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Neues Gesetz in Planung Deutschland und die Frauenquote: Das ist der Stand in Wirtschaft, Politik und Kultur

Frauenquote
Noch immer sind Frauen in deutschen Vorständen eine Seltenheit. Jetzt hat sich die Groko auf eine Ausweitung der Frauenquote geeinigt
Die gesetzliche Frauenquote wird ausgeweitet - darauf hat sich die Groko verständigt. Aber wie sieht es überhaupt momentan im Land aus? Ein Überblick über Männer- und Frauenanteile in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Sport.
Von Viola Kiel. Mitarbeit: Sarah Stendel

Ungefähr 51 Prozent der Menschen in Deutschland sind weiblich. Frauen sind also in der Mehrheit – aber nicht, wenn es um Führungspositionen geht. In der Wirtschaft, in der Politik, in der Wissenschaft, in der Kultur- und Medienbranche, im Sport sind sie in leitender Position unterrepräsentiert. Immer noch. Darauf hat die Politik nun reagiert: Am Freitag einigte sich die Groko grundsätzlich auf eine verbindliche Frauenquote in Vorständen. Bei börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern im Vorstand muss demnach künftig ein Mitglied eine Frau sein.

Es ist die Ausweitung eines Gesetzes, das 2015 in Kraft trat. Seither sind bestimmte Unternehmen zu einer Frauenquote von 30 Prozent in den Aufsichtsräten verpflichtet. Die Zahl weiblicher Aufsichtsräte ist dadurch deutlich gestiegen. Anders sieht es in den Vorständen aus: In elf von 30 DAX-Unternehmen sitzt keine einzige Frau im Vorstand. Das soll sich durch die neue gesetzliche Quote jetzt ändern. In welchen Gesellschaftsbereichen es in Deutschland bereits Quoten gibt, wie sie bewertet werden, und wo sie vielleicht noch kommen, zeigt der folgende Überblick.

Wirtschaft

Seit die Frauenquote für Aufsichtsräte großer Unternehmen gilt, sind mehr Frauen in die Chefetagen eingezogen: 2020 lag der Frauenanteil in den Führungsgremien der Börsenunternehmen bei durchschnittlich 32 Prozent – 2015 waren es weniger als 20 Prozent. Ein voller Erfolg. Aber: Die Quote gilt nur für eine begrenzte Zahl von Unternehmen – derzeit 105. Das soll sich nun ändern: Das neue Gesetz betrifft auch Unternehmen mit Mehrheitsbeteiligung des Bundes. Außerdem soll bei den Körperschaften des öffentlichen Rechts wie den Krankenkassen und bei den Renten- und Unfallversicherungsträgern sowie bei der Bundesagentur für Arbeit eine Mindestbeteiligung  in Vorständen eingeführt werden. 

Bisher mussten börsennotierten oder mitbestimmungspflichtigen Unternehmen für den Frauenanteil im Vorstand lediglich eine Zielgröße festlegen. Diese Zielgröße darf aber "null" lauten. 55 von 106 Börsenunternehmen nutzen derzeit diese Möglichkeit, darunter Sixt, Delivery Hero, Krones, 1&1 Drillisch oder die Deutsche Wohnen. Und: Zwei von drei börsennotierten Unternehmen haben keine einzige Frau im Vorstand. 

Politik

Im Deutschen Bundestag sind 31 Prozent der Abgeordneten Frauen. Viele Parteien verfolgen eigene Ansätze für mehr Gleichberechtigung:

  • Die Grünen haben schon bei ihrer Gründung eine paritätische Verteilung beschlossen – auf Wahllisten gehen die Plätze mit einer ungeraden Zahl an Frauen, bei einer Doppelspitze muss mindestens eine Frau vertreten sein. Mit 41 Prozent Frauen (2019) haben die Grünen mehr weibliche Mitglieder als jede andere Partei in Deutschland. Im Bundestag sind 58 Prozent der Grünen-Abgeordneten Frauen.
  • Unter den Bundestagsabgeordneten der Linkspartei sind 54 Prozent Frauen. Eine Quote von 50 Prozent ist in der Satzung verankert. Bundesweit sind 36 Prozent der Parteimitglieder Frauen.
  • In der SPD gilt eine Geschlechterquote von 40 Prozent: In Parteifunktionen und auf Wahllisten müssen zu mindestens zwei Fünfteln Frauen vertreten sein. Im Bundestag sind 43 Prozent der SPD-Vertreter Frauen, insgesamt war 2019 jedes dritte Mitglied weiblich.
  • Um eine Frauenquote gerungen wird derzeit in der Union: Die Satzungskommission hat beschlossen, dass die Kandidatenlisten für die Bundestagswahl ab Januar 2021 mit 30 Prozent Frauen besetzt werden müssen. Bis 2025 soll der Frauenanteil auf 50 Prozent erhöht werden. Falls sich keine Frau findet, müsste der Platz freibleiben. Auf dem Parteitag, der im Januar stattfinden soll, muss dieses Vorhaben aber noch bestätigt werden. Etwa jedes vierte CDU-Mitglied ist eine Frau, im Bundestag hat die Union einen Frauenanteil von knapp 21 Prozent.
  • Gegen eine Frauenquote sind die FDP und die AfD. Die FDP, mit einem Frauenanteil von 22 Prozent im Bundestag, fordert mehr Zielvereinbarungen statt fester Quoten. Die AfD, die mit 11 Prozent die wenigsten weiblichen Abgeordneten hat, lehnt Frauenquoten in jeder Form ab.

In den Länderparlamenten entfällt ein Drittel der Mandate auf Frauen. Zwei Versuche, Parität in den Landtagen herzustellen, scheiterten kürzlich vor dem jeweiligen Verfassungsgericht: In Thüringen und Brandenburg kippten die Gerichte Gesetze, die alle Parteien verpflichten sollten, zu gleichen Teilen weibliche und männliche Kandidaten aufzustellen. Die Richter bewerteten das Recht auf freie Wahl höher als die im Grundgesetz verankerte Pflicht zur Herstellung von Gleichberechtigung: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin",  steht in Artikel drei.

Wissenschaft

2019 war lediglich ein Viertel der Hochschulprofessuren mit einer Frau besetzt, und das, obwohl 52 Prozent der Absolventen weiblich sind. Zudem werden Frauen in wissenschaftlichen Publikationen weniger häufig zitiert, sie sind weniger häufig Erstautoren, sie erhalten seltener Stipendien. Der Deutsche Akademikerinnenbund sieht eine Quote allerdings nicht als alleinige Lösung. In einer Stellungnahme des Vereins heißt es: Frauen würden in der Wissenschaft strukturell benachteiligt. Ein wesentlicher Grund dafür seien unsichere, befristete Beschäftigungsverhältnisse

Kultur

Auch viele Kulturschaffende kritisieren: Frauen erhalten nicht dieselben Chancen, ihr Können zu zeigen. Die Initiative "Pro Quote Film" vertritt über 500 Frauen in kreativen Berufen aus der Film- und Fernsehbranche. Ihre Mitglieder bemängeln: Nur 20 Prozent der fiktionalen Rollen sind für Frauen. Davon ist nur jede hundertste die Rolle einer Managerin, einer Politikerin oder einer Wissenschaftlerin.

Doch es gibt Verbesserungen: Mittlerweile ist im Filmförderungsgesetz festgeschrieben, dass die Vergabekommissionen der Filmförderungsanstalt geschlechtergerecht besetzt werden muss. Und die ARD verfolgt seit mehreren Jahren eine Zielvorgabe von 20 Prozent für Regisseurinnen.

Sport

Einige Sportverbände bemühen sich um geschlechtergerechte Ausgewogenheit. Im Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sind vier von neun Mitgliedern Frauen. Auch der Deutsche Fußballbund (DFB) sieht sich in der Pflicht: In einem Interview mit der ZEIT sagt der Präsident Fritz Keller: "Wir müssen mit allen Mitteln versuchen, den Frauenanteil in den Führungspositionen unserer Mitgliederstruktur anzupassen.“ Wenn sich kein anderer Weg finde, ziehe man auch eine Frauenquote in Betracht.


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