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Ein Bild und seine Geschichte: Endstation Mogadischu

Deutschland im Herbst 1977. Der RAF ist jedes Mittel recht, um ihre inhaftierten Kampfgenossen freizupressen. Jetzt bekommen sie auch noch Unterstützung von einer palästinensischen Terrorgruppe. Doch die Entführung einer Lufthansa-Maschine endet in Mogadischu.

Von Philipp Gülland

Erschöpft liegt sie auf der Trage: Das Gesicht mit Blut und Dreck verkrustet, strähnige dunkle Locken kleben auf Stirn und Wangen. Che Guevaras Konterfei prangt auf der Brust ihres Shirts. Suhaila Andrawes hebt eine schwache rechte Hand und formt das Victory-Zeichen - aber sie hat verloren. Es ist der frühe Morgen des 18. Oktober 1977, ein Dienstag. "Ich merkte, das ich getroffen war", sagt die Terroristin später aus. Von den vier Entführern der "Landshut", einer Lufthansa-Boeing, hat sie den Zugriff der GSG-9 als einzige überlebt. Die Geiseln - 86 Passagiere, drei Stewardessen und der Copilot - bleiben unverletzt.

Terror-Regime über den Wolken

Als die deutschen Antiterror-Polizisten in die Maschine eindringen, liegt eine fünftägige Odyssee hinter den Insassen. Kurz nach dem Start von Palma de Mallorca hat ein Kommando der palästinensischen PFLP den Ferienflieger in sein Gewalt gebracht. Zwei Männer, zwei Frauen - bewaffnet mit Pistolen und Sprengstoff, Anführer ist der 23-jährige Libanese Zohair Youssif Akache, der sich "Captain Martyr Mahmud" nennt. Er schlägt und erniedrigt immer wieder Besatzungsmitglieder und Passagiere, die sich nach Beginn der Entführung für Stunden nicht bewegen dürfen. "Es war ein Terror-Regime", erinnert sich die damalige Stewardess Gabriele von Lutzau.

Erster Stopp der Odyssee ist Rom. In Bonn liegen die Nerven blank: Innenminister Werner Maihofer will die Reifen des Fliegers zerschießen lassen. "Das wäre ein Blutbad geworden", sagt Copilot Jürgen Vietor heute. Ohne Erlaubnis startet die Boeing 737 am Abend und fliegt über Zypern und Bahrain nach Dubai am Persischen Golf. Wie zuvor Beirut, Damaskus, Bagdad und Kuwait hatten die Behörden die Landung verboten - keiner will das Problem im eigenen Land. Den Terroristen ist das egal. Ihr Ziel ist die Freipressung der in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen - ein Freundschaftsdienst unter Revolutionären. Auch, weil die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch ein RAF-Kommando nicht den gewünschten Erfolg bringt.

Eine Frage der Souveränität

Beide Seiten stehen unter enormem Druck. Immer wieder drohen die Entführer mit der Erschießung von Geiseln, richten schließlich in Aden im Südjemen den Kapitän der Maschine, Jürgen Schumann, hin. In Mogadischu drohen die Palästinenser mit der Sprengung der Boeing, sollte die Bundesregierung ihre Forderungen nicht erfüllen. Für Bundeskanzler Schmidt und sein Kabinett ist es nicht weniger als eine Frage der eigenen Souveränität, in Bonn will man sich nicht erpressbar machen.

Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, wegen seiner Kontakte in die arabische Welt auch "Ben Wisch" genannt, reist der entführten Maschine als Unterhändler hinterher und setzt sich für die Befreiung der Geiseln durch die GSG-9 ein. Ein Team der 1973 gegründeten Anti-Terror-Einheit folgt der entführten Lufthansa-Boeing und wartet auf das Okay zum Zugriff. In Somalia ist es dann soweit, Kommandant Wegener plant die Befreiungsaktion. Die Entführer hält man mit der Zusage hin, die geforderten RAF-Kader seien frei und auf dem Weg nach Mogadischu.

"Auf den Boden! Wo sind die Schweine?"

Sechs Sturmtrupps zu je fünf Mann schleichen sich im Schutz der Dunkelheit vom Heck aus an die "Landshut" an. Unter der Maschine angekommen, bauen sie sich lautlos unter den sechs Türen auf, legen vorsichtig Leitern an die Aluminiumhaut des Jets. Um fünf Minuten nach Zwölf fällt das Stichwort "Magic Fire". Blendgranaten detonieren, die Türen werden aufgerissen, das Flugzeug gestürmt. "Es gab einen Schlag, und ich hörte deutsche Stimmen: 'Runter! Auf den Boden! Wo sind die Schweine?'", berichtet die ehemalige Stewardess Gabriele von Lutzau später. Sieben Minuten später haben die vermummten Deutschen ihre Arbeit erledigt. Die Bilanz: Alle Passagiere unverletzt befreit, ein Beamter leicht verletzt, drei Terroristen tot. Eine Nation erleichtert. Um 0.12 Uhr meldet Staatsminister Wischnewski dem Bundeskanzler telefonisch: "Die Arbeit ist erledigt."

Die in Stammheim inhaftierten RAF-Führer, deren Freipressung die Entführung der "Landshut" galt, werden am nächsten Morgen tot in ihren Zellen aufgefunden: Andreas Baader und Jan-Carl Raspe haben sich mit eingeschmuggelten Waffen erschossen, Gudrun Ensslin erhängte sich mit einem Lautsprecherkabel. Zwei Tage nach der geglückten Geiselbefreiung wird die Leiche des entführten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer im Kofferraum eines Audi 100 im elsässischen Mülhausen gefunden, von der RAF hingerichtet. Der deutsche Herbst ist vorbei.

Der Fernsehfilm "Mogadischu" von Regisseur Roland Suso Richter mit Nadja Uhl und Thomas Kretschmann läuft am kommenden Sonntag, 30. November, um 20.15 Uhr im Ersten