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Zahnersatz: Kronen auf Pump

Kreditgeber haben eine neue Zielgruppe entdeckt: Seit für Zahnersatz deftige Zuzahlungen fällig sind, wird der Behandlungsraum zur Bank. Der Traum eines Superstar-Lächelns rückt so in greifbare Nähe - Vorsicht ist aber angebracht.

Von Axel Hildebrand

Keine "Sparlösung" mehr, keine "unschönen Halblösungen". Stattdessen, so wirbt die ABC Bank im Internet, eine "sinnvolle, günstige, rasche, bequeme, flexible, sichere, faire und diskrete" Lösung. Dabei geht es nicht um die Finanzierung der Couchgarnitur oder eines neuen Flachbildschirms. Sondern um die Kosten von Brücken, Kronen und dritten Zähnen.

Seit Januar vergangenen Jahres deckt die gesetzliche Krankenkasse mit ihrem Festzuschuss ohnehin nur die Hälfte der sogenannten Regelversorgung, also der Lösung, die in den meisten Fällen eingesetzt wird. Wer es fürs Kauen und Lächeln feiner haben möchte, muss noch mal kräftig draufzahlen. Und um das möglich zu machen, füllen immer mehr Dentisten Zahnlücken auf Pump.

Rückzug der Krankenkassen gut für Kreditinstitute

Viele Patienten nehmen das Modell an. Das Siegburger Unternehmen Z-Easy etwa, das seine Kredite über 3200 Zahnärzte vertreibt, steigerte seinen Umsatz im vergangenen Jahr um 20 Prozent und vergab über zehn Millionen Euro an Krediten. ZAG Plus, ein weiterer Anbieter, konnte seinen Umsatz in den vergangenen beiden Jahren um jeweils 40 Prozent steigern. "Je mehr sich die Krankenkassen zurückziehen, umso besser ist es für uns", freut sich Z-Easy-Chef Jörg Heinen.

Rund 3600 Zahnärzte vermitteln über die Firma Kredite. Mittlerweile, so schätzen Branchenkenner, bieten bis zu 20 000 der knapp 56 000 niedergelassenen Zahnärzte in Deutschland ihren Patienten Finanzierungsmodelle an.

Und so läuft das Geschäft: Verzieht der Patient beim Kostenvoranschlag des Zahnarztes allzu sehr die Mundwinkel, bietet ihm dieser einen passenden Kredit über einen Finanzdienstleister oder die Bank an. Mit einem bunten Flyer in der Hand kann der Arzt leichter argumentieren: Kein Problem, lieber Patient, die Rechnung kann binnen 6, 12 oder auch 72 Monaten abgestottert werden.

Dentallabore subventionieren Kreditgeber

Als einer der großen Finanziers der deutschen Zähne versorgt die Postbank über ihre Baufinanzierungstochter BHW-Bank rund 3500 Labore und Zahnarztpraxen mit Kapital. Ihr Umsatz kletterte bei den Dentalkrediten von drei Millionen Euro im Jahr 2005 auf geschätzte fünf Millionen Euro in diesem Jahr. Im Hintergrund stehen die Dentallabore, die den Zahnersatz in den meisten Fällen für den Zahnarzt anfertigen. Sie subventionieren die Kreditgeber; mal mit vier, mal mit fünf Prozent. In der Branche ist man über jede zu fertigende Krone froh. "Wir nutzen jede Möglichkeit, um an Aufträge zu kommen", sagt Laborchef Frank Rössling aus Siegen. "Jeder verlorene Cent tut weh."

Durch die Subvention der Labore ist der effektive Jahreszins für den Patienten in der Regel günstiger als bei einem normalen Bankkredit. Wer seinen Kredit binnen sechs Monaten zurückzahlt, kommt oft sogar zinsfrei davon. Danach steigen die Zinsen, bei Z-Easy etwa auf 2,9 Prozent bei einem Jahr, 6,9 Prozent bei zwei Jahren und bis auf 8,9 Prozent über drei Jahre.

Versuchung, sich für Edellösung zu entscheiden

Mit ihren Angeboten wollen Labore und Zahnärzte Patienten natürlich auch bewegen, ihren Zahnersatz ein oder zwei Klassen besser als unbedingt nötig fertigen zu lassen - statt einer Prothese für die Zahnlücke (rund 360 Euro Laborkosten) beispielsweise gleich die keramisch verblendete und fest zementierte Implantatbrücke (Laborkosten rund 5000 Euro) zu erwerben.

"Der Schritt, sich statt einer Stahlkrone für den Vorderzahn eine Vollkeramikkrone einsetzen zu lassen, wird erheblich erleichtert", sagt Silke Fritz, Geschäfts-führerin eines Dentallabors in Halle. Und Laborleiter Rössling sagt, dass er auf Patienten hofft, die beschließen: "Wenn ich schon zuzahle, dann nehme ich auch die bessere Lösung."

Wie bei jedem anderen Kreditgeschäft besteht allerdings auch hier die Gefahr, dass sich Kunden finanziell übernehmen. Wer strahlende Zähne wie ein Filmstar wünscht, hat nicht zwangsläufig auch dessen Einkommen.

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