gehalt zu finden, das fair ist und das sich als solches auch kommunizieren lässt.

Heißt fair nicht auch, dass Manager mehr ins Risiko gehen müssen?

Viele Top-Manager haben im Gegensatz zu ihren Mitarbeitern bereits für ihr Leben ausgesorgt, sollten sie das Unternehmen schon nach nur einem Jahr wieder verlassen. Von Risiko kann da in der Tat kaum die Rede sein.

Können Ethiker nicht "Zehn Gebote für Managergehälter" aufstellen, um Gerechtigkeit zu schaffen?

So einfach ist dies leider nicht, und das ist auch gut so, denn sonst könnten die Ethiker ja zu Königen ernannt werden. Die Aufgabe der Ethik ist es, die Praxis zu orientieren, nicht das Beurteilen überflüssig zu machen. Im Falle der Managergehälter sind hier durchaus die Akteure selbst angesprochen, also Manager, aber auch Aktionäre und Aufsichtsräte. Warum nicht die Bandbreite für die Lohnspanne im Unternehmen festlegen, etwa auf den Faktor 25? Oder dafür sorgen, dass weniger Boni gezahlt und Manager somit weniger anreizgesteuert agieren?

Das wäre dann das Motto: Die Flut hebt das gesamte Schiff.

Genau. Wenn das Management mehr verdienen will, dann muss es eben dafür sorgen, dass auch alle anderen mehr verdienen. Eine solche vergleichsweise sparsame Änderung hätte also weitreichende Konsequenzen. Das Management würde dazu angehalten, das Unternehmen im Sinne ganzheitlicher Prosperität gut zu führen. Und Entlassungen wären zwar kein Tabu, aber doch auch als Misserfolg persönlich spürbar.

Interview: Rolf-Herbert Peters / print
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