HOME

AUSSTELLUNG: Eine documenta für alle

Bislang gab bei der documenta allein die westliche Kunst den Ton an. Mit Okwui Enwezor, dem ersten nicht-europäischen Leiter der Ausstellung, erhalten in diesem Jahr auch Kunstwerke aus Afrika, Asien und Lateinamerika Einzug.

Das Etikett »Weltkunstausstellung« wird der documenta schon seit langem angeheftet. Doch die »Welt«, deren Kunst in Kassel gezeigt wurde, bestand bislang vornehmlich aus Europa und den USA. Künstler aus Afrika, Asien oder Lateinamerika kamen dagegen kaum zum Zuge. Noch vor fünf Jahren bügelte Catherine David, Leiterin der vergangenen documenta, Kritik an einer einseitigen Ausrichtung barsch ab: Die documenta sei schließlich nicht die UNO und müsse deshalb nicht alle Länder der Welt berücksichtigen.

Erstmals ein Nicht-Europäer als Kurator

Bei der kommenden elften documenta, die vom 8. Juni bis 15. September ihre Tore öffnet, soll sich das ändern. Mit Okwui Enwezor - in Nigeria geboren und aufgewachsen, in den USA lebend - wurde erstmals in der fast 50-jährigen Geschichte der Kasseler Kunstschau ein Nicht-Europäer zum Kurator bestimmt. Seine Teilnehmer- Liste ist so weltumspannend wie noch nie: Mehr als 40 der 118 eingeladenen Künstler oder Künstlergruppen stammen aus einem afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Land. »Kunst ist nicht nur in einem Teil der Welt zu Hause«, betont der documenta- Chef.

Doch damit nicht genug. Es war das Anliegen Enwezors, die bisher vernachlässigten Teile der Welt unmittelbar an der documenta teilhaben zu lassen: Drei der vier Diskussionsplattformen, bei denen Wissenschaftler und Bürgerrechtler im Vorfeld der Ausstellung über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen künstlerischer Produktion debattierten, fanden in Staaten der Dritten Welt statt - im indischen Neu Delhi, in Lagos (Nigeria) und auf der Karibik-Insel St. Lucia.

Westlichen Blick in der Kunst überwinden

Trotz der demonstrativen Aufmerksamkeit seitens der documenta- Macher blieb die große Euphorie in diesen Ländern bisher jedoch aus - die Reaktionen sind freundlich, aber nicht frei von Skepsis. Ein Bruch mit der eurozentrischen Tradition sei dringend nötig, so der Tenor, aber wie tief er wirklich werde, bleibe abzuwarten. Von einem »ehrenvollen Versuch«, den westlichen Blick in der Kunst zu überwinden, schrieb etwa die Zeitung »India Today«. Das ebenfalls indische Blatt »The Pioneer« legte den Finger direkt in die Wunde und warf die Frage auf, warum unter den 40 während der Plattform in Neu Delhi gezeigten Filmen nur sechs asiatische gewesen seien.Ganz andere Sorgen treiben dagegen die nigerianischen Medien um. »Enwezor setzt verstärkt auf afrikanische Kunst«, jubelte die Tageszeitung »This Day« bereits im vergangenen Jahr. Als der viel Gelobte aber im März zur Auseinandersetzung mit den Problemen afrikanischer Städte nach Lagos kam, nahmen die örtlichen Künstler und Galeristen daran kaum Anteil. »Der offensichtliche Fall eines Propheten, der in der Fremde geehrt wird und zu Hause nichts gilt«, bilanzierte »The Post Express« lapidar.

Widerstand gegen Entdecker-Attitüde

Für den Kunsthistoriker Gerhard Haupt ist dieses Desinteresse verständlich: »Die Plattformen kamen mir wie Abenteuertourismus vor - man meint sich in eine Region zu begeben, sitzt aber doch nur als exklusiver Kreis im Konferenzsaal«, sagt Haupt, der gemeinsam mit der Argentinierin Pat Binder das Internet-Informationssystem »Universes in Universe« für Kunst aus Afrika, Asien und Lateinamerika aufbaut. Unter den Künstlern in diesen Teilen der Welt wachse zudem der Widerstand gegen die »Entdecker-Attitüde« der Ausstellungsmacher, die sich plötzlich für ihre Arbeiten interessierten. »Dabei sollte das doch heutzutage eigentlich selbstverständlich sein.«

Noch schärfere Töne schlägt der auf afrikanische Kunst spezialisierte Berliner Galerist Peter Herrmann an. »Es ist schlicht so, dass die documenta in Afrika niemanden interessiert«, fasst er seinen Eindruck zusammen. »Die Plattformen wurden nach meinem Eindruck einfach für einen Riesenkrampf gehalten.« Einer der von ihm vertretenen Künstler habe vor kurzem sogar die Erlaubnis zur Veröffentlichung eines Bildes zurückgezogen, als er erfahren habe, dass im selben Buch auch die Kasseler Kunstschau vorkommen sollte, erzählt der Galerist. »Der Mann wollte einfach nicht in einen Zusammenhang mit dieser documenta gebracht werden.«

Joachim F. Tornau, dpa